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Seite 12 HEIMAT SCHLESIEN / KULTUR
Schlesische Nachrichten 01/2002

Nachdenkliches zu unserer Riesengebirgsreise 2001

Ausgerechnet 13 Geschwister, Cousins, Cousinen usw. waren wir immer beim Durchzählen auf unserer Tour, 6 davon aus dem Riesengebirge (Liebau, Jannowitz und Eichberg bei Hirschberg), plus 7 sozusagen „angeheiratete Schlesier". Also ein Treffen der hier im Westen verstreut wohnenden Verwandten in der alten Heimat. Somit hob sich die Stimmung dann abends im Hotel nach den gemeinsamen oder getrennten Tagestouren, alte und neue Erinnerungen hielten uns lange wach, auch bei gelegentlich stundenlangen Stromausfällen, worauf die tschechischen Hotels und Restaurants offenbar durch Routine sehr gefasst reagieren, denn es standen immer sofort Kerzen auf jedem Tisch. Vom Harrachsdorfer Hotel Svornost (Eintracht!) im Westen des Riesengebirges machten wir unsere Abstecher" an die alten Plätze wie Liebau, Schömberg, Grüssau, Hirschberg und Jannowitz.

Wir wussten von dem erheblichen (weiteren) Verfall, wobei Hirschberg in einigen Bereichen (um den Marktplatz etc.) und die Wintersportplätze ganz oben im Gebirge noch (oder schon wieder) etwas besser aussehen. Besonders in den kleineren Dörfern herrscht zumeist auch eine trostlose Leere. Auch viele alte Felder waren nicht bestellt.

Wer es von früher kennt, weiß, dass es einst blühende Landschaften waren. Von „unserem" alten Liebau gibt es außer den alten Bildbänden noch Vergleichsmöglichkeiten anhand der Photos, die z.B. unsere Eltern bei den Wohnungs-Räumungen 1945/46 aus den Photo-Alben nahmen und im Handgepäck bei unserer Vertreibung versteckten, zur Erinnerung. Dabei hatten sie wohl am wenigsten daran gedacht, dass wir diese Photos jetzt gelegentlich als Beweis unseren hier im Westen gegründeten Familien gegenüber dafür gebrauchen können, dass wir nicht einst in solchen Behausungen wohnten, wie sie sich jetzt dort leider zu einem großen Teil präsentieren.

Bei dem früher so idyllischen Schömberg (u. vielen anderen Plätzen) muss man rundheraus von Dreckslöchern sprechen.

In Grüssau keine Gerüste mehr um die Kirchen, dafür fast ohrenbetäubender Gebetslärm über Lautsprecher, der weder Andacht noch sentimentale Erinnerung aufkommen lässt. Dafür werden wir Tage später in der Hirschberger Gnadenkirche mitten in ein mächtiges Orgelkonzert eingelassen, wirklich berauschend schön und herzerhebend.

In Jannowitz lässt uns die polnische Familie ins Haus unseres Großvaters, lädt uns 7 Leute zum Kaffee ein. Opa hatte bis 1945 dort die Bäckerei, Konditorei und Restauration (Karl Krusche). Äußerlich das Haus leider inzwischen sehr unansehnlich, die große Veranda quasi baufällig usw., Garten, Hof und Hinterhaus verwildert, die eine Wohnung dafür sehr passabel und einigermaßen neu hergerichtet.

Die Trostlosigkeit großer Ortsteile trifft gleichermaßen unser Liebauer Stadtviertel um das große Haus Trautenauer Straße 44. So vieles fällt uns wieder ein. Wolfgang Liebeneiner ist 1905 in Liebau geboren. Der in der so nahen Kreisstadt Landeshut geborene Architekt Carl Gotthard Langhans hat u.a. das Brandenburger Tor in Berlin gebaut. Der Maler und Graphiker Otto Mueller ist 1874 in Liebau geboren, er gehört zu den sogenannten „Vier M" der Malerei mit schlesischen Wurzeln: Adolph Menzel, Otto Mueller, Oskar Moll und Ludwig Meidner.

Offensichtlich reisen inzwischen mehr Riesengebirgsgäste in die tschechischen Hotels. Wie im jetzt polnischen Riesengebirge sind auch hier in Tschechien nur die ausgesprochenen Wintersportplätze einigermaßen in Stand gehalten, während wiederum die kargen Ausstattungen einiger „Bauden" z.T. billigste Wartesaal-Atmosphäre darstellen (z. B. oben auf der „Koppe", sowie die Reifträgerbaude usw.) Wer die anheimelnden warmen und gemütlichen Bauden von früher her kennt, ist bei diesen hier genannten geradezu schockiert. Aber sicher gibt es da auch noch positivere Beispiele.

