Seite 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16


Seite 14 KULTUR / DE LIBRIS
Schlesische Nachrichten 01/2002

Der Oberschlesier im Kreissauer Kreis

Wie Eugen Gerstermaier, der spätere Bundestagspräsident , gehörte Hans Lukaschek, im ersten Kabinett Konrad Adenauers Bundesvertriebenen minister, zu den erschreckend Wenigen, die als Mitglieder des Kreissauer Kreises die grausame Justiz der Nationalsozialisten überlebt haben. Dies übrigens in letzter Stunde, da zum einen der Prozesstermin auf die zweite Aprilhälfte 1945 vertagt worden war und zum anderen die nationalsozialistischen „Rechtssprecher" nunmehr ein Alibi für das eigene Überleben erstrebten.

In der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1944, also unmittelbar nach dem gescheiterten StauffenbergAttentat gegen Hitler, war Hans Lukaschek verhaftet worden. In den Papieren, die vom Kreissauer Kreis für die Neuordnung Deutschlands erarbeitet worden waren, fand sich sein Name als Landesverweser für Schlesien, und das sollte die höchste administrative Instanz innerhalb eines föderalistisch gegliederten neuen Deutschlands sein.

Michaela Ellmann, deren Arbeit jetzt als Veröffentlichung der Görres-Gesellschaft vorliegt (Neue Folge, Band 88), hat an der Hamburger Universität zum Dr. jur. promoviert, weshalb auch der Akzent auf den staatsrechtlichen und administrativen Vorstellen des bewährten Verwaltungsjuristen Hans Lukaschek ruht. Unter den Mitgliedern des Kreissauer Kreises (bei den Teilnehmern existierte dieser Name nicht, erst die nationalsozialistischen Verfolger haben den Namen geprägt nach dem ersten Versammlungsort Schloss Kreisau des Grafen James von Moltke, unweit der schlesischen Stadt Schweidnitz gelegen) war Lukaschek, Jahrgang 1895, nicht nur der Älteste, sondern auch der Erfahrenste. Sohn eines oberschlesischen Schulmannes, selbst in Breslau geboren, war er bereits mit 30 Jahren Bürgermeister der Stadt Rybnik, 1919 hier Landrat, im Abstimmungskampf über die Zukunft Oberschlesiens der Verantwortliche für den Wahlkampf der Deutschen, 1922 als Mitglied in der nach der Teilung Oberschlesiens neu konstituierten Gemischten Kommission der deutschen Vertreter, 1927 Oberbürgermeister der Großstadt Hindenburg und 1929 Oberpräsident der erst vor wenigen Jahren neu gebildeten Provinz Oberschlesien. Im Mai 1933 wurde der Mann des Zentrums und bekennender Katholik von den Nationalsozialisten seines Postens enthoben. Nunmehr Rechtsanwalt in Breslau vertrat er mit starkem persönlichen Engagement vor allem katholische und jüdische Opfer der Diktatur. Diesen Lebenslauf brachte Lukaschek in den Widerstandskreis ein, und seine Gedanken und Vorstellungen für ein Deutschland nach Hitler waren nicht nur willkommen, sondern bestimmten den konzeptionellen Prozess. Unmittelbare Aufzeichnungen, die sich dann in den „Grundsatzerklärungen" wiederfinden, existieren nicht, aber es lohnte sich die Mühe, gewisse Leitlinien für ein zukünftiges Deutschland als den geistigen Beitrag Lukascheks herauszuarbeiten. Bekannt war bislang nur, dass Lukaschek bereits 1938 die Verbindung zum Grafen von Moltke gepflegt hatte und dass er wie übrigens auch der mit ihm eng befreundete Jurist Paul van Husen zu den gewichtigen Persönlichkeiten des Kreissauer Kreises gehört hat, dies auch nachdem im Januar 1944 Graf von Moltke verhaftet worden war und man sich jetzt über ein Attentat, die Ermordung Hitlers „aus christlicher Verantwortung" geeinigt hatte.

Die Autorin hat besonders all die in Oberschlesien im Ringen um ein Minderheitsrecht gesammelten Erfahrungen und schriftlichen Einlassungen zusammengetragen, um ein Bild von der Mitwirkung Lukascheks an den gemeinsamen Oberlegungen und Erwägungen entwerfen zu können. Lukaschek war ein Anhänger der Konfessionsschule, hier unterlag er gegenüber dem manifestierten Postulat einer christlichen Gemeinschaftsschule. Auch seine, für den Schlesier sich leichter begreifende Einbeziehung des österreichischen Schlesiens in das neue Deutschland fand in den neu erstellten Papieren der Kreissauer keinen Niederschlag. Schon angesichts der Quellenlage überwiegt in der Darstellung von Michaela Eilmann das Biographische das Konzeptionelle. Es ist eigentlich der kundige Abriss eine Biographie von Hans Lukaschek geworden, weshalb auch sein Wirken nach 1945, beginnend mit der CDU als neue Partei in der Sowjetzone des geteilten Deutschlands. In Thüringen setzten ihn die Kommunisten nach neunmonatiger Tätigkeit in ministeriale Position ab, mit der gleichen Methode wie 13 Jahre zuvor die Nationalsozialisten. Dass er im zweiten Kabinett Adenauers nach den Wahlen von 1953 nicht wieder zum Bundesminister berufen wurde, war eine bittere Erfahrung, auch angesichts seines Nachfolgers Theodor Oberländer, der auf eine ganz andere Biographie verweisen konnte.

Zu den bereits vorliegenden, an sich kurz gefassten Biographien ist nun eine neue mit der besonderen Akzentuierung des Widerstandes hinzugekommen. Sie ist gediegen gearbeitet, aber eine der Bedeutung von Hans Lukaschek angemessene, umfassende Biographie dieses großen Oberschlesiers steht immer noch aus. 1960, in einem Nachruf hieß es: „Hans Lukaschek war ein Gottesgeschenk für die schlesische Heimat, für das deutsche Vaterland und für seine Kirche".
Herbert Hupka (SN)

Michaela Ellmann: Hans Lukaschek im Kreissauer Kreis. Verfassungsrechtliche und verfassungspolitische Beiträge zu den Plänen des Kreissauer Kreises für einen Neuaufbau Deutschlands. Ferdinand Schöningh Paderborn 2000, 200 S., DM 58,


Seite 14 KULTUE / DE LIBRIS
Schlesische Nachrichten 01/2002

Seite 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16