Verständigung richtig
verstehen
- Wo bleiben die Anliegen der Vertriebenen?
-
Rudi Pawelka - Bundesvorsitzender der Landsmannschaft
Schlesien e.V.
Anerkennende Worte für die Verständigungsarbeit
der Vertriebenen durch Politiker gehören im letzten Jahrzehnt
schon fast zu den Selbstverständlichkeiten. Wir registrieren
dies mit Interesse und Zufriedenheit.
Das lobende Wort "Brückenbauer" drückt wohl
am besten aus, was Schlesier, Pommern, Ostpreußen und
Sudetendeutsche, aber auch andere Landsmannschaften in langen
Jahren bei ihren Reisen in die Heimat geleistet haben.
"Dank und Anerkennung in diesem Sinne verdient auch die
Landsmannschaft Schlesien vor allem dafür, dass sie sich
entschieden für den Geist der Verständigung, für
das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen einsetzt.
Dank an die, die das Gespräch suchen, dieVorurteile geduldig
ausräumen", so Bundesinnenminister Otto Schily auf dem
Deutschlandtreffen der Schlesier in Nürnberg am 15. 7.
2001. Sehr wohltuende Worte, die ihre Berechtigung haben und
auch ungeteilten Beifall fanden.
Die Frage ist allerdings, ob die den Vertriebenen vorenthalte
nen Menschenrechte dabei außen vor bleiben sollen. Dazu
Schily in Nürnberg: "Offene Fragen lassen sich aber
besser in einem vereinten als in einem getrennten Europa lösen."
Hieraus ließe sich durchaus erkennen, dass die Meinung
vertreten wird, es sei noch einiges zu regeln. Allerdings
wiederholte er auch den regierungsamtlichen Standardsatz:
"Wir wollen und dürfen den Beitritt Polens und anderer
Länder zur Europäischen Union nicht mit politischen
oder rechtlichen Fragen aus der Vergangenheit belasten". Also
wird doch keine Lösung offener Fragen mehr angestrebt?
Eine besonders drastisch formulierte Ablehnung der
Rechte von Vertriebenen kam von Günter Verheugen, dem
für die EUOsterweiterung zuständigen Kommissar,
in seiner Rede am 3. 6.2001 beim Treffen der Siebenbürger
Sachsen in Dinkelsbühl. Er müsse jedem eine Enttäuschung
bereiten, der glauben sollte, im Zuge der Osterweiterung der
EU könnten alte Rechnungen beglichen werden. Mit der
Erweiterung leben keine Besitzansprüche oder Rechte aus
der Zeit vor derVertreibung wieder auf. Er warne vor der Hoffnung,
das Rad der Geschichte könnte noch einmal zurückgedreht
werden -so Verheugens Kernaussagen zu den vorenthaltenen Menschenrechten
der Vertriebenen. DieAbsurditätdieserAussagen liegt auf
der Hand und bedarf keiner Erläuterung. HerrVerheugen
sollte sich selbst fragen, ob er seine Feststellungen auch
vor Opfern des NS-Staates machen würde. Oder teilt er
gar Opfer in verschiedene Kategorien ein?
Er habe die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen,
die ihre Heimat verloren und unter bedrückenden Umständen
wieder gesehen haben, schon damit sehr geholfen ist, dass
sie sich für ihre alte Heimat engagieren können,
dass sie helfen können", so Verheugen weiter. Den Vertriebenenverbänden
wies er auch eine wichtige Funktion zu, nämlich einzutreten
für Solidarität zwischen den Völkern Europas
und mit dafür zu sorgen, dass der Platz, den ihre frühere
Heimat in Europa einnehmen wird, ein würdiger Platz sein
wird.
Man kann zusammenfassen: Vertriebene sollen helfen,
ihre alte Heimat aufzubauen, sie sollen Brückenbauer
sein, allerdings ohne Rechte bleiben. Die Freude an der Pflege
des kulturellen Erbes, das Engagement in der Heimat beim Aufbau
des Landes und dieVerständigungsarbeit allein sollen
die Heilung verletzter Menschenrechte und missachteter Menschenwürde
bewirken. Wo wird auf der Welt Opfern eines Verbrechens gegen
die Menschlichkeit ähnliches zugemutet? Wie soll hieraus
für dieZukunft etwas Gutes entstehen? Nicht das Zukleistern
und Verdrängen der gerechten Anliegen von Menschen muss
das Ziel sein, sondern die Lösung bestehender aktueller
Probleme, damit diese einer friedlichen Zukunft nicht mehr
im Wege stehen. DieVertriebenen müssen wenigstens das
Gefühl haben, dass Lösungen gefunden werden, die
missachtetes Recht heilen. Eine Verständigung oder, wie
von vielengern gesagt, eine Versöhnung ohne dieVertriebenen
als Betroffene, wird sich in der Zukunft als nicht tragfähig
erweisen.
Wir nehmen die Anerkennung unserer Verständigungsarbeit
dennoch als wohltuend und auch gern zur Kenntnis. Allerdings
sollte die Bundesregierung mit einer Zunge sprechen, denn
von Kulturstaatsminister NidaRümelin sind noch andere
Töne zu hören. Hier wird den Landsmannschaften in
einem Schreiben vom 31.5.2001 unterstellt, sie würden
_durch vertriebenenpolitische Forderungen den verständnisvollen
Dialog mit unseren östlichen Nachbarn behindern." Offenbar
ist hier eine Entwicklung über den Staatsminister hinweggegangen
und er nicht auf der Höhe der Zeit. Die Berücksichtigung
unserer Anliegen, die die aktuelle Situation der Menschen
fundamental betreffen, sehen wir nicht als störend. Auch
in Polen halten viele Gesprächspartner die Vertretung
eigener Positionen für normal.
Die Vertriebenen fühlen sich verantwortlich für
ihre Heimat, weil Ihnen nicht gleichgültig sein kann,
was aus ihren seit Jahrhunderten angestammten Wohnsitzen wird.
Dieses Gefühl darf aber nicht missbraucht werden. Engagement
und Hilfe bei dem Aufbau des Landes könnten zum Wohle
aller eine ernorme Stärkung erfahren, wenn die Zusammenarbeit
endlich auf eine andere rechtliche Basis gestellt würde.
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