Vorwort

Nachdem die Region Oberschlesien jahrhundertelang als Brückenlandschaft zwischen Deutschland und Polen fungierte und zum Teil die Tradition und Kultur beider Völker in sich vereinte, wurde sie aufgrund eines durch vielfältige soziale Differenzen entstandenen Konfliktpotentials zum Brennpunkt, das seinen Höhepunkt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fand.

Die vorliegende Facharbeit thematisiert das Problem des Friedenschließens zwischen dem neu entstandenen Polen sowie der von den Nachkriegsfolgen belasteten Weimarer Republik. Auf der Grundlage des Versailler Vertrags dem für Deutschland verbindlichen Handlungsrahmen schildert die Ausarbeitung den verbitterten Kampf beider Nationen um Oberschlesien.

Fernerhin wird dem Initiator der Polnischen Aufstände, Albert (Wojciech) Korfanty, eine besondere Signifikanz verliehen. Seine persönliche Entwicklung und Handlungsmotivation vermittelt charakteristische Merkmale, die stellvertretend die politische Gesinnung zahlreicher polnischen Bürgern der damaligen Zeit widerspiegeln.

Die Facharbeit versucht, die gesellschaftlich-konfessionellen Unterschiede darzustellen, sie weist auf sprachliche und kulturelle Hintergründe hin, ohne auf vergleichende Analysen der polnischen und deutschen Bevölkerung Oberschlesiens zu verzichten.

Die Struktur legt wert auf eine chronologische Präsentation der Ereignisse, die mit der Formulierung des Versailler Vertrages den Ausgangspunkt findet. Die für die weitere Entwicklung relevante Persönlichkeit Albert (Wojciech) Korfantys wird in einer Teilbiographie skizziert, so daß die folgenden zwei Polnischen Aufstände nachvollziehbar wirken. Den inhaltlichen Höhepunkt bildet das Plebiszit, dem eine aufwendige, hier ausführlich geschilderte, Propagandaarbeit vorherging. Das Kapitel endet mit einer Wahlanalyse. Der Gipfel der militärischen Aktivitäten, der dritte Polnische Aufstand, aus dem die Teilung Oberschlesiens resultierte, vervollständigt die Bemühungen um eine Lösung der oberschlesischen Frage. Das Ergebnis der Genfer Konvention rundet das Geschehen zwischen 1919 und 1922 diplomatisch ab.

Die Materialwahl basiert auf deutsch- und polnischsprachigen Werken neueren Datums, wobei ebenfalls eine neutrale Position eines amerikanischen Herausgebers berücksichtigt wurde. Eine historische Quelle, die Rede des Reichspräsidenten Friedrich Eberts, wird nebst veranschaulichenden Illustrationen im Anhang beigefügt.
 
 

"Wo nur gleichberechtigte Thesen sind, aber nicht Wahrheit

Rechte, aber nicht das Recht, wird die Gewalt gebieten."

Reinhold Schneider

1. Versailler Vertrag

1.1. Friedenskonferenz

Der Versailler Vertrag beinhaltet die für Deutschland signifikanten Verhandlungsbeschlüsse der Pariser Vorort-Verträge, welche den Ersten Weltkrieg völkerrechtlich beendeten. Die Friedenskonferenz, an der 27 Staaten teilnahmen, die gegen die Mittelmächte kämpften, wurde am 18. Januar 1919 eröffnet.

Das bestimmende Organ bildete der Rat der Vier, bestehend aus den Regierungsvertretern der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und Italiens. Die Repräsentanten der Siegermächte genossen maßgebend die Autorisation für die Ausarbeitung des Vertrages, die Delegation der Weimarer Republik hingegen war von der Konferenz ausgeschlossen. Eine beratende Funktion nahmen die Abgesandten Polens ein, welche die Errichtung eines Staates beabsichtigten, dessen Territorium über die bisherigen Grenzen ausgedehnt werden sollte.

Der Versailler Vertrag, konzipiert aus 440 Artikeln, die wiederum in 15 Kapiteln unterteilt wurden, involvierte die Völkerbundssatzung im ersten Teil und bezog ferner die Grenzziehungen und Volksabstimmungen in seinem zweiten Element ein. Einen essentiellen Bestandteil stellten die Gebietsabtretungen dar, die auf 70.579 km² exklusive der deutschen Kolonien beziffert wurden. Weiterhin wurden militärische Bestimmungen thematisiert, welche eine massive materielle Abrüstung vorsahen sowie die Truppenreduzierung auf 100.000 Soldaten festlegten. Überdies reglementierte der Kriegsschuldartikel (Artikel 231) die Anerkennung der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands und verpflichtet in Artikel 232 zur Wiedergutmachung gegenüber der Zivilbevölkerung der alliierten Mächte in Form von Reparationszahlungen. Um den Instruktionen Nachdruck zu verleihen, wurde laut Artikel 428 die Besatzung des linken Rheinufers auf 15 Jahre verordnet.

Die Übergabe der Auflagen fand am 7. Mai 1919 im Speisesaal des Trianon-Palast-Hotels am Rande des Parks von Versailles an Außenminister Graf Brockdorff-Rantzau statt. Am 16. Juni folgte die ultimative Aufforderung zur Vertragsannahme binnen fünf Tagen, so daß die Weimarer Nationalversammlung am 22. Juni 1919 mit 237 gegen 138 Abgeordneten bei sechs Enthaltungen der Unterzeichnung zustimmte. Die Reichsminister Müller und Beel unterzeichneten den Vertrag zwischen den alliierten und assoziierten Mächten und der Weimarer Republik am 28. Juni 1919.

Obgleich die finanzielle und materielle Belastung des am 10. Juni 1920 in Kraft tretende Versailler Vertrags sowie die psychische Demütigung die Bevölkerung Deutschlands zutiefst erschütterte, konnte der politische Status einer potentiellen Großmacht erhalten werden. Die außenpolitischen Ziele orientierten sich fortan hinsichtlich einer Revision des Vertrages.

1.2. Völkerbund

Der Präsident der Vereinigten Staaten, der Demokrat Woodrow Thomas Wilson, initiierte mit seinen "Vierzehn Punkten" vom 8. Januar 1918 die Gründung des Völkerbundes als Fundament für ein "Programm des Weltfriedens". Die Formulierung der Völkerbundssatzung präsentierte in den Artikeln 1-26 den Höhepunkt des Versailler Vertrages. Der Leitgedanke bestand substantiell aus der kollektiven Sicherheit, als Basis zur Wahrung des Weltfriedens. Ferner bot die territoriale Integrität der Mitglieder sowie die internationale Zusammenarbeit eine stabile Sicherheit. Die Satzung erklärte bewaffnete Konflikte jeglicher Art zu völkerrechtlichem Unrecht und garantierte die Souveränität aller Staaten. Eine Maßnahme, die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wahrgenommen wurde, bestand aus der Überwachung der Abrüstung sowie der Verwaltung ehemals deutscher und türkischer Gebiete.

