Schlesische Nachrichten
Zeitung für Schlesien

Herausgeber: Landsmannschaft Schlesien ‑ Nieder‑ und Oberschlesien

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Nummer 23/2001                                               Einzelpreis 3,50 DM                                                  01. Dezember 2001

Ein Europa ohne Wenn und Aber
gibt es nicht

Damian Spielvogel - Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft Schlesien e.V.

Schlesien im Europa der Zukunft" - so lautete das Motto des jüngsten Deutschlandtreffens der Schlesier in Nürnberg. Eine zukunftsweisende Losung. Doch wie soll das Europa der Zukunft aussehen, in dem Schlesien einen gebührenden Platz einzunehmen hat? Der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, hat dieses Jahr in der Zeitschrift "Capital" seine Vision von Europa in wenigen Worten skizziert: "Eine Union von Minderheiten, bald 27 Staaten, die sich mit gleichen Regeln und Rechten in einer Förderation zusammentun. Eine Union, in der keine Randgruppen unterdrückt und die Schwachen geschützt werden, in der wir Wohlfahrt für 500 Millionen Menschen schaffen." Die neue Währung, der Euro, ist durchgesetzt und mit ihm eine kongruente Haushaltspolitik der Teilnehmerländer. Die Steuerangleichung wird sich daraus langfristig automatisch ergeben müssen. Privatisierung und Deregulierung werden umgesetzt. Für die wirtschaftliche europäische Vision ist das meiste getan. jetzt muss es um die Politisierung des europäischen Gedankens gehen. Die Zukunft erfordert eine neue europäische Weltpolitik.
Das bedeutet mehr politische Verantwortung für die potenzielle Supermacht Europa. Es müssen Gemeinsamkeiten in der europäischen Innen - und Außenpolitik, mit Mehrheitsmechanismen, die schnelle und unbürokratische Entscheidungen möglich machen, erzielt werden. Doch in diesem Europa muss nicht alles zentralisiert und harmonisiert werden. Viele subsidiäre Aufgaben, wie beispielsweise die kuiturellen oder bildungspolitischen Aufgaben, müssen den beteiligten Saaten zugebilligt werden. Die Staaten dürften ihre Fahnen, ihre Hymnen und ihre Fußball-Nationalmannschaften beibehalten.
Die vielgepriesene "EU-Niederlassungsfreiheit", insbesondere im Hinblick auf die angestrebte Osterweiterung, ersetzt aber nicht das Recht auf die Heimat, das noch den deutschen Vertriebenen und ihren Nachkommen verwehrt wird. Die Verwirklichung des Rechtes auf die Heimat ist und bleibt ein ungelöstes Problem. Diese ungelöste deutsch-polnische Frage, die von der deutschen Politik gern verschwiegen oder übergangen wird, wird eine europäische Lösung finden müssen. Daher muss die kulturelle Vielfalt der Völker erhalten bleiben, um tragbare Lösungen zu finden. Eine zentralistische Gleichschaltung aller Nationen würde das kulturelle Erbe Europas zerschlagen. Die Rückbesinnung auf alte europäische und somit christliche Werte ist dringend geboten. Gerade in Deutschland, wo die meisten Minister das Wort "Gott" meiden, wenn sie ihren Eid leisten, ist diese Rückbesinnung notwendiger denn je. Die großen christlichen Kirchen sind gefordert, sich endlich aus ihrer passiven Rolle zu befreien. Aber wir müssen einen Zustand anstreben, der unvorstellbar macht, dass Nationen in einen Krieg ziehen.
Der Gedanke macht stutzig, aber die Terroranschläge in den USA haben uns gezeigt, wie leicht sich Völker von Fanatikern in bewaffnete Konflikte reißen lassen. Das Ziel muss tatsächlich heißen: Frieden und Wohlstand für 500 Millionen Menschen. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen muss endlich Teil des politischen Handels und Tuns werden. Die osteuropäischen Beitrittskandidaten sind nicht nur für das wachstumssatte Westeuropa, sondern der EU-Beitritt ist für diese Länder eine Chance. Doch ein Beitritt ohne Wenn und Aber gibt es nicht. In den Kopenhagener Kriterien heißt es, dass neue Mitgliedstaaten in der EU eine Garantie für rechtstaatliche Ordnung und für die Wahrung der Menschenrechte und für den Schutz von Minderheiten bieten müssen. Eine Aufnahme Polens und Tschechiens in die EU, ohne voherige Aufhebung der nach wie vor gültigen Vertreibungs- und Enteignungsdekrete, ist unakzeptabel. Eine Doppelmoral kann es in einer europäischen Wertegemeinschaft nicht geben. Dennoch sollten wir als Europäer gemeinsamm eine chansenreiche Zukunft aufbauen, um in dem neuen Europa auch Schlesien eine Zukunft zu geben.


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