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Schlesische
Nachrichten 01/2002
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Der Oberschlesier im Kreissauer Kreis
Wie Eugen Gerstermaier,
der spätere Bundestagspräsident , gehörte Hans Lukaschek, im ersten Kabinett
Konrad Adenauers Bundesvertriebenen minister, zu den erschreckend Wenigen,
die als Mitglieder des Kreissauer Kreises die grausame Justiz der Nationalsozialisten
überlebt haben. Dies übrigens in letzter Stunde, da zum einen der Prozesstermin
auf die zweite Aprilhälfte 1945 vertagt worden war und zum anderen die nationalsozialistischen
„Rechtssprecher" nunmehr ein Alibi für das eigene Überleben erstrebten.
In der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1944, also unmittelbar nach dem gescheiterten
StauffenbergAttentat gegen Hitler, war Hans Lukaschek verhaftet worden.
In den Papieren, die vom Kreissauer Kreis für die Neuordnung Deutschlands
erarbeitet worden waren, fand sich sein Name als Landesverweser für Schlesien,
und das sollte die höchste administrative Instanz innerhalb eines föderalistisch
gegliederten neuen Deutschlands sein.
Michaela Ellmann, deren Arbeit jetzt als Veröffentlichung der Görres-Gesellschaft
vorliegt (Neue Folge, Band 88), hat an der Hamburger Universität zum Dr.
jur. promoviert, weshalb auch der Akzent auf den staatsrechtlichen und administrativen
Vorstellen des bewährten Verwaltungsjuristen Hans Lukaschek ruht. Unter
den Mitgliedern des Kreissauer Kreises (bei den Teilnehmern existierte dieser
Name nicht, erst die nationalsozialistischen Verfolger haben den Namen geprägt
nach dem ersten Versammlungsort Schloss Kreisau des Grafen James von Moltke,
unweit der schlesischen Stadt Schweidnitz gelegen) war Lukaschek, Jahrgang
1895, nicht nur der Älteste, sondern auch der Erfahrenste. Sohn eines oberschlesischen
Schulmannes, selbst in Breslau geboren, war er bereits mit 30 Jahren Bürgermeister
der Stadt Rybnik, 1919 hier Landrat, im Abstimmungskampf über die Zukunft
Oberschlesiens der Verantwortliche für den Wahlkampf der Deutschen, 1922
als Mitglied in der nach der Teilung Oberschlesiens neu konstituierten Gemischten
Kommission der deutschen Vertreter, 1927 Oberbürgermeister der Großstadt
Hindenburg und 1929 Oberpräsident der erst vor wenigen Jahren neu gebildeten
Provinz Oberschlesien. Im Mai 1933 wurde der Mann des Zentrums und bekennender
Katholik von den Nationalsozialisten seines Postens enthoben. Nunmehr Rechtsanwalt
in Breslau vertrat er mit starkem persönlichen Engagement vor allem katholische
und jüdische Opfer der Diktatur. Diesen Lebenslauf brachte Lukaschek in
den Widerstandskreis ein, und seine Gedanken und Vorstellungen für ein Deutschland
nach Hitler waren nicht nur willkommen, sondern bestimmten den konzeptionellen
Prozess. Unmittelbare Aufzeichnungen, die sich dann in den „Grundsatzerklärungen"
wiederfinden, existieren nicht, aber es lohnte sich die Mühe, gewisse Leitlinien
für ein zukünftiges Deutschland als den geistigen Beitrag Lukascheks herauszuarbeiten.
Bekannt war bislang nur, dass Lukaschek bereits 1938 die Verbindung zum
Grafen von Moltke gepflegt hatte und dass er wie übrigens auch der mit ihm
eng befreundete Jurist Paul van Husen zu den gewichtigen Persönlichkeiten
des Kreissauer Kreises gehört hat, dies auch nachdem im Januar 1944 Graf
von Moltke verhaftet worden war und man sich jetzt über ein Attentat, die
Ermordung Hitlers „aus christlicher Verantwortung" geeinigt hatte.
Die Autorin hat besonders all die in Oberschlesien im Ringen um ein Minderheitsrecht
gesammelten Erfahrungen und schriftlichen Einlassungen zusammengetragen,
um ein Bild von der Mitwirkung Lukascheks an den gemeinsamen Oberlegungen
und Erwägungen entwerfen zu können. Lukaschek war ein Anhänger der Konfessionsschule,
hier unterlag er gegenüber dem manifestierten Postulat einer christlichen
Gemeinschaftsschule. Auch seine, für den Schlesier sich leichter begreifende
Einbeziehung des österreichischen Schlesiens in das neue Deutschland fand
in den neu erstellten Papieren der Kreissauer keinen Niederschlag. Schon
angesichts der Quellenlage überwiegt in der Darstellung von Michaela Eilmann
das Biographische das Konzeptionelle. Es ist eigentlich der kundige Abriss
eine Biographie von Hans Lukaschek geworden, weshalb auch sein Wirken nach
1945, beginnend mit der CDU als neue Partei in der Sowjetzone des geteilten
Deutschlands. In Thüringen setzten ihn die Kommunisten nach neunmonatiger
Tätigkeit in ministeriale Position ab, mit der gleichen Methode wie 13 Jahre
zuvor die Nationalsozialisten. Dass er im zweiten Kabinett Adenauers nach
den Wahlen von 1953 nicht wieder zum Bundesminister berufen wurde, war eine
bittere Erfahrung, auch angesichts seines Nachfolgers Theodor Oberländer,
der auf eine ganz andere Biographie verweisen konnte.
Zu den bereits vorliegenden, an sich kurz gefassten Biographien ist nun
eine neue mit der besonderen Akzentuierung des Widerstandes hinzugekommen.
Sie ist gediegen gearbeitet, aber eine der Bedeutung von Hans Lukaschek
angemessene, umfassende Biographie dieses großen Oberschlesiers steht immer
noch aus. 1960, in einem Nachruf hieß es: „Hans Lukaschek war ein Gottesgeschenk
für die schlesische Heimat, für das deutsche Vaterland und für seine Kirche".
Herbert Hupka (SN)
Michaela Ellmann: Hans Lukaschek im Kreissauer Kreis. Verfassungsrechtliche
und verfassungspolitische Beiträge zu den Plänen des Kreissauer Kreises
für einen Neuaufbau Deutschlands. Ferdinand Schöningh Paderborn 2000, 200
S., DM 58,
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