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Schlesische Nachrichten 22/2001

Schlesische Notizen

"Nicht einmal moralisch will man uns unterstützen", erklärte der gerade wiedergewählte Sejm-Abgeordnete der Deutschen Minderheit Heinrich Kroll während eines Seminars "Deutschsprachige Seelsorge im Bistum Oppeln" in Groß Stein. Das Thema hieß am 4. Oktober "Nationale Minderheiten in Schlesien früher und heute". Laut Berichterstattung im "Schlesischen Wochenblatt" führte Kroll aus, dass "im Verhältnis der politischen Parteien in Deutschland zu den in Polen lebenden Deutschen die Politik der gegenwärtig regierenden Parteien anders sei als die der Koalition CDU/CSU/FDP bis vor drei Jahren. Ein schlagender Beweis dafür sei die Tatsache, dass die führenden Persönlichkeiten des politischen Lebens in Deutschland sich nicht mehr, wie es früher der Fall gewesen sei, mit Vertretern der deutschen Minderheit treffen wollten. Es heißt zwar, man würde uns immer mehr unterstützen, aber in der Praxis ist diese Unterstützung nicht zu sehen. Nicht einmal moralisch will man uns unterstützen." Zu dieser Aussage erhielt Kroll, wie ausdrücklich angemerkt wird, "Applaus der anwesenden Seminarteilnehmer".


Sich die Trauer um den Verlust der Heimat im Osten nicht verbieten zu lassen, dazu rief Professor Arnulf Baring, Freie Universität Berlin, aus Anlass eines Festaktes zum 25-jährigen Bestehen des Hauses der Heimat in Stuttgart auf. "Wir müssen uns und unseren Nachkommen um der eigenen inneren Balance willen das in ganz Ostmitteleuropa Verlorene bewusst machen, es uns neu vor Augen führen und im Gedächtnis bewahren. Es wirke der Erinnerung an das Vergangene und seiner Aufarbeitung entgegen, wenn die Geschichte von Danzig oder Breslau unerwähnt bliebe."


Tschechische Volkszählung hat die Deutschen im Hultschiner Ländchen nicht richtig erfasst. Waren es noch 1991 für die damalige Tschechoslowakei 48 556 Deutsche, so sind es jetzt nur noch 38 321 gewesen. Allerdings bezeichneten sich 11 244 als Schlesier, um ihre Unterscheidung von den Tschechen mitzuteilen. Die stärkste Gruppe der Deutschen wird für Aussig mit 9 174 angegeben, an dritter Stelle folgen die Deutschen in Mährisch Schlesien, das ist das alte Österreichisch Schlesien unter Einbeziehung der Deutschen im Hultschiner Ländchen. Fest steht jedoch, dass in den Gemeinden des Hultschiner Ländchens mehr Einwohner im Besitz einer deutschen Passes sind als jetzt die Volkszählung die Zahl der Deutschen beziffert.


"Wann wird sich die Kirche zum Selbstbestimmungsrecht ihrer Gläubigen bekennen", fragt in einer Leserzuschrift Herbert Gröger, Buxheim, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und protestiert gegen die Übergabe der Kirchenbücher aus den ostdeutschen Heimatgemeinden an die katholische Kirche in Polen. "Man muss zustimmen, die Bistümer sind geblieben, nur ohne die sie tragende Bevölkerung. Die Kirche hat von ihrem ,Selbstbestimmungsrecht' Gebrauch gemacht. Wie soll eine gute Nachbarschaft zwischen Deutschen und Polen gedeihen, wenn polnischerseits immer wieder dagegen opponiert wird! Wann wird Kardinal Jozef Glemp verlangen, dass die Kirchenglocken, die während des Krieges entfernt wurden und heute oft für die vertriebenen Ostdeutschen läuten, an die Ursprungskirchen zurückzugeben sind?" Als "unverständlich" wird bezeichnet, "das sich die verschiedenen ostdeutschen Visitatoren nicht lautstark protestierend zu Wort gemeldet haben. Durch Roms Anweisung sind die Visitatoren schon zu einfachen Zuhörern in der deutschen Bischofskonferenz erniedrigt worden."