Zu den ständigen Mitgliedern des Völkerbundes zählten vorerst Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und China. Die Generalversammlung wählte für jeweils drei Jahre vier weitere, nichtständige Mitglieder. Der Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika ratifizierte die Pariser Vorort-Verträge und somit die Völkerbundsatzung nicht, so daß die USA in der Organisation keine Einflußnahme ausübte. Während seines 26-jährigen Bestehens gehörten zum Völkerbund insgesamt 63 Staaten.

Die multinationale Institution, mit Sitz in Genf, wies drei Hauptorgane auf:

  1. Die Generalversammlung, die jährlich tagte und in der jeder Mitgliedsstaat mit einer Stimme und maximal drei Delegierten vertreten war.
  2. Der Völkerbundrat, dem die ständigen sowie die vier gewählten Mitglieder angehörten.
  3. Das Ständige Sekretariat, welches unter der Leitung des Generalsekretärs mit seinen 500 Mitarbeitern administrative Aufgaben übernahm.
1.3. Artikel 88 §§ 1-6

Der Versailler Vertrag regelte das Verhältnis Deutschlands mit Polen in den Artikeln 87 bis 93, während Artikel 88 speziell Oberschlesien thematisierte. Der Vertragstext beinhaltet den Aufruf an die Bevölkerung, durch Volksabstimmung über die Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen zu entscheiden, wobei das abstimmungsberechtigte oberschlesische Gebiet geographisch exakt lokalisiert wurde.

Der Anhang des Artikels konkretisiert die sozialpolitischen Umstände Oberschlesiens, unter denen die Volksabstimmung durchgeführt werden sollte. Gemäß dem ersten Paragraph wurden deutsche Beamte nebst Soldaten aufgefordert, das Land ultimativ zu verlassen. 14 Tage nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages galt es sämtliche Arbeiter- und Soldatenräte aufzulösen sowie verschiedenste militärische Körperschaften aufzuheben.

Paragraph zwei ordnete die Unterstellung eines jeden abzustimmenden Bezirks der Oberhoheit der Interalliierten Kommission (IK) an, welche das Land militärisch besetzte und seitens Deutschlands laut Vertrag logistisch unterstützt werden mußte. Die Machtbefugnisse der Interalliierten Kommission, die im dritten Paragraph festgelegt wurden, umfaßten mit Ausnahme der Gesetzgebung und des Steuerrechts die komplette Handlungsbreite der deutschen Regierung. Der Hauptaspekt des Engagements der IK betraf die Sicherstellung der Durchführung einer "freien, unbeeinflußten und geheimen Abstimmung."

Die Konditionen der Volksabstimmung wurden weiterhin in Paragraph vier verdeutlicht. Demnach waren Personen beiderlei Geschlechts zum Votum berechtigt, welche ihr 20. Lebensjahr am 1. Januar vollendeten sowie im Abstimmungsgebiet geboren wurden oder dort ihren Wohnsitz nachweisen konnten. Das Resultat galt es anhand der Stimmenmehrheit in den jeweiligen Gemeinden zu konstatieren.

Das Verfahren nach der Volksabstimmung regelte der fünfte Paragraph insofern, daß nach der Auswertung der Stimmen eine Festlegung einer neuen Grenzlinie unter geographisch-wirtschaftlichen Aspekten getroffen werden sollte. Anschließend würden die Kompetenzen auf die jeweilige deutsche respektive polnische Regierung seitens der Interalliirten Kommission übertragen, so daß die Machtbefugnisse der Kommission mit der Aufnahme der nationalen Verwaltung ihr Ende nahmen.
 
 



2. Biographie: Albert (Wojciech) Korfanty

Albert (Wojciech) Korfanty kam als Sohn von Karoline (geb. Klecha) und dem Bergmann Joseph Korfanty am 20. April 1873 in der Zechensiedlung Siemianowitz-Sadzawki nahe der deutsch-russischen Grenze, zur Welt. Seine Kindheit verbrachte Albert Korfanty, der mit zwei Schwestern und Brüdern aufwuchs, unter ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Haus, welches von etwas Land umgeben und etwaigen Kleintieren versehen war. Korfanty besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr die örtliche Volksschule. Aufgrund seiner herausragenden Motivation und seiner arbeitsamen, pflichbewußten Leistungen wurde ihm von seiner Lehrkraft, ein Wechsel an das städtische Gymnasium in Kattowitz nahegelegt, den Korfanty in Anspruch nahm, ohne das obligatorische Schulgeld entrichten zu müssen. Trotz der finanzschwachen Situation des Elternhauses erfreute sich Korfanty somit ab Ostern 1888 des Unterrichts in der Quinta des katholischen Gymnasiums.

Bereits die Jugenderfahrung prägte den selbstbewußten, kritisch reflektierenden Korfanty, bezüglich der Beobachtung und Beurteilung seiner sozial - kulturellen Umwelt. Die kontrastvolle Begegnung in der Schule zwischen Korfanty, dem Sohn eines oberschlesischen Industriearbeiters "wasserpolnischer" Sprache und der entsprechenden Kultur, welche maßgebend katholisch geprägt war, sowie dem deutschen, zahlungsfähigen Bürgertum, vorwiegend protestantischen Ursprungs. Korfanty konstatierte anhand eigener Erfahrung bereits in frühen Jahren das nationale und konfessionelle Konfliktpotential Oberschlesiens.

Die Handlungsweise Korfantys skizziert die Intensität des unerträglichen deutsch-polnischen Spannungsverhältnisses. Seine mit Eigeninitiative verbundene Willenskraft führte zu facettenreichen Aufschlüssen der Mißstände auf Seiten der polnischen Bevölkerung. Während seiner Schulzeit war Korfanty politisch höchst interessiert, besuchte öffentliche Symposien und verfolgte die regionale Presse, insbesondere den populären, auflagenstarken "Katolik", der die lokalen und konfessionellen Probleme thematisierte. Korfanty selbst hielt Vorträge in polnischen Vereinen, publizierte nationalistisches Propagandamaterial und aktualisierte seinen Informationsstand auf patriotischen Kongressen. Sein politisches Engagement wurde ihm jedoch zum Verhängnis, stoppte es doch abrupt seinen persönlichen Fortschritt, indem er am 14. August 1895 mit 22 Jahren der Schule verwiesen wurde, so daß ihm damit ein Ablegen des "Abiturium" verwehrt war. Die resolute Maßnahme fand ihre offizielle Begründung in Korfantys Ausübung von großpolnischer Propagandaarbeit.

