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Schlesische
Nachrichten 24/2001
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"Die versunkene Glocke" aus der Versenkung gehoben
"Im Deutschen Theater hatte gestern Gerhart Hauptmann", wie Paul
Schlenther am 3. Dezember 1896 nach der Uraufführung in der "Vossischen
Zeitung" schrieb, "mit seinem fünfaktigen Märchendrama ,Die versunkene
Glocke' den größten und unbestrittensten Erfolg, der ihm in seinem siebenjährigen
Kriegs und Bühnenleben jemals von der streitenden Menge beschieden wurde."
Nach diesem Zitat aus dem bescheidenen Programmheft des Berliner "theaters
im palais" (die Kleinschrift entspricht der Größe der Kammerbühne mit
einem Auditorium von noch nicht 100 Plätzen), wird im Begleittext von Michael
Funke zu Recht bemerkt: "Heute scheint ,Die versunkene Glocke' vergessen,
kein aktueller Schauspielführer widmet sich ihr ausführlicher, kaum eine
Aufführung fand nach Kriegsende statt: Ein merkwürdiger, in den Theaterdramaturgien
nicht seltener Akt kollektiver Verdrängung."
Die Literaturhistoriker haben sich allerdings über die Jahrzehnte hinweg
ebenso ausführlich wie interpretationsbegierig mit diesem "Deutschen
Märchendrama" des vierunddreißigjährigen Dichters Gerhart Hauptmann
beschäftigt, aber "Die versunkene Glocke" blieb aussortiert und
nicht mehr aufgeführt. Seit dem 12. Oktober 2001 steht das Stück im Programm
der kleinen Bühne dieses literarischen Theaters im ehemaligen "Haus
der Deutsch Sowjetischen Freundschaft",aber auch hier nicht en suite,
sondern jeweils nur zweimal im Monat angesetzt. Das "Die versunkene
Glocke" wieder entdeckt worden ist, verdient nicht nur besonderer Erwähnung
sondern auch würdigende Anerkennung. In Gesprächen nach der Aufführung mit
Mitgliedern der Gerhart Hauptmann Gesellschaft hieß es: "Die Zeit für
dieses (surrealistische) Märchen wäre heute angesichts beliebter Phantastik
als Gegenposition gegen die Realitätsbesessenheit wieder reif." Aber
auch das wurde gesagt: "Wo fände sich ein deutscher Regisseur, der
auch den Mut aufbrächte, das Alte als das Neue wagemutig zu spielen?"
Von den elf handelnden Figuren laut Originaltext waren fünf übrig geblieben,
und die beiden Waldmenschen, der Elementargeist Nickelmann und der Waldschrat,
traten überdies auch als Pfarrer und Schulmeister auf. Herausgearbeitet
waren nach den notwendig gewordenen Streichungen die beiden Hauptfiguren
Heinrich, der Glockengießer, und Rautendelein, ein elbisches Wesen, und
dieses zugleich auch noch (nicht ganz ohne sinnbildliche Bedeutung) als
des Glockengießers diesseitiges Weib Magda. Die gegossene Glocke ist gesunken,
ist untergegangen. Das irdische Leben ist erfolglos am Ende. Das Märchen,
eine transzendente Welt, eröffnet ein Überleben, haucht neue schöpferische
Kraft ein, um das große Werk mit "Sonnenglockenklang" zu schaffen.
Aber auch das gelingt nicht. Rautendelein ist die Zauberin und auch durch
den Glockengießer Heinrich Verzauberte. Diese Doppelrolle spielt Angelika
Hofstetter weniger als zarte Fee, denn vielmehr als erotische Verführerin.
Das Rautendelein ist ein herber Typ, weniger lieblich verhalten als mit
ballettösem Können sich selbst darstellend. Sie wirbelt über die schmale
Bühne und sitzt mit kühnen Sprüngen dem Glockengießer immer wieder im Genick.
