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Seite 5 POLITIK / ZEITGESCHEHEN
Schlesische Nachrichten 01/2002

Landesmuseum in Görlitz eröffnet

Wir veröffentlichen eine gekürzte Fassung des Grußwortes von Dr. Herbert Hupka, Mitglied des Stiftungsrates, gesprochen im Großen Rathaussaal des Rathauses zu Görlitz am 15. Dezember 2001.
In den achtziger Jahren des von uns gemeinsam erlebten und auch erlittenen 20. Jahrhunderts wurde die Errichtung von Landesmuseen für die Heimatländer der Vertriebenen Gegenstand der Erörterung und vor allem von Aktivitäten, um das Projizierte und Gewollte auch zu realisieren. Die Landsmannschaft Schlesien engagierte sich sogleich, um mitzuwirken und zu erreichen, dass ein Landesmuseum Schlesien errichtet werde. Zusammen mit dem Patenland für Schlesien, der Landesregierung von Niedersachsen, waren wir übereingekommen„, dass das Landesmuseum Schlesien in Niedersachsen errichtet werden sollte. Es bot sich Hildesheim und dort die „Sürte" als geeigneter Ort und Platz an.

1989/90 brachte die große Wende. Die Wiedervereinigung von Westdeutschland mit Mitteldeutschland und aus der Bundesrepublik Deutschland der 11 Länder wurde die neue Bundesrepublik der nunmehr 16 Länder. Zu einem Bindestrich-Land, SachsenNiederschlesien, wie MecklenburgVorpommern hat es nicht gereicht. Aber in der Verfassung des Freistaates Sachsen findet sich Schlesien ausdrücklich wieder. Innerstaatlich hatte sich im Jahre 1990 auch noch etwas verändert, und dies betraf das Projekt eines Landesmuseums Schlesien in Niedersachsen. Die Regierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht wurde durch die Regierung Gerhard Schröder-Jürgen Trittin abgelöst, an der Errichtung eines Landesmuseums Schlesien zeigte man sich hinfort bewusst desinteressiert, die Patenschaft zwischen Niedersachsen und Schlesien, 1950 von Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf gestiftet, sollte nur noch von symbolischer, zeitgeschichtlicher Bedeutung sein.

Aber es gab gleichzeitig dank des unerwarteten Laufs der Geschichte auch gute Zeichen für ein Landesmuseum Schlesien. Görlitz, die Hauptstadt der niederschlesischen Oberlausitz musste von uns Schlesiern nicht erst entdeckt werden, aber dieser Teil Niederschlesien gehörte jetzt zur Bundesrepublik Deutschland, und hier stand und steht der prachtvolle Schönhof als potentieller Standort eines Landesmuseums Schlesien.

Für uns, die Landsmannschaft Schlesien, war es selbstverständlich, und es setzte auch kein Widerspruch, dass wir zu den Mitbegründern dieses Landesmuseums Schlesien, jetzt offiziell als Schlesisches Museum zu Görlitz in die Satzung eingegangen, gehörten. Allerdings hatten sich die Ausgangslage und die Perspektiven inzwischen verändert. So war es vier Jahrzehnte hindurch: Schlesien in dem vom Kommunismus beherrschten Polen, die Deutschen in der Heimat ohne jedes Recht, ihre Identität als Deutsche zu wahren. Ein freies Überschreiten der OderNeiße-Linie war nicht möglich. Wer in der Bundesrepublik Deutschland sich zu seinem heimatlichen Herkommen bekannte und das Wort nahm, wurde zum „Revanchisten" erklärt und beschimpft. Aber es war auch die Zeit, da wir die Hoffnung auf einen Friedensvertrag, wenn auch in ferner Zukunft, hegten. Das geplante Landesmuseum Schlesien konnte nur als Begegnung mit Schlesien als einem fernen, diktatorisch beherrschten Land gepflegt werden. Das ist jetzt anders. Zwar gibt es keine Hoffnung auf einen Friedensvertrag, denn durch den Grenzbestätigungsvertrag ist völkerrechtlich verbindlich entschieden worden, aber als freie Bürger und freie Nachbarn überschreiten wir die Oder und Görlitzer Neiße und begegnen einander in Freiheit. Die Deutschen in der Heimat bekennen sich zu ihrer Identität und sind auch im Sejm mit zwei Abgeordneten vertreten. Das Schimpfwort vom „Revanchisten" ist außer Kurs gesetzt.

Die ganze Geschichte Schlesiens soll in diesem Museum präsent sein, mit all den geschichtlichen Einschnitten und Veränderungen, die gewissenhaft zu registrieren sind. Wir haben Antworten auf diese Fragen zuerteilen: Wo liegt Schlesien? Was heißt Schlesien? Welche Bedeutung hatte und hat Schlesien in Geschichte und Politik, für die Wirtschaft, für die Sozialgeschichte, in der Kultur und Geisteswissenschaft? Es gibt viele rühmende Aussagen bedeutender Köpfe über Schlesien. Es wäre jetzt reizvoll, einige zu zitieren. Fakten sollen sprechen, und diese vermögen zu überzeugen. Auch eine Fülle großer Namen der letzten Jahrhunderte bis zum jüngsten Nobelpreisträger für Physik, Professor Günter Blobel aus Waltersdorf im Kreise Sprottau der Zwölfte in der Reihe der Nobelpreisträger aus schlesischer Wurzel, wäre hierzu nennen. Gegen manches gar absolut gesetzte Wort wie das von Detlev Liliencron über Schlesien als dem Land der 666 Dichter muss man das andere Wort setzen, das von den großen vier M in der Malerei: Adolph Menzel, Oskar Moll, Ludwig Meidner und Otto Mueller. Jetzt können wir gleich auch Sigmar Polke nennen, 1940 in Oels geboren und heute der für seine Bilder auf den Kunstauktionen am höchsten dotierte deutsche Maler der Moderne.