Die Zäsur im Bildungsweg des augenfällig attraktiven Junggesellen führte jedoch nicht zu nachteiligen Auswirkungen in seiner gesellschaftlichen Umgebung. Er kanalisierte seine Kräfte nunmehr nachhaltig in politische Bahnen und wurde 1903 in den Deutschen Reichstag und 1904 in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt, wobei er bis 1912 als Anwalt für die nationalen und sozialen Rechte der oberschlesischen Polen eintrat. Nach einer ominösen Finanzaffäre und zwischenzeitlicher politischer Isolation, wurde Korfanty 1918 abermals in den Reichstag befördert, so daß er sich seiner Mission, der Errichtung eines souveränen polnischen Staates widmen konnte, welcher ausdrücklich die Inbesitznahme des wirtschaftlich starken Oberschlesiens vorsah. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches wurde Korfanty, aufgrund seiner politischen Erfahrung und Kenntnis der oberschlesieschen Situation, von der Warschauer Regierung zum polnischen Plebiszitkommissar ernannt.
 
 



3. Der erste Polnische Aufstand

3.1. Kampfhandlung

Am 17. August 1919 um circa 2 Uhr nachts wurde der erste Polnische Aufstand in Paprotzan, im Kreis Pleß gelegen, initiiert. Die Insurgenten überwältigten die Wachen des lokalen Artilleriedepots und ergriffen die gelagerten Kampfmittel nebst einer Vielzahl von Munition. Eine weitere Bestrebung der Aggressoren war die Okkupation des Kreises Pleß, der Oberschlesien im Südosten eingrenzt. Dies mißlang jedoch aufgrund eines couragierten Einsatzes des deutschen Freikorps, welcher zur Stabilisierung der Situation in der Region beitrug. Die Insurgenten konnten ihrerseits richtungweisende Erfolge am 18. August in den Kreisen Tarnowitz, Beuthen als auch Kattowitz verbuchen. Die Diskrepanz in den aufgeführten Städten des Industriereviers, welches ohnehin von sozialen Unruhen belastet war, bestand aus dem Grundproblem der Freikorps, streikende, oberschlesische Arbeiterschaft von den Insurgenten zu unterscheiden. Am gleichen Tag setzten die nunmehr aus vielerorts zur Hilfe eilenden Freiwilligen (15.000) und standen ungefähr 22.000 Insurgenten gegenüber. Zum Zeitpunkt des Aufstandes waren noch keine Truppen der Interalliierten Kommission zu verzeichnen, so daß für die deutsche Seite eine reelle Möglichkeit der systematischen Gewalteindämmung bestand. Nach schweren Gefechten vom 18. bis 19. August mäßigte sich die Situation nachfolgend, so daß am 25. August die Kämpfe eingestellt und tags darauf der Belagerungszustand aufgehoben wurde. Die Insurgenten zogen sich in ihr Herkunftsgebiet zurück.

Der erste Polnische Aufstand wurde auf Anordnung Warschaus konzipiert; Impulse seitens der polnisch-oberschlesischen Bevölkerung gab es nicht. Das belegen abgefangene Briefe aus dem polnischen Staatsgebiet, die die heimische Bevölkerung in Oberschlesien vor dem Truppeneinfall zu warnen beabsichtigten. Resümierend sei die Strategie des ersten Polnischen Aufstands als lückenhaft und labil beurteilt, die primär vom heimtückischen Überraschungsmoment profitieren sollte. Die mangelnde Durchschlagskraft der Insurgenten läßt sich auf eine von Affekt und Überstürzung markierte Handlungsweise schließen, die den polnischen Unmut und die Skepsis gegenüber dem ungewissen Ausgang der Volksabstimmung zum Ausdruck brachte. Diese war laut dem am 28. Juni 1919 in Versailles unterzeichneten Vertrag angeordnet worden.

Albert Korfanty obgleich eine einflußreiche Führungsperson widersetzte sich gegenwärtig militärischen Aktionen größeren Ausmaßes, zum einen weil er die deutsche Schutzmacht als robust einschätzte, so daß sich die Erfolgschancen für ihn gering dargestellt hätten. Anderseits wollte er vermeiden, daß die Führung der Siegermächte, welche die Interalliierten Truppen nach Oberschlesien in naher Zukunft entsandte, verstimmt würde.
 
 

3.2. Polnische "Aufständischen" Armee

Die polnische "Aufständischen"-Armee bildete die zentrale Organisation aller militärischen Aktivitäten der Insurgenten. Diese von Korfanty geleitete Gemeinschaft hatte ihren Sitz im Beuthener Hotel "Schlesischer Hof" und wurde als Verband ehemaliger Kriegsgefangener getarnt. Das Hotel entwickelte sich zur Anlaufstelle für Freiwillige aus Polen, die hier, für eine eventuelle Teilnahme an einem bewaffneten Aufstand erfaßt, militärische ausgebildet und versorgt wurden. Die Mitgliederzahl belief sich auf etwa 25.000 Mann, denen ein umfassendes Waffen- und Munitionsarsenal zur Disposition stand.

Es galt für Korfanty und seine Hilfskräfte (243 Offiziere) im Rahmen der Organisation zahlreiche Splittergruppen zu koordinieren. Die Verbände der selbständigen Handwerker, der polnischen Landwirte in Schlesien, der Hallersoldaten, der Pfadfinder sowie der oberschlesischen Lehrer bedurften der Reorganisation, um Anteil an der Integration in die polnische "Aufständischen"-Armee zu haben. Des weiteren komplettierten Gesang- und Sportvereine primär der paramilitärische Turnverein "Sokol", den chauvinistische Züge kennzeichneten die Organisation. Der enorme finanzielle Aufwand wurde mittels diverser Kulturvereine, in erster Linie jedoch Konsumgesellschaften sowie Volksbanken gedeckt, so daß adäquate Ausrüstung und die Zahlung von Gehältern gewährleistet wurde.

Zu den Aufgaben der polnischen "Aufständischen"-Armee gehörte die Verhinderung der deutschen Aufklärungsarbeit, die Unterstützung der polnischen Agitation sowie im wesentlichen die Bereitschaft zur gewaltsamen Bekundung von Ansprüchen auf Oberschlesien. Die internen Sondereinheiten verfolgten weitaus radikalere Ziel, wie die Ermordung von Kritikern und die Sprengung von Versammlungen deutschgesinnter Oberschlesier.
 
 

3.3. Deutsche Freikorps

"Wie stark die guten Elemente waren und wie schnell die schlechten ausgemerzt wurden, das war mitentscheidend für den Wert des Freikorps. Ausschlaggebend aber war die Persönlichkeit des Gründers und des Führers; wie dieses Eingeschworensein auf die Person ja das Kennzeichen von Freikorps ist; hierin liegt ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche. In einem Freikorps entwickelt sich ein besonderer Geist, der Freikorpsgeist."