Sie will ihn gewinnen und festhalten. Peter Rauch als Glockengießer Heinrich
nimmt fast schon die Figur des Fuhrmann Henschel in dem ein Jahr später,
1897, uraufgeführten gleichnamigen Stück dichtester Dramatik vorweg. Standfest
hatte er begonnen und wollte auch so bleiben, aber Rautendelein kreuzt seinen
Weg, er wird ihr hörig, doch diese Hörigkeit bringt ihm nicht das letzte
Glück, weder als Glockengießer noch in seinem Lebenslauf. Diese Zwiespältigkeit
zwischen diesseits und jenseits der Wirklichkeit wurde hervorragend herausgespielt.
Dem Zuschauer mag sogar das Jenseitige gefälliger, überzeugender eingegangen
sein. Carl Martin Spengler als Nickelmann und Thomar Ecke als Waldschrat
spielen während ihrer vielen Auftritte gleichsam die Begleitmusik in ihrer
kostümierten Gestik. Die Töne des sparsam begleitenden Klavierspiels von
Ute Falkenau wurden der Neuromantik des so gern nur naturalistisch etikettierten
Dichters gerecht.
Viel ist in den Interpretationen der "Versunkenen Glocke" über
Widerspiegelungen des Lebensweges von Gerhart Hauptmann und über dichterische
Anleihen bei Shakespeare, Goethe ("Faust", z. Teil), Ibsen ("Peer
Gynth") orakelt worden, aber davon sollte man sich frei machen. Das
Märchendrama ist kein Solitär, "Und Pippa tanzt", "Der Ketzer
von Soana" setzen auf dem Theater und in der Epik fort, was mit der
"Versunkenen Glocke" gleichsam als Ouvertüre begann. Für das geglückte
dramatisierte Rezitativ im "theater am palais" in Berlin und die
Hebung der "Versunkenen Glocke" in unsere Gegenwart kann man nur
dankbar sein.
Herbert Hupka (SN)
Schlesischer Lesekalender für das Jahr
2002
Im Kalender Angebot stehen die Lese oder Buchkalender nicht mehr
hoch im Kurs. Da aber die Lesekalender von einigen Verlagen Jahr für Jahr
angeboten werden, kann davon ausgegangen werden, dass sie immer noch und
immer wieder freudig zur Hand genommen werden. Den Verlegern, die diese
Lesekalender mit dem Thema Schlesien auflegen, sei besonderer Dank gesagt.
Der "Volkskalender für Schlesier" erscheint bereits im 54. Jahrgang,
und das heißt, dass er zum ersten Male 1949 auf dem Büchermarkt präsent
gewesen ist, eine großartige Pflege der Tradition. Ein Vierteljahrhundert
heiß der Herausgeber Hanns Gottschalk, seit dem Jahre 2001 zeichnet die
Schriftstellerin Monika Taubitz verantwortlich. Sie ist mit einem Gedicht,
einer Erzählung und dem Text der Rede vertreten, die sie als Vorsitzende
des "Wangener Kreises Gesellschaft für Literatur und Kunst DER OSTEN"
aus Anlass des 50. Geburtstages dieser Vereinigung gehalten hat. Viele
Namen schlesischer Künstler und Schriftsteller, von denen der eine oder
andere auch in Wangen nach der Vertreibung ein neues Zuhause gefunden
hat, werden genannt. Darunter auch Richard Schiedel, Poet und Vagant,
an den ein abgedrucktes Gedicht jetzt erinnert. Unter den Abdrucken schriftstellerischer
Zeugnisse finden sich nicht nur Stücke längst literarhistorisch berühmter
Namen, sondern vor allem Arbeiten lebender Autoren, unter ihnen Dagmar
Nick und Heinz Piontek, Ernst Günther Bleisch und Jochen Hoffbauer.
