Schlesische Nachrichten
Zeitung für Schlesien

Herausgeber: Landsmannschaft Schlesien ‑ Nieder‑ und Oberschlesien

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Nummer 22/2001                                               Einzelpreis 3,50 DM                                                  15.November 2001

Verständigung richtig verstehen
- Wo bleiben die Anliegen der Vertriebenen? -
Rudi Pawelka - Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien e.V.

Anerkennende Worte für die Verständigungsarbeit der Vertriebenen durch Politiker gehören im letzten Jahrzehnt schon fast zu den Selbstverständlichkeiten. Wir registrieren dies mit Interesse und Zufriedenheit.
Das lobende Wort "Brückenbauer" drückt wohl am besten aus, was Schlesier, Pommern, Ostpreußen und Sudetendeutsche, aber auch andere Landsmannschaften in langen Jahren bei ihren Reisen in die Heimat geleistet haben.
"Dank und Anerkennung in diesem Sinne verdient auch die Landsmannschaft Schlesien vor allem dafür, dass sie sich entschieden für den Geist der Verständigung, für das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen einsetzt. Dank an die, die das Gespräch suchen, dieVorurteile geduldig ausräumen", so Bundesinnenminister Otto Schily auf dem Deutschlandtreffen der Schlesier in Nürnberg am 15. 7. 2001. Sehr wohltuende Worte, die ihre Berechtigung haben und auch ungeteilten Beifall fanden.

Die Frage ist allerdings, ob die den Vertriebenen vorenthalte nen Menschenrechte dabei außen vor bleiben sollen. Dazu Schily in Nürnberg: "Offene Fragen lassen sich aber besser in einem vereinten als in einem getrennten Europa lösen." Hieraus ließe sich durchaus erkennen, dass die Meinung vertreten wird, es sei noch einiges zu regeln. Allerdings wiederholte er auch den regierungsamtlichen Standardsatz: "Wir wollen und dürfen den Beitritt Polens und anderer Länder zur Europäischen Union nicht mit politischen oder rechtlichen Fragen aus der Vergangenheit belasten". Also wird doch keine Lösung offener Fragen mehr angestrebt?

Eine besonders drastisch formulierte Ablehnung der Rechte von Vertriebenen kam von Günter Verheugen, dem für die EUOsterweiterung zuständigen Kommissar, in seiner Rede am 3. 6.2001 beim Treffen der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Er müsse jedem eine Enttäuschung bereiten, der glauben sollte, im Zuge der Osterweiterung der EU könnten alte Rechnungen beglichen werden. Mit der Erweiterung leben keine Besitzansprüche oder Rechte aus der Zeit vor derVertreibung wieder auf. Er warne vor der Hoffnung, das Rad der Geschichte könnte noch einmal zurückgedreht werden -so Verheugens Kernaussagen zu den vorenthaltenen Menschenrechten der Vertriebenen. DieAbsurditätdieserAussagen liegt auf der Hand und bedarf keiner Erläuterung. HerrVerheugen sollte sich selbst fragen, ob er seine Feststellungen auch vor Opfern des NS-Staates machen würde. Oder teilt er gar Opfer in verschiedene Kategorien ein?

Er habe die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen, die ihre Heimat verloren und unter bedrückenden Umständen wieder gesehen haben, schon damit sehr geholfen ist, dass sie sich für ihre alte Heimat engagieren können, dass sie helfen können", so Verheugen weiter. Den Vertriebenenverbänden wies er auch eine wichtige Funktion zu, nämlich einzutreten für Solidarität zwischen den Völkern Europas und mit dafür zu sorgen, dass der Platz, den ihre frühere Heimat in Europa einnehmen wird, ein würdiger Platz sein wird.

Man kann zusammenfassen: Vertriebene sollen helfen, ihre alte Heimat aufzubauen, sie sollen Brückenbauer sein, allerdings ohne Rechte bleiben. Die Freude an der Pflege des kulturellen Erbes, das Engagement in der Heimat beim Aufbau des Landes und dieVerständigungsarbeit allein sollen die Heilung verletzter Menschenrechte und missachteter Menschenwürde bewirken. Wo wird auf der Welt Opfern eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit ähnliches zugemutet? Wie soll hieraus für dieZukunft etwas Gutes entstehen? Nicht das Zukleistern und Verdrängen der gerechten Anliegen von Menschen muss das Ziel sein, sondern die Lösung bestehender aktueller Probleme, damit diese einer friedlichen Zukunft nicht mehr im Wege stehen. DieVertriebenen müssen wenigstens das Gefühl haben, dass Lösungen gefunden werden, die missachtetes Recht heilen. Eine Verständigung oder, wie von vielengern gesagt, eine Versöhnung ohne dieVertriebenen als Betroffene, wird sich in der Zukunft als nicht tragfähig erweisen.

Wir nehmen die Anerkennung unserer Verständigungsarbeit dennoch als wohltuend und auch gern zur Kenntnis. Allerdings sollte die Bundesregierung mit einer Zunge sprechen, denn von Kulturstaatsminister NidaRümelin sind noch andere Töne zu hören. Hier wird den Landsmannschaften in einem Schreiben vom 31.5.2001 unterstellt, sie würden _durch vertriebenenpolitische Forderungen den verständnisvollen Dialog mit unseren östlichen Nachbarn behindern." Offenbar ist hier eine Entwicklung über den Staatsminister hinweggegangen und er nicht auf der Höhe der Zeit. Die Berücksichtigung unserer Anliegen, die die aktuelle Situation der Menschen fundamental betreffen, sehen wir nicht als störend. Auch in Polen halten viele Gesprächspartner die Vertretung eigener Positionen für normal.
Die Vertriebenen fühlen sich verantwortlich für ihre Heimat, weil Ihnen nicht gleichgültig sein kann, was aus ihren seit Jahrhunderten angestammten Wohnsitzen wird. Dieses Gefühl darf aber nicht missbraucht werden. Engagement und Hilfe bei dem Aufbau des Landes könnten zum Wohle aller eine ernorme Stärkung erfahren, wenn die Zusammenarbeit endlich auf eine andere rechtliche Basis gestellt würde.
BILD AUS DER HEIMAT
Fernsicht nach Wartha
Archiv SN
 


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