Die Beurteilung des Generaloberst Hans von Seeckt verleiht einen mittelbaren Eindruck von den politisch motivierten, deutschen Freiwilligenverbänden der Nachkriegszeit. Sie symbolisierten die Mobilisierung patriotischer Gefühle, wobei der Dienst in einen Freikorps zeitlich begrenzt war und somit nicht der Sicherung der eigenen Existenz diente. Mit dem Engagement war der Verzicht auf die Freiheit des eigenen Handelns verbunden, der Freiwillige stand abseits des bürgerlichen Lebens und führte den Beruf des Soldaten aus, ohne die Perspektive eines sozialen Aufstiegs. Die Mitglieder der Freikorps entsprachen der folgenden Charakteristik: Anti-bürgerlich aus dem Fronterlebnis; anti-November-republikanisch aus natürlicher Tradition und aus dem Zwang des politischen Geschehens.

Untrennbar mit den Freikorps verbunden war die Tätigkeit des deutschen Selbstschutzes Oberschlesien (SSOS). Der SSOS, während des dritten Polnischen Aufstands binnen wenigen Tagen gebildet, unterlag anfangs dem Kommando des Generalleutnants Bernhard von Hülsen, in der Folgezeit einem gebürtigen Oberschlesier, Generalleutnant Karl Hoeffer. Die Beteiligten waren vorrangig aus bayerischen Freikorpsverbänden und nur teilweise aus einheimischen Kräften rekrutiert. Obgleich der SSOS den polnischen Truppen quantitativ weitaus unterlegen war, vermochte der durch Soldzahlungen motivierte Selbstschutz im kämpferischen Einsatz zu überzeugen. Die Truppen konnten auf ihre Kampferprobtheit zurückgreifen, die kombiniert mit einer ausgezeichneten Ausrüstung, die polnische Hegemonie relativierte.

Die Finanzierung des SSOS übernahm weitestgehend die deutsche Regierung, die vom 3. Mai bis zum 4. August 1921 den Kampftruppen die Summe von 173,1 Millionen Mark zur Verfügung stellte. Ferner überließ die Reichswehr Sachleistungen in Form von Waffen und Munition, deren Wert auf 276 Millionen Mark beziffert wurde.
 
 



4. Der zweite Polnische Aufstand

4.1. Kampfhandlung

Am 17. August 1920 fand in Kattowitz eine umfangreiche deutsche Demonstration gegen die französischen Besatzungstruppen statt, denen man vorwarf, die polnischen Übergriffe auf die Bevölkerung zu tolerieren. Im Zuge der Protestaktion wurde der hier praktizierende Arzt Andrzej Mielecki getötet, der ein Mitglied der polnischen Plebiszitorganisation war, in der er die Ausbildung der Sanitäter verantwortete. Der Tod des Doktors war die Triebfeder des zweiten Polnischen Aufstands.

In der Nacht vom 17. zum 18. August 1920 entfaltete sich die zweite koordinierte Gewaltaktion größeren Ausmaßes, wobei Albert Korfanty, der anfänglich der Aktion widerstrebend begegnete, den Kampf mit seiner Unterzeichnung des Aufstandsbefehls autorisierte. Unter dem Vorwand der Selbstverteidigung schlugen die Insurgenten mit den in Oberschlesien stationierten Freischärlern los. In Kürze konnten ihrerseits weiträumige Teile des Abstimmungsgebiets erobert werden. Ausschließlich die Großstädte boten der Bevölkerung Schutz, da die Interalliierten Soldaten lediglich dort präsent waren. In den ländlichen Gebieten wurden zahlreiche Deutsche beraubt, der Mißhandlung ausgeliefert und nicht selten ermordet.

Die Opferbilanz verzeichnete mehr als 300 Zivilisten, die den Bluttaten zum Opfer fielen, weitere Hunderte wurden verletzt, oftmals verstümmelt. Der materielle Schaden beinhaltete gesprengte Brücken und eine Vielzahl von niedergebrannten Häusern.

Trotz des für Polen positiven Verlaufs war Korfanty darauf bedacht, den zweiten Polnischen Aufstand nicht eskalieren zu lassen. Der angerichtete Schaden ließ sich schwerlich verbergen, so daß auch die Franzosen, die die polnischen Anstrengungen insgeheim unterstützten und um deren Unterbindung nicht im Ansatz willens waren, den Bruch des Versailler Vertrages nicht dauerhaft vor der Weltöffentlichkeit tolerieren konnten. Der polnische Teilerfolg war einer weitaus klügeren Taktik und einer besseren Bewaffnung als im ersten Polnischen Aufstand zuweisbar. Das angestrebte Ziel, das Abstimmungsgebiet zu okkupieren und dadurch das Plebiszit überflüssig zu machen, konnte nicht erreicht werden. Allerdings setze Korfanty vorteilhafte Maßnahmen durch, welche die Bildung einer Abstimmungspolizei (Apo) vorsahen, die paritätisch aus Einheimischen beider Volksgruppen besetzt werden sollte. Die Formulierung der Aufgaben entsprach der Wahrung von Unparteilichkeit und Neutralität im Abstimmungskampf, doch die Problematik bestand darin, daß in der polnischen Fraktion Militärs Anteil hatten, die diese Neutralität arg in Frage stellten.
 
 

4.2. Beuthener Abkommen

Um das Blutvergießen zu unterbinden, traten die Deutschen an den Verhandlungsbereitschaft signalisierenden Korfanty heran um über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Am 28. August wurde das Beuthener Abkommen mit folgendem Resultat abgeschlossen: Die Polen verzichteten auf die gewaltsame Lösung der oberschlesischen Frage, setzten aber ihre Forderung nach der Bildung einer Abstimmungspolizei und Stärkung des polnischen Einflusses in der Verwaltung durch. Eine weitgehende Amnestie wurde von der Interalliierten Kommission für die Rebellen erlassen, ohne aber ihre Entwaffnung jemals stattfinden zu lassen. Das zweite Polnische Aufstand wurde daraufhin für beendet erklärt. Die Insurgenten zogen sich wiederum über die Grenze zurück, die Freischäfler lösten sich auf.

Die Zeit des Plebiszitkampfes war für Oberschlesien eine Periode schweren Leidens. Mehr als 3.000 kamen während der Auseinandersetzung ums Leben. Die Zahl der Verletzten lag um ein vielfaches höher. In Oberschlesien herrschte Hoffnung, daß die Abstimmung Ruhe ins Land bringen werden, doch der eigentliche Kampf begann erst mit dem Plebiszit.
 