Zu den guten Seiten des Lesekalenders gehören stets die Aufsätze aus Anlass
runder Erinnerungsdaten, dieses Mal zum 100. Geburtstag von Hanna Reisch,
aus der Feder von Konrad Werner. Gern liest man des schlesischen Kunsthistorikers
Günther Grundmanns Ausführungen zu "Caspar David Friedrich und das
Riesengebirge" oder lässt sich von Günter Bialas, dem berühmten Komponisten
nach Kaltwasser in der Grafschaft Glatz entführen. Auch eines Schlesiers
wird gedacht, 1940 in Breslau geboren, hier 2000 gestorben, Lothar Herbst
sein Name, Schriftsteller und schließlich Leiter des Breslauer Senders,ein
Schlesier, der mit seiner Mutter im Lande geblieben war und ein Pole geworden
ist, übrigens ein mutiger Streiter gegen die kommunistische Diktatur,
1997 mit dem Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen ausgezeichnet.
Das vorangestellte Kalendarium vermerkt für das Jahr 2002 die Lebensdaten
bekannter und auch berühmter Schlesier, soweit Geburts oder Todesjahr,
mit einer ganzen oder halben Rundung zum Gedenken anregen. Darum ist auch
vermerkt, dass Werner Finck, der poetische und unter dem Nationalsozialismus
kämpferische Kabarettist, begoren in Görlitz, am z. Mai 2002 seinen 100.
Geburtstag feiern könnte. Für den z. September ist in Chronistenpflicht
auch der 65. Geburtstag der liebenswerten Herausgeberin dieses Lesekalenders,
Monika Taubitz, in Breslau geboren, Kindheit bis zur Vertreibung in der
Grafschaft Glatz, notiert.
"Der gemittliche Schläsinger", herausgegeben von Jürgen Knorrn,
erschien vor 22 Jahren zum ersten Mal wieder, nachdem er in der Heimat
bereits 60 Jahre alt geworden war. Seit 1882, damals von Max Heinzel gegründet,
stand immer die schlesische Mundart, besser vielleicht das Wort in der
Mehrzahl gebraucht, im Mittelpunkt. Es seien die Namen der für die Herausgabe
Verantwortlichen genannt: Philo vom Walde, Paul Keller, Robert Sabel,
Hermann Bauch und Ernst Schenke, der Letzte der schlesischen Poeten, die
in der Mundart zuhause sind. 1942 musste ein Ende gesetzt werden, aber
1981 ist "Der gemittliche Schläsinger" wieder frisch erwacht.
Nachdem in zahlreichen Ausgaben dieses Kalenders das Werk von Ernst Schenke
nachgedruckt worden ist, begibt man sich jetzt auf die bunte Wiese nicht
minder bedeutender Namen mit ihren Gedichten und Geschichten in der Mundart.
Oberschlesien bleibt hier leider jenseits liegen, obwohl es empfehlenswert
wäre, die Besonderheiten des Oberschlesischen, es sei nur auf Viktor Kaluza
und manchen anonym gebliebenen Autor verwiesen, in die Nachdrucke miteinzubeziehen.
Um die ältere Generation als Kenner, Liebhaber und Leser der Mundart freundlich
zu bedienen, sind die Texte in großen Lettern und überdies in der gotischen
Schrift gesetzt. Randzeichnungen und ein ganzseitiges Bild von Burg Tschocha
am Queis sorgen für die Illustration, dazu die Skizze der Karte Schlesiens,
leider ohne das 1922 abgetretene Ost Oberschlesien. Die eine der beiden
Titelseiten offeriert sich in lateinischer Schrift und eröffnet mit dem
Satz: "Schlesien lebt in uns weiter, wenn wir uns täglich aufs Neue
zu Schlesien bekennen."
Herbert Hupka (SN)
Volkskalender für Schlesier 2002. Herausgegeben von Monika Taubitz. Aufstieg
Verlag Landshut, 128 S. 17,90 DM Der gemittliche Schläsinger. Kalender
2002. Schlesierverlag L. Heege Schweidnitz, jetzt Reutlingen 146 S. 15,80
DM
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