| Die Sonne war Weihnachten
Gerhart Hauptmann
Waren die Lichter meines Geburtstages erloschen, so tauchte gleich
eine andere Ballung von Licht, eine zunächst nur innerliche Sonne,
auf. Die Sonne war Weihnachten. Unter der Lichtflut dieses Festes
hat sich wohl der Familienkreis mir am frühesten und deutlichsten
eingeprägt: mein Vater, der einen martialischen Schnurrbart und
Brillen trug, meine Mutter mit ihrem Wellenscheitel, mein Bruder
Carl, Johanna, die Schwester. An meinen ältesten Bruder Georg habe
ich aus dieser Frühzeit keine Erinnerung.
Uns Deutschen kann der volle Begriff eines Festes nur noch an diesem
Feste klarwerden. Es erhebt sich aus unabsehbaren Tiefen der Vergangenheit,
und seine lebendige, oberirdische Tradition wird von Generation
zu Generation in der gleichen Empfängnis entgegengenommen.
Die Freude dieses Festes war nicht die unmittelbare gesunde, irdische,
sondern sie war eine mystische. Sie erhob sich in überirdischer
Steigerung. Über ihr stand eine immergrüne Tanne, ein Nadelbaum,
aus dessen Zweigen Kerzen emporwuchsen und ihn zu einer Pyramide
von Flämmchen machten. Der Baum war gesunde Waldnatur, die Kerzen
auf ihm und er als ihr Träger Mysterium.
0 Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter.
Du blühst nicht nur zur Sommerszeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
0 Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter.
Welche widersinnige Einfalt beseelt dieses kleine Lied, und welche
Tiefen des Entzückens werden durch es im Gemüt des Kindes ausgelöst.
Geschenke, Gaben brachte wohl das ganze Jahr hie und da, aber sie
waren nicht von dem Zauber berührt und erfüllt wie die Bescherung
unterm Weihnachtsbaum. "Vom Himmel hoch da komm ich her".
Nicht die Eltern hatten uns mit Geschenken beglückt, sondern sie
waren diesmal wirklich vom Himmel gekommen. Der Vater, die Mutter
waren Treuhänder, die sie uns übermittelt hatten.
Darum war die Freude, die Spannung zu Weihnachten übergroß, mitunter
so groß, daß mein Organismus sich in der Folge durch eine kurze
Krankheit wiederherstellen mußte.
Trotzdem stellte man sogleich Berechnungen über das kommende Weihnachten
an, über die Monate, Wochen, Tage, die man bis dahin noch zu bestehen
hatte.
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| A Kindla kleen eim Stolle loag
A Kindla kleen eim Stolle loag,
Gbebett't uff Hei un Struh;
Doo iech doas Kinbla liega soahg,
Woar iech voo Herza fruh.
Is loag ei femm Genistla doo,
Sei Leidla doas woar rund,
Die Wängla rut, die EegIa bIoo,
Ma soa's, is woar gesund.
Die Schäfla goar hoan sich gefräht,
Die Kalbla machta muh,
Und olle hoan sich rimgedräht
Durt uff doas Kindla zu.
Goar eega hoa iech merrsch besahn
Und drüber noochgeducht,
Woas iech dam Kindla kännde gan;
A Nüßla hoot's gemucht.
Js hoot miech freindlich oangelacht,
Doo troat iech sachte naus,
Doo ging merr ei dar stilla Nacht
Die Freede nich meh aus.
Ernst Schenke
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