 

4.3. Interalliierte Kommission

Am 11. Februar 1920 übernahm die Interalliierte Kommission für Oberschlesien (IK) die Verwaltung des Abstimmunggebiets gemäß Artikel 88 des Versailler Vertrages. Präsident der Kommission, die von Oppeln aus agierte, war der französische General Henri Le Rond, obwohl ein Gesandter der Vereinigten Staaten vorgesehen war, der jedoch aufgrund der Ablehnung des Versailler Vertrages am 19. März durch die republikanische Mehrheit des amerikanischen Kongreßes nicht autorisiert wurde.

In den folgenden Tagen rückten französische, italienische und britische Truppen ein, die den Schutz für die friedliche Durchführung der Volksabstimmung verbürgen sollten. Eigentlich war es vorgesehen die Vollzugsgewalt auf die Vertreter der Siegermächte zu verteilen und auch sämtliche Entscheidungen waren nach dem Prinzip der Stimmenmehrheit gefällt, doch dominierte die französische Einwirkung offenkundig. Diese These wird in der administrativen Gebietsaufteilung unterstrichen: Während die Franzosen den östlichen, ökonomisch relevanten Teil Oberschlesiens verwalteten, waren die italienischen und britischen Kompetenzen auf die südliche respektive nördliche Peripherie beschränkt, welche arm an Industrie und von daher wirtschaftlich unterentwickelt war.

Das Kommando der alliierten Streitkräfte, die mit rund 21.000 Mann in der Region präsent waren, lag ebenfalls bei einem Franzosen, dem General Jules Gartier. Die Regierungsbereiche der Interalliierten Kommission wurden in sieben Departements untergliedert, wobei die signifikanten Abteilungen, zu denen die Inneren Angelegenheiten, Finanzen, Wirtschaftsangelegenheiten sowie das Militärwesen zählte, von Franzosen geleitet wurden. Das Departement Justiz war den Italienern vorbehalten, so daß die Briten die Verantwortung für den Verkehr und die Verpflegung übernahmen.

Eine wichtige Rolle spielten bei der Interalliierten Kommission die Kreiskontrolleure, die Aufsicht und Verfügungsgewalt über die lokalen Verwaltungseinrichtungen wie auch über Industrie, Handel und Gewerbe innehatten. Von 21 existierenden Positionen verfügten die italienischen und britischen Kreiskontrolleure über jeweils fünf. Demnach entfielen auf die Franzosen die restlichen elf Stellen. Von den 128 Kommissionsangehörigen waren 69 französisch, 33 britisch und 26 italienisch. Hieraus wurde ersichtlich, daß die Interalliierte Kommission, in der die den Polen wohlgesonnenen Franzosen eine Schlüsselrolle vertraten, von vornherein Einfluß auf die Aktivitäten des deutschen Plebiszitkommissariats nehmen wollten.

Nach der Übernahme der Regierungsgewalt durch die Interalliierte Kommission wurde die Kommunikation nach Deutschland planmäßig unterbunden. Das Abstimmungsgebiet verwandelte sich in ein Staat mit Paßzwang, eigenen Briefmarken (siehe Abbildung) sowie speziellen Ausweisen für die Bewohner. Die Landeshoheit der Internationalen Kommission endete am 14. Juli 1922.
 
 

Eine am 14. März 1921 in Kattowitz erschienene Briefmarke im Wert von 5 Mark

mit der Aufschrift "Volksabstimmung Oberschlesien 20. März 1921."
 
 
 

5. Das Plebiszit

5.1. Plebiszitkommissariat

Das polnische Plebiszitkommissariat, dessen Vorsitzender Albert Korfanty war, hatte seinen Sitz im Beuthener Hotel Lomnitz. Mit etwa 1.000 Beschäftigten versuchte er alle Bereiche des politischen, wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Lebens zu erfassen. Es galt in erster Linie durch Propaganda und Terror einen Meinungsumschwung bei der Bevölkerung zugunsten Polens herbeiführen. Die Bemühungen der aufwendigen Konzeption der Zentrale zielten langfristig auf die Übernahme der politischen Macht nach der Volksabstimmung.

Das Beuthener Hauptquartier verfügte über zahlreiche Telephonanschlüsse, war komfortabel eingerichtet und die Bediensteten trugen für die Beköstigung der Mitarbeiter Sorge. Fernerhin bestand die Möglichkeit der Mobilität, denn eigens für das Plebiszitkommissariat wurden 45 Kraftwagen und zwölf Motorräder angeordnet.

Korfantys Arbeit wurde von höchster Staatsebene finanzielle Beihilfe geleistet. Das Verteidigungsministerium beteiligte sich monatlich mit einem Kapital von 3.700.000 polnischen Mark, die in die militärische Ausbildung investiert wurden. Private und gesellschaftliche Gruppieriungen sammelten sowohl Geld als auch Waffen für diesen Zweck. Mittels finanzieller Zuwendungen seitens diverser polnischer Komitees zur Verteidigung Oberschlesiens und "Plebiszitabgaben" für kulturelle Veranstaltungen sowie für Fahrkarten der öffentlichen Verkehrsmittel, konnte ein beträchgtlicher Etat vorgewiesen werden.

Das Plebiszitkommissariat für Deutschland entstand im April 1920 mit Sitz im Kattowitzer Zentralhotel. Zum Plebiszitkommissar, dem deutschen Pendant zu Korfanty, wurde Kurt Urbanek ernannt. Die Initiative zur Gründung des Plebiszitkommissariats basierte auf einer Vereinbarung zwischen den fünf größten Parteien und den drei führenden Gewerkschaftsverbänden. Der sich an die deutschen Bürger richtende Appell beschwor den nationalen Konsens. Der Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland war von höchster Priorität.

Verglichen mit der polnischen Organisation war der personelle Aufbau weitaus bescheidener. Allerdings identifizierte sich die staatliche und kommunale Verwaltung sowie die Industrie mit Deutschland. Auch die deutsch gesinnten Kultur- und Sportvereine beteiligten sich aus eigenen Interesse bei der Plebiszitarbeit.

Das Plebiszitkommissariat repräsentierte die Absichten der deutschen Bevölkerung in Oberschlesien bei der Reichsregierung, welche in den Jahren 1920 -1922 weit über eine Milliarde Mark für den Abstimmungskampf ausgab. Hierzu kamen Spenden der Industrie in beträchtlicher Höhe, die von Sachwerten der Bevölkerung ergänzt wurden, so daß auch Urbanek kapitalkräftige Propaganda betreiben konnte.
 
 

5.2. Wahlagitation

Das wichtigste Element im Abstimmungskampf war die Propaganda, deren bedeutendste Rolle die Presse spielte. Im Jahre 1919 wurden in Oberschlesien 66 deutsche und lediglich zwölf polnische Zeitungen herausgegeben. Dementsprechend befand sich die polnische Propaganda im Nachteil, da ein Gros der Bevölkerung der polnischen Sprache nicht mächtig war.