Da sich in jüngster Zeit manche, zuerst bewusst vorgetragene, Simplifizierung der Geschichte Schlesiens auch durch die geschichtlichen Ereignisse, über die es berichtet, für die notwendige Korrektur sorgen können. Ich nenne hier die gern kolportierte falsche Periodisierung der Geschichte Schlesiens, der zufolge auf eine piastische Epoche eine böhmische oder tschechische gefolgt sein, dann die Herrscherhäuser der Habsburger und der preußischen Hohenzollern, so dass für Schlesien und seine Zugehörigkeit zum Deutschen Reich nur die Zeit seit der Reichsgründung von 1871 übrig bleibt! Ich will das hier nicht polemisch vortragen, aber die Anmerkung machen, dass in der Darstellung von Schlesien nichts verdrängt oder vergessen, nichts ausgegrenzt, aber auch nichts einseitig hochgespielt werden darf.

Das bekannte Schlesien soll wieder bekannt gemacht werden, immer vorausgesetzt und darauf hoffend, dass es noch bekannt ist. Aber bedeutsamer ist, das allgemein unbekannte Schlesien vor- und darzustellen. Schon deswegen ist vieles unbekannt, und man muss dafür sogar Verständnis aufbringen, wenn über den österreichischen und den preußischen Bezug Schlesiens zu berichten ist. Die Spannung zwischen Berlin und Wien als den Richtpunkten schlesischer Gefühligkeit hat es bis in die jüngste Zeit gegeben: Das konfessionelle Gesicht Schlesiens mit dem protestantischen Übergewicht in Niederschlesien und dem katholischen Übergewicht in Oberschlesien, das Wirken und die geistige Potenz der jüdischen Gemeinde in Breslau, der jüdischen Gemeinden in Glogau oder Zülz und überhaupt in Schlesien - zu registrieren ist, dass man sich jetzt wissenschaftlich damit beschäftigt.

Das alles gehört zur Zeitgeschichte, und gerade diese ist in die Arbeit des Landesmuseums Schlesien mit einzubeziehen. Das ist auch Grund dafür, dass gerade diese Jahrzehnte zu einem zutreffenden Bild von Schlesien gehören, um so objektiv wie möglich historisch Rechenschaft abzulegen: Über die Zugehörigkeit eines Teiles von Schlesien musste plötzlich abgestimmt werden, mit Entscheidungen, die auf der einen Seite bejubelt, auf der anderen Seite als Unrecht interpretiert wurden. Weitere Themen sollten sein: der Nationalsozialismus in Schlesien, der Widerstand gegen Hitler gerade auch in Schlesien, ich nenne hier das Stichwort Kreisau, die Vertreibung der Deutschen, gewaltsame Polonisierung wie vorausgegangene gewaltsame Germanisierung bis in die Ortsnamen hinein, die neue polnische Bevölkerung in Schlesien, kommunistische Diktatur, deren Opfer sowohl das polnische Mehrheitsvolk als auch die deutsche Minderheit geworden sind, das Tun und Wirken der aus der Heimat Vertriebenen in der freien Bundesrepublik Deutschland, neue Anfänge des Zueinanderkommens bis hin zu Ehrungen, heute in Breslau für Karl von Holtei, dies sogar mit seinem Spruch „Heem will ihch, suste weiter nischt ack heem" oder für Dietrich Bonhoeffer mit dem Denkmal vor der Elisabethkirche, einst Hauptkirche des schlesischen Protestantismus, heute polnische Garnisonkirche. Ob aus dem frühen Mittelalter geschöpft oder die Neuzeit reflektiert wird, es wird zu deutsch-polnischen Disputen und Auseinandersetzung kommen, und das ist gut so, wenn sie zur Wahrheitsfindung beitragen.
Den Gruß der Bergleute Oberschlesiens und des Waldenburger Berglandes „Glückauf" hat sich die Landsmannschaft Schlesien zu eigen gemacht, indem sie grüßt „Schlesien Glückauf!" Hierin Görlitz gilt dieses Glückauf dem Landesmuseum Schlesien, das über Vergangenes und die Gegenwart informieren wird.
Das Foto auf Seite 1 zeigt das Haus zum Goldenen Baum (rechts), Untermarkt 4, es gehört zu den Hallenhäusern, die der Görlitzer Altstadt ihr Gepräge geben. Eine Zentralhalle mit spätgotischem Netzgewölbe verbirgt sich hinter der Renaissance-Fassade von 1538. Hier nimmt im Dezember 2001 das Schlesische Museum seinen Sitz. 2005 wird die ständige Ausstellung im nahe gelegenen Schönhof eröffnet.


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