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Schlesische Nachrichten 22/2001

Schlesien vergegenwärtigen

I.
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es eine Partei, die CSU, die auf das Engste mit Bayern, einem unserer 16 Bundesländer, verbunden ist. Soeben erst wieder auf ihrem Parteitag in Nürnberg wurde in vielerlei Abwandlungen diese Bindung an das Herkommen artikuliert und akzentuiert. Es fiel auch das Wort vom Stolz, in Bayern zu leben, sich zu Bayern zu bekennen, für die Belange Bayerns einzutreten und dafür, wenn notwendig, auch zu streiten. Das hat nichts mit irgendeiner geheimen Separierung von ganz Deutschland zu tun, im Gegenteil, man arbeitet bewusst im Dreiklang von Bayern, Deutschland und Europa. Aber der innerlich tief wurzelnde Bezug zu Bayern ist das Fundament allen Tuns und Wirkens. Selbstverständlich weiß man auch zu differenzieren, indem man die drei Stämme beim Namen nennt, die Altbayern, Schwaben und Franken. Dazu kommen dann noch als vierter bayerischer Stamm, ein Wort des früheren sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner, die Sudetendeutschen, die mit über einer Million im Freistaat Bayern ein neues Zuhause gefunden haben.
Ihre offenkundige Stärke bezieht die CSU aus dieser engen Bindung an das Heimatland. Keine andere Partei in der Bundesrepublik Deutschland schafft etwas Vergleichbares, kann es wahrscheinlich auch gar nicht schaffen, denn nirgendwo sonst gibt es diese Möglichkeit, dass sich eine Partei in der gleichen Intensität mit einem Bundesland und deren Bevölkerung identifiziert. Diese Bindung und damit Verbindungen wach zu halten, dieser Appell war auch jetzt wieder aus gutem Grund zu hören. .

II.

Und Schlesien? Seit der gewaltsamen Vertreibung aus der Heimat leben die Schlesier getrennt von der Heimat, über das ganze Territorium der Bundesrepublik Deutschland zerstreut. Also diese Gleichsetzung des Landes mit einer politischen Kraft sei nicht möglich. Aber das ist zu kurz gesprungen. Auch Schlesien ist eine Einheit, auch wenn wir Nieder- und Oberschlesien unterscheiden, vergleichbar den Stämmen Bayerns. Und es geht nicht anders als der CSU um die immer wieder zu bezeugende Einheit von Land und Stamm, um die Bindung an das Land und seine Geschichte, um die Vergegenwärtigung ob Bayerns oder Schlesiens.

Um Bayern zu vergegenwärtigen, um Politik für das Land und das Volk zu tun, bedarf es des geradezu täglichen Handelns, bedarf es der Energie und Tatkraft, der Ziele und auch Visionen. Um nicht im Luftleeren operieren zu wollen, sei deutlich gemacht, dass es selbstverständlich leichter ist, Bayern in der Bundesrepublik Deutschland zu vergegenwärtigen als Schlesien, da mit Ausnahme der niederschlesischen Oberlausitz, also des Görlitzer Zipfels ganz Schlesien heute der polnischen Souveränität unterstellt ist. Aber gerade auch für Schlesien gilt das Wort, Bindungen wach zu halten, nicht anders als dies zur Sprache der CSU in Bayern gehört.

III.
In Bayern, das weiß man, gibt es auch noch andere parteipolitische Kräfte, die sich mit der Heimat, wenn auch nicht so erfolgreich und überzeugend, mit Land und Leuten identifizieren. Hier hätten wir Schlesier das Glück, ohne parteiliche Differenzierungen zu handeln, zumindest handeln zu können und auch zu wollen. In Bayern gibt es zwar gelegentlich die Fingerhakelei zwischen den Altbayern (Ober-, Niederbayern, Oberpfälzern) und den Schwaben oder Franken, vergleichbar vielleicht einer Fingerhakelei zwischen Nieder- und Oberschlesiern, aber es gibt keine getrennten bayerischen Landsmannschaften wie es zwei getrennte Landsmannschaften unter den vertriebenen Schlesiern gibt. Wir arbeiten gottlob nicht gegeneinander, wohl aber nebeneinander,
obwohl ein Miteinander geboten wäre.

IV.
Zum Vergegenwärtigen ob Bayerns oder Schlesiens gehört selbstverständlich auch die Geschichte. Es ist davon auszugehen, dass an den Schulen Bayerns und auch an den Universitäten bayerische
Geschichte Lehrstoff und Gegenstand der Wissenschaft ist. Hier ist unser Schlesien schwer im Nachteil. Nicht einmal das letzte grausame Ereignis der Vertreibung der Menschen aus ihrer Heimat ist Thema, aber auch die weiterführende Beschäftigung mit der deutschen Geschichte Schlesiens liegt derartig im Argen, dass wiederholt gesagt werden musste, es beschäftigen sich heute mehr gelehrte Leute in Polen mit Schlesiens Geschichte als die Deutschen selbst.
Auch darin ist Bayern im Vorteil, dass, wenn Bayern aufgerufen wird, Millionen und eine sich mit Bayern identifizierende Partei das Wort erhalten, aber wer Schlesien ruft, kann nur vage hoffen, dass er überhaupt gehört wird. Hier ist die Landsmannschaft gefordert, sich zu Wort zu mel den. Gerade jetzt, da Polen demnächst Mitglied der Europäischen Union wird,eröffnen sich Chancen für das Land, un sere Heimat Schlesien. Gegen das Totschweigen, gegen das Ausgrenzen, das Nicht-mehr-zur-Kenntnis-Nehmen-Wollen haben wir Schlesien, das vergegen wärtigte Schlesien zu setzten. Wir, das sind die vertriebenen Schlesier, das sind die aus schlesischer Wurzel Stammenden, das sind wir Deutsche! Voraussetzung ist allerdings stets, die Bindungen an Schlesien nicht nur nicht aufzugeben, sondern sie im Alltag wachzuhalten und zu behaupten, Das gute Beispiel Bayerns sollte uns Ansporn sein, Schlesien zu vergegenwärtigen. Auch in Bayern ruht man sich auf dem Erbe nicht aus, sondern ruft zur Aktivität auf und denkt und handelt für Bayern. Warum sollten wir uns auf dem Erbe ausruhen und dann den Weg des Nichtstuns einschlagen! Am besten, jeder fra ge sich selbst, wie er Schlesien vergegenwärtigen kann, was für Schlesien zutun ist, wo es zuzugreifen und anzupacken gilt. "Wir packen an" war übrigens das Motto des jüngsten CSU-Parteitages in Nürnberg. Herbert Hupka (SN)

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