Allerdings gestaltete Korfanty die Aktivitäten facettenreich. Sie richteten sich darauf, die Bürger durch die Deutschland auferlegten Kriegsentschädigungen zu verunsichern, die durch Steuern beglichen werden sollten. Den Wählern wurde ein trübes Deutschlandbild vermittelt, das aufgrund der Reparationen in einer ausweglosen Sackgasse enden würde. Demgegenüber wurde das neuentstandene Polen propagiert, welches unbelastet die Perspektive einer gesellschaftlich heilen Welt suggerierte. Ein weiteres Argument war die Ankündigung einer Bodenreform, die nach einem potentiellen Abstimmungssieg durch die Enteignung deutscher Großgrundbesitzer erfolgen sollte, was besonders für zahlreiche Bauern verlockend war. Man versprach ferner eine weitgehende Autonomie für Oberschlesien, die ein eigenes Parlament vorsah.

Während die Polen hauptsächlich das soziale Problem herausstellten, lag die Intention der deutschen Propaganda auf der nationalen Komponente. Die deutsche Presse betonte die verheerenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen und widersetzte sich der polemischen Halbwahrheiten, die durch die polnische Seite zum Tragen kam, mit aufklärerischen Beiträgen. Es wurden bevorzugt negative Eigenschaften wie Arbeitsunfähigkeit, Faulheit gar Leichtsinnigkeit der Polen publiziert. Auch gegen Korfanty persönlich wurden harsche Kritik bekundet, und oftmals waren es Falschmeldungen die ihm das Vertrauen entziehen sollten so wurde er beispielsweise des Diebstahls bezichtigt.

Nebst der Presse engagierten sich viele deutsche Schriftsteller im Abstimmungskampf. Gerhart Hauptmann veröffentlichte mitunter zwei Appelle: "An die deutschen im Grenzland" sowie "Für ein deutsches Oberschlesien".

Zahlreiche Publikationen vermochten allerdings oftmals nicht zu überzeugen, da sie in hochdeutscher Sprache, teils stilistisch anspruchsvoll gestaltet wurden und somit bisweilen von der Bevölkerung nicht gänzlich verstanden oder mit Skepsis aufgenommen wurden. Zudem hinterließen die sozialen Aspekte, welche vorwiegend von der polnischen Propaganda hervorgehoben wurden, einen nachhaltigeren Eindruck, als die nationalen Belange der Deutschen.
 
 

5.3. Wahlanalyse

Am 23. Februar 1921 wurde von der Interalliierten Kommission der Abstimmungstag verkündet. Das Plebiszit wurde auf den 20. März angesetzt. Die Kondition für die Wahlberechtigung der Oberschlesier war die Vollendung des 20. Lebensjahres vor dem 1. Januar 1921. Zudem wurden die Stimmberechtigte in vier Kategorien eingeteilt:

  1. Personen, die im Abstimmungsgebiet geboren waren und dort wohnten
  2. Personen, die im Abstimmungsgebiet geboren waren, aber dort nicht wohnten
  3. Personen, die nicht im Abstimmungsgebiet geboren waren, aber ihren Wohnsitz vor dem 1. Januar 1904 dort hatten
  4. Personen, die von deutschen Behörden aus dem Abstimmungsgebiet ausgewiesen worden waren, aber vor dem 1. Januar 1904 dort ihren Wohnsitz hatten.
Das Plebiszit verlief generell ohne gravierende Zwischenfälle, obwohl es in einigen Ortschaften zur Wahlbeeinflussung zugunsten Polens kam. Die absolute Wahlbeteiligung belief sich auf 1.186.374 Personen, was einem Anteil von 97,7 Prozent der Stimmberechtigten entsprach. Für die Zugehörigkeit für Polen stimmten 478.820, das heißt 40,3 Prozent der Wähler, während Deutschland 707.554 oder 59,7 Prozent der Stimmen erhielt.

Von 17 Wahlkreisen erhielten drei eine absolute polnische Mehrheit. In drei anderen Kreise gestaltete sich das Verhältnis ausgeglichen. In den Kreisen Kattowitz und Lublinitz lagen die Polen nur knapp hinter den Deutschen, die allerdings in den übrigen neun Wahlkreisen deutliche Mehrheit erzielten.

Der rein bäuerliche und wohlhabende Kreis Leobschütz, der aufgrund der fehlenden Industrie über geringe Arbeitsmöglichkeiten verfügte, stimmte fast geschlossen für Deutschland. Hingegen wurde die niedrigste Stimmzahl für Deutschland in den armen bäuerlich-industriellen Kreisen Pleß und Rybnik erreicht, wo die sozialen Kontraste die Bevölkerungslage dominierten. Einen wesentlichen Einfluß übte der polnische, katholische Klerus aus, der insbesondere im wirtschaftlich und kulturell rückständigen Kreisen aktiv war, so daß dort die meisten Stimmen für Polen vergeben wurden.

Dem Abstimmungssieg Deutschlands folgte jedoch keine Euphorie im Plebiszitkommissariat, denn die Polen waren nicht bereit ihre Niederlage anzuerkennen. Sie konnten weiterhin auf die Unterstützung der Franzosen rechnen und drängten nunmehr auf eine Aufteilung Oberschlesiens.
 
 


6. Der dritte Polnische Aufstand

6.1. Kampfhandlung

Das Resultat des Plebiszits wurde von den Deutschen, den Polen und der Interalliierten Kommission unterschiedlich interpretiert. Die Ursache der Differenzen befand sich in der Formulierung des fünften Paragraphs im Artikel 88 des Versailler Vertrags, in dem es heißt, daß "der Vorschlag über die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmende Linie ... sowohl der von den Einwohnern ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Berücksichtigung findet." Dem deutschen Standpunkt nach, sollte Oberschlesien ungeteilt bei Deutschland verbleiben. Die Polen hingegen, präsentierten der Interalliierten Kommission einen als "Korfanty-Linie" bezeichneten Teilungsplan, der trotz der Wahlniederlage 59,1 Prozent des Abstimmungsgebietes mit 70,1 Prozent der Bevölkerung für sich beanspruchte, obwohl lediglich 40,3 Prozent der Wähler für Polen stimmten. Um die Unmißverständlichkeit dieser Absicht zu betonen, wurde seitens der Polen beschlossen, das geforderte Gebiet gewaltsam zu besetzten.