Kleine Firmen-Chronik von Breslau nach München. Die berühmten Pfefferminzkichla der Familie und Firma Micksch haben sogar literarisch in Gerhart Hauptmanns "Schluck und Jau" ihren Niederschlag gefunden. In einem Werbeblatt hat jetzt das Haus Micksch die Geschichte der Familie aufgeblättert. Es begann 1870 durch den damals 24-jährigen Carl Micksch. Für 1945 heißt es: "Zerstörung des Fabrikgebäudes urid aller Ladengeschäfte". 1948 Neubeginn in Niederbayern und Aufnahme des Versandgeschäfts. 1952 lässt man sich in München nieder. In dem Familienbetrieb Micksch folgt 1997 Sohn Andreas mit 31 Jahren als Teilhaber. SN


Polnisches

Auf Jerzy Buzek folgt Leszek Miller, auf den Mann der Gewerkschaft Solidarität und Gegner des Kommunismus ein prominentes Mitglied und aktiver Funktionär der kommunistischen Staatspartei von gestern. Der Wähler hat so entschieden, das heißt gegen die Streiter für die Freiheit und für die Kommunisten von gestern, heute als PostKommunisten eine sozialdemokratische Partei im Selbstverständnis und in der Darstellung. Die angestrebte und auch vielfach vorausgesagte absolute Mehrheit der SLD, der Post-Kommunisten, wurde verfehlt, 15 Sitze mehr hätten zur absoluten Mehrheit gereicht. Darum die Koalition mit der Bauernpartei, mit der man schon zwischen 1993 und 1997 koaliert hatte. Von der Bauernpartei PSL unter dem jetzigen Vizepremier Jaroslaw Kalinowski wird gefordert, dass gegenüber Brüssel "aus einer Position der Stärke heraus" verhandelt werde. Im Koalitionsvertrag hat die Bauernpartei zwei Forderungen durchsetzen können: die Nationalbank soll stärker von der Regierung unter Kontrolle gehalten werden und für Lebensmittel aus den Staaten der Europäischen Union soll eine Importsteuer wirksam werden. Diese Grundsätze sind mit der EU allerdings nicht durchzusetzen, ja geradezu kontraproduktiv angesichts des angestrebten Beitritts zur Europäischen Union. Als Außenminister wird in der neuen Regierung unter Leszek Miller nach Bronislaw Geremek und Wladyslaw Bartoszewski der postkommunistische Ministerpräsident der Jahre 1996/97 Wlodzmierz Cimoszewicz, auch er aus dem kommunistischen Parteiapparat bis 1989 kommend, fungieren.


Prozess gegen Wojciech Jaruzelski hat endlich begonnen. Neunmal war ein Prozess gegen den seinerzeitigen Verteidigungsminister und späteren Parteichef und Staatspräsidenten schon vor Beginn gescheitert, bis er endlich am 16. Oktober vor dem Warschauer Bezirksgericht eröffnet werden konnte. "Bis zu einem Urteil", so meldete dpa aus Warschau, "könnten noch Jahre vergehen; geplant sind mehr als 1000 Zeugenaussagen." Jaruzelski ist mit sechs weiteren für schuldig Erklärten verantwortlich für die Erschießung von 44 Personen im Dezember 1970 in den Ostseehäfen Danzig und Stettin. Die Miliz hatte in den Dezembertagen, kurz nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages durch Willy Brandt, den damaligen Bundeskanzler, auf Arbeiter die Todesschüsse abgegeben und außerdem mehr als 1000 Personen verletzt. Jaruzelski hat stets zu seiner Verteidigung behauptet, dass er am Tod der 44 Arbeiter nicht schuldig sei. Der Staatsanwalt betonte jedoch in seiner Anklageschrift, dass ausschließlich die Regierung den Schießbefehl habe geben können, "keines der damaligen PolitbüroMitglieder, unter ihnen auch Jaruzelski, habe sich gegen den bewaffneten Einsatz ausgesprochen."

Freiheitsunion nicht mehr im Parlament vertreten, aber mit neuer Führung. Der Auszug aus der Koalition mit der stärksten Regierungspartei AWSvor einem Jahr hatte der Freiheitsunion, die die Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki und Hanna Suchocka gestellt hatte, bei den Wahlen zum Sejm nicht geholfen. Mit 3,3 Prozent blieb sie unter der Fünf-ProzentMarke und ist genau so wie auch die AWS nicht mehr im Parlament vertreten. Jetzt gab sie sich eine neue Führungsspitze, da Bronislaw Geremek nach der Niederlage seiner Partei, die zum Teil durch seinen linkslastigen Kurs mitverschuldet wurde, zurückgetreten war. Der neue Vorsitzende heißt Wladyslaw Frasyniuk und hat als Gegner des Kommunismus in den achtziger Jahren in Breslau für die Gewerkschaft Solidarität gearbeitet. Seit der Wende war er Mitglied des Sejm. Seine Eigenart unterstrich er mit dem Hinweis, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern, darunter auch Lezek Balcerowisz, der jetzige Präsident der Nationalbank, weder studiert noch ein Auslandsstipendium erhalten habe. Es wird bestimmt schwer werden, die Freiheitsunion, auch angesichts der Konkurrenz durch das Bürgerplattforum, wieder über die Fünf Prozent-Hürde zu bringen.


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