Natürlich haben wir uns ausgiebig auf den Bergen umgesehen. Auf den so oft wolkenverhangenen Gipfeln (die Schneekoppe soll nur an ca. 80 Tagen im Jahr wolkenfrei sein) hatten wir Glück. Es war insgesamt eine sehr schöne Reise mit viel Hinwendung an die Landschaft und an die mitgereiste Verwandtschaft.

Und weil der Verfall vieler Orte die Gemüter bewegt, streiten und plagen wir uns zwischendurch mit mühsamen, unbefriedigenden und vergeblichen Erklärungsversuchen: Spüren diese Leute den Verfall evtl. gar nicht so sehr, fehlt ihnen vielleicht nichts (dort, woher sie oder ihre Eltern kamen sah es schon immer nicht anders aus)?? Ein anderer meint: Hätten sie uns nicht vertrieben, wären wir unter uns geblieben, sähe es hier anders aus, etwa so wie im Bayrischen Wald heute. Kamen doch schon vor dem Krieg die meisten deutschen Urlauber ins Riesengebirge, wenn sie in die Berge fuhren. Aber wir hätten ja dann bestenfalls zur DDR gehört (und wie sieht es heute noch in den Randbezirken vieler ostdeutscher Städte aus!). Liegt es an den Jahren des sozialistischen Systems? 1988 sagte uns ein (poln.) Reiseleiter, es will dort niemand so recht für einen anderen privaten polnischen Chef arbeiten. Das ist dann wohl nach sozialen (sozialistischen) Vorstellungen Ausbeutung. Wir haben uns hier im Westen nach der Vertreibung aus tiefster Not und in größter personeller Konkurrenzlage auch für kleine und mittlere Chefs (bis heute krumm gelegt (zeitweilig vor Arbeit gebibbert). Nur so können Wettbewerb, neue Strukturen, kann In
frastruktur auf Dauer entstehen. Gerade die Vertriebnen und Flüchtlinge waren hier im Westen maßgeblich am „Wirtschaftswunder" beteiligt (siehe Jubiläums-SPIEGEL aus 1997).

Alles wohl müßige Überlegungen für uns. Es gibt auch nicht einmal kleinste Hinweise auf unsere Ursprünge dort im Gebirge, vom Grüssauer Kloster bis zur Harrachsdorfer Glasfabrik usw. Da sind nur polnische und tschechische Namen erwähnt. So kam mir das Zitat aus der „Glocke" (Feuersbrunst) in den Sinn (nicht über die Lippen), wenn immer wir erschrocken vor Straßenruinen standen: „...staunend sieht er seine Werke und bewundernd untergeh'n ..."

Nun soll Europa einst alles kitten, schön wär's, wenn aber das Problem nicht evtl. wohl tiefer läge... Wurden nicht unsere Vorfahren seit etwa 800 Jahren eigens in das fast menschenleere Land geholt, um es vernünftig zu besiedeln? Es gab auch da im Laufe der Geschichte dann härteste Krisenzeiten bis in die jüngere Vergangenheit: Beim Weberaufstand breitete sich vor Armut ein „Leichentuch" über die schlesischen (Gebirgs)Regionen (Heinrich Heine). Es gab immer viele schlesische Auswanderer nach Übersee. Auch hier in norddeutschen Familien zeigen sich unversehens oftmals alte schlesische Wurzeln.

Alle jene lokalen schlesischen Krisenzeiten hinterließen aber zu keiner Zeit so anhaltende Verwüstungen, wie sie jetzt dort leider unübersehbar sind ...
Joseph Krusche (SN)


Veranstaltungstermine 2002

Bitte geben Sie im Jahr 2002 Termine rechtzeitig bekannt, damit wir in den Schlesischen Nachrichten einen möglichst großen Leserkreis auf alle Veranstaltungen aufmerksam machen können. Bis spätestens drei Wochen vor der Veranstaltung müssten ihre Einsendungen der Redaktion vorliegen, da wir sie sonst aus verfahrenstechnischen Gründen nicht berücksichtigen können. Leider ist dies immer wieder vorgekommen, so dass nicht die maximale Anzahl an Interessenten erreicht werden konnte. Sicherlich würden oft noch mehr Besucher kommen, wenn sie vorher in den Schlesischen Nachrichten gelesen hätten, dass „etwas Ios ist".
SN


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