Der dritte Polnische Aufstand kam am 3. Mai 1921 zum Ausbruch, wobei dieser, im Gegensatz zu den vorherigen Aufständen, bei der Warschauer Regierung offiziell auf Ablehnung stieß. Die Führungsrolle des härtesten und grausamsten Aufstandes übernahm Korfanty persönlich, wobei der Staat insgeheim finanzielle Beihilfe leistete und die Aktivisten mit Kriegsgerät versorgte. Das 60.000 Insurgenten umfassende, ausgezeichnet bewaffnete polnische Heer besetzte innerhalb kürzester Zeit ein Gros des Gebiets entlang der "Korfanty-Linie". Die Kampfhandlungen trafen auf kaum nennenswerten Widerstand, da die deutschen Einheiten aufgelöst worden waren und die britischen und italienischen Truppen militärisch nicht in der Lage waren, dem polnischen Vormarsch zu verhindern. Die Reaktion der Franzosen beschränkte sich auf weitgehende Teilnahmslosigkeit, lediglich in größeren Städte zeigten sie Präsenz und militärisches Engagement.

Aufgrund der mangelnde Schutzfunktion der Interalliierten Kommission, ergriff die deutsche Bevölkerung die Initiative und bildete binnen weniger Tage den Selbstschutz Oberschlesien (SSOS). Den kampferprobten Soldaten gelang es in wenigen gezielten Aktionen die Insurgenten aus weiten Teilen des Gebietes zurückzudrängen, so daß auf seiten der Deutschen ein Entscheidungskampf angestrebt wurde.

6.2. Entscheidung am Sankt Annaberg

Am 21. Mai 1921 stürmten deutsche Freiwilligenverbände den von polnischen Insurgenten besetzten Sankt Annaberg. Der nachhaltige Druck der SSOS zwang den Gegner, der etwa 2.000 Gefallene und 3.000 Verwundete zu beklagen hatte, in die Defensive. Im mehreren Rückzugsgefechten wiesen die Insurgenten erste Auflösungserscheinungen auf. Obwohl es auch noch in der Folgezeit zur geringfügigen Konfrontationen kam, war der dritte Polnische Aufstand gescheitert.

Aus der militärischen Ausweglosigkeit verlagerte Korfanty nun seine Bemühungen auf das diplomatische Parkett. Er setzte bei der Interalliierten Kommission einen Waffenstillstand durch und ermöglichte damit ein Verbleib der restlichen Insurgenten in einigen Teilen des Abstimmungsgebiets, welche sodann der polnischen Kontrolle unterlagen.

Dem Selbstschutz Oberschlesien gelang zwar nicht die Befreiung des kompletten Gebiets durch den körperlichen Einsatz, doch wurde die politische Zukunft in die Hände von Diplomaten gelegt.
 
 

6.3. Teilung Oberschlesiens

Die oberschlesische Frage konnte auf dem Fundament des Versailler Vertrags nicht gelöst werden. Trotz des deutlichen Abstimmungsresultats wurde keine bilaterale Übereinkunft getroffen. Die deutsche Bevölkerung war davon überzeugt, daß Oberschlesien ihr weiterhin erhalten bleiben würde. Die Gegenseite beharrte ihrerseits auf ein polnisches Oberschlesien. Die Interalliierte Kommission konnte sich auf keinen Konsens einigen.

Der britische Premierminister Lloyd George vertrat die Meinung, daß Oberschlesien als Ganzes zusammenbleiben mußte und er die Teilung des Landes unter keinen Umständen akzeptieren würde. Zudem äußerte er seine Bedenken, daß die Franzosen weitgehende Verpflichtungen gegenüber Polen übernommen hatten.

Die französische Diplomatie, angeführt von Außenminister Aristide Briand, setzte sich weiterhin für die Abtretung Oberschlesiens an Polen ein, das seinerseits großen Wert auf die Pflege der Kontakte legte. So wurde Korfanty als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation nach Paris entsandt, um die Vorteile einer französisch-polnischen Kooperation zu propagieren. Außerdem visierte er die Verflechtung der oberschlesischen Industrie mit französischen Kapital an.

Auch die italienische Regierung wurde von Polen umworben. Sie entwickelte einen Teilungsplan für Oberschlesien, der das bisherige Abtretungskonzept, die "Percival-de-Marinis-Linie", zugunsten Polens korrigierte.

Man verfolgte allgemein das Ziel die Auseinandersetzungen möglichst schnell zu beenden, zumal sich aufgrund der Aussichtslosigkeit eines Kompromisses Verschleißerscheinungen einstellten. Da der Oberste Rat, das Führungsorgan der Pariser Freidenskonferenz, die Einigung verfehlte, wurde beschlossen, die Angelegenheit an den Völkerbundsrat zu übergeben.

Am 29. August 1921 tagte der Völkerbundrat in Genf zur oberschlesischen Problematik. Es wurde ein Ausschuß zur Ausarbeitung eines Lösungsvorschlags gebildet. Der Bericht des Ausschusses widersprach der von Deutschland und Großbritannien geforderten Unteilbarkeit des Gebiets. Vielmehr wurde die Ziehung eine Grenzlinie, die das Industrierevier durchquerte, wobei das an Steinkohle arme Polen großzügig behandelt werden sollte.

Diese Empfehlung wurde am 12. Oktober vom Völkerbund beschlossen und in der Folge an den Obersten Rat herangetragen, der ohne Einwände zustimmte. Der Beschluß der Teilung Oberschlesiens wurde am 20. Oktober veröffentlich. Die Entscheidung war irreversibel.

Die neue Grenze verlief demnach im Süden quer durch die Kreise Lublinitz, Beuthen, Hindenburg, Tost-Gleiwitz, Rybnik und Ratibor. Von dem 11.008 km² großen Abstimmungsgebiet blieben bei Deutschland 7.794 km² (71%), Polen bekam 3.214 km² (29%). Von 2.212.700 Einwohnern verblieben bei Deutschland rund 1.116.500 (54%), Polen übernahm 996.000 (46%).

Der am dichtesten besiedelte Teil der Provinz mußte an Polen abgetreten werden, der 85 Prozent der oberschlesischen Kohlevorräte und somit den wohlhabendsten Teil der Region erhielt. Die 95 km lange Grenze, an der 61 Zollstationen eingerichtet wurden, trennte das deutsche Oberschlesien und das polnischen Ostoberschlesien.
 
 


7. Genfer Konvention

Zur Erarbeitung und Durchführung der Genfer Konvention vom 22. Mai 1922 wurde eine "Gemischte Kommission" gebildet, dessen Vorsitzender der Schweizer Altbundespräsident Felix L. Calonder war. Die Genfer Konvention legte eine 15 Jahre lang geltende Übergangsregelung fest, die versuchte, die schwerwiegenden ökonomischen und sozialen Folgen der Teilung Oberschlesiens so gering wie möglich zu halten. Die durch den neuen Grenzverlauf entstandenen Schwierigkeiten bezogen sich vornehmlich auf die zerschnittene Infrastruktur und Energieversorgung der Region. Diesen Mißstand galt es gesetzlich in den 606 Artikeln der Genfer Konvention zu mildern.

Felix L. Calonder genoß primär aufgrund seiner juristischen Kompetenz, aber auch ob seiner Menschenkenntnis viel Respekt. Er beschränkte sich nicht darauf, das erforderliche Abkommen am Verhandlungstisch in Genf zu konzipieren so, wie es der Rat der Vier zu tun versuchte , sondern verlegte den Tagungsort nach Beuthen, Hindenburg und Kattowitz, dort, wo ihm ein persönlicher Eindruck der Verhältnisse vermittelt wurde. Ferner bot sich die Möglichkeit zum Meinungsaustausch mit den betroffenen Einwohnern Oberschlesiens.

Die "Gemischte Kommission" setzte sich zusammen aus dem Spanier Quinones de Leon, dem Brasilianer da Cunha, dem Belgier Paul Hymans und dem Chinesen Wellington Koo. Sie bemühte sich um die Formulierung der beiden Hauptaugenmerke, die erwähnten wirtschaftlichen Aspekte sowie die Erlassung einen Minderheitenschutzes für das getrennte Abstimmungsgebiet.

Eine wesentliche Bedeutung wurde den Zollbestimmungen beigemessen. So wurde der zollfrei Durchgang für Erzeugnisse, Rohstoffe und Halbfabrikate gewährleistet, die für Betriebe des jeweils anderen Teils Oberschlesiens bestimmt waren. Der grenzüberschreitende Personenverkehr erforderte eine sogenannte "Verkehrskarte", auf die jeder Oberschlesier seinen Anspruch während der 15 Jahre geltend machen konnte.

Auch die Wasser- und Elektrizitätsversorgung wurde durch die Genfer Konvention maßgeblich erleichtert. Die polnisch gewordene Stadt Königshütte bezog ihr Wasser aus dem deutschen Teil, während das weiterhin zu Deutschland gehörende Beuthen auf die polnischen Vorräte zurückgreifen konnte. Die Kooperation wurde mittels einer gemeinsamen Verwaltung kontrolliert.

Die Post und Telekommunikation erforderte weitaus weniger Aufwand, so daß die Vernetzung relativ schnell gelang. Demgegenüber war die Normierung des Schienennetzes mit Komplikationen verbunden, da die Eisenbahnverbindungen von einer hohen Dichte gekennzeichnet waren. So mußte beispielsweise für den Transitverkehr extra ein Korridor geschaffen werden.

Für die Gewährleistung des Minderheitenschutzes wurde eigens ein Plenum eingerichtet, das sich aus zwei deutschen und zwei polnischen Mitgliedern zusammensetzte, allerdings lediglich eine beratende Rolle spielte. Der Präsident verfügte über den gewichtigeren Einfluß, ohne jedoch Urteile aussprechen zu können, so daß er seine Aktivität auf die Vermittlung konzentrierte und eine Stellungnahme abgab, die im Minderheitenamt Berücksichtigung fand.

Als sich die Interalliierte Kommission aus Oberschlesien zurückzog, übernahm die deutsche Verwaltung ihren Teil des Abstimmungsgebiets am 9. Juli 1922. Der Auftakt der polnischen Staatshoheit über Ostoberschlesien wurde auf den 20. Juli datiert.
 
 

Wappen Oberschlesiens
 
 

Nachwort

Die Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg und dem daraus resultierenden Versailler Vertrag, der die alleinige Kriegsschuld den Deutschen zuschob, markieren nur den Anfang einer besonders dann im Zweiten Weltkrieg zu tragen kommenden Diskrepanz zwischen den beiden Nachbarvölkern und einstigen preußischen Gefährten. Ich hoffe, die Ursprünge dieser Anfeindung in meiner Arbeit deutlich gemacht und die doch recht wenig bekannte Thematik des Problems um Oberschlesien anschaulich geschildert und interessant gestaltet zu haben ... so daß sich der Leser zum einen in sie eingeführt weis und sie ihn vielleicht sogar motiviert, selbst noch tiefer in diese Materie einzusteigen; zum anderen aber im Kern der Auseinandersetzung zu der nüchternen Ansicht gelangt, daß es letztendlich nie um die Entscheidung für oder gegen einen Staat, eine Institution oder eines Dogmas ist, sondern stets für oder gegen ein friedliches Miteinander. Es ist ein für oder gegen das Leben, ein Leben, das sich nicht durch materielle oder nationalistische Interessen definieren läßt, sondern vielmehr durch sinnstiftende und weitreichende Handlungen und Haltungen der Brüderlichkeit.

"Das Problem des Friedenschließens. Der Versailler Vertrag und der Kampf um Schlesien" so lautet der Titel dieser Ausarbeitung. Genausogut aber hätte er auch heißen können: "Das Dilemma des menschlichen Miteinanders". Der erörterte Konflikt zwischen Polen und Deutschen um Oberschlesien ist lediglich ein weiteres Beispiel für das unbändige Streben des Menschen, ja ganzer Völker und Nationen um Macht und Einflußnahme, die mittels einer gezielten Propaganda ihrer Interessensvertreter, ihrer ideologischen Führungsväter, auf ganz bestimmte Interessen hin getrimmt und radikalisiert werden. Es ist erstaunlich, mit welchen Mitteln und Methoden immer wieder versucht wird, die Menschen in ihrer Meinung zu manipulieren. Daß diese Art von "Kriegsführung" von entscheidender Bedeutung ist, hat die Geschichte immer wieder bewiesen; denn, sobald es um die Verwirklichung des eigenen Vorteils geht, ist der Mensch leicht für dieses Ansinnen zu gewinnen. Als Instrument von der Maschinerie benutzt, gelockt von glorreichen Versprechungen des individuellen Wohls, verkauft er seinen gesunden Menschenverstand und vergißt schnell das Befinden des anderen, der bis gestern vielleicht noch Nachbar oder Bruder war, aber schon heute aufgrund diverser "formeller" Unterschiede zum Feind werden kann. Es ist immer das gleiche Schema, so daß die Problematik um Oberschlesien als anschaulicher und bezeichnender Beleg herhält für diese Fatalität, die dem Menschen leider nur sehr eigen ist.

Die Geschichte lehrt uns, sie sollte uns lehren; aber traurige Tatsache ist, daß wir immer noch nicht von ihr gelernt haben und ihre grausame Realität aktueller denn je ist. Dabei kann die Quintessenz nur eine sein:

"Es gibt keinen Weg zum Frieden.

Der Friede ist der Weg."

Mahatma Gandhi

Literaturverzeichnis  II

Anhang  III

Inhalt  I