Wo blieb"Hanneles Himmelfahrt"? Unser langjähriger Leser Johannes Leuchfenbergerließ uns diesen Bericht über die Suche nach einem verschollenen Kunstwerk zukommen. In der Frühzeit des Schaffens von Gerhart Hauptmann enstand 1893 das Drama "Hanneles Himmelfahrt". Leider heut selten gespielt, ist es doch eine richtige schlesische Geschichte, die in Schlesien spielt. Das Vorbild für die "Hannele" soll ein blutjunges Mädchen aus Reichenbach Eule gewesen sein. Vielleicht würde dieses ergreifende Drama bei der Fülle Hauptmanns Schaffens, irgend wann einmal in Vergessenheit geraten, hätte nicht ein grosser Bildhauer wie Josef Thorak dieses junge Mädchen in blütenweissen Marmor zum "Leben" erweckt. Manche mögen lachen, wie paßt Stein und Leben zusammen? Ich hatte das Glück, dieses Meisterwerk des überragenden Künstlers Thorak, im "Haus der Deutschen Kunst" im Herbst 1943 in München in Natur zu sehen. Nach einer Ver wundung in Sizilien (bei der Landung der Alliierten) und der Ausheilung in Neu Ötting, bekam ich ein paar Tage Genesungsurlaub und nutzte diese Gelegenheit, zusammen mit einem Kameraden, vor der Heimreise erst noch einen Besuch in München zu machen, auch wenn das nicht ganz legal war. Manches dieser dort ausgestellten wirklichen Kunst, ob Gemälde oder Skulpturen, ist mir heut noch in Erinnerung, doch ganz besonders diese lebensgrosse Lichtgestalt der "Hannele" in makellosen Marmor, die auf einer Wolke knieend zu schweben schien. Sicher war sie tonnenschwer, doch ich hatte den Eindruck, man könnte sie auf einer Hand wegtragen. Ich bin mehrere Male zu "ihr" gegangen und habe danach nie etwas Schöneres gesehen. Seitdem bin ich auf der Suche nach ihr, doch bis zur vorigen Woche ohne Erfolg und ich habe mehrere Spuren verfolgt. Es war wohl auf dem Breslauer Flohmarkt, wo ich vor Jahren die KunstPostkarte von der "Hannele" auftrieb. Danach erstand ich das Büchlein über Gerhart Hauptmann: Sein Leben in Bildern, von Rolf Rohmer. Darin ist unter Nr. 93 ein Bild der "Hannele" in Gerhart Hauptmanns Garten am Haus Wiesenstein. In keinem Bericht vor seinem Tode und dem sieben Wochen langen boshaften Gerangel mit den Polen um seine Beerdigung, ist der Verbleib dieser wunderschönen Statue erwähnt. Sie stand aber als Leihgabe von Josef Thorak zuletzt im Garten Hauptmann am Haus Wiesenstein, wahrscheinlich bis zum Tode Hauptmanns am 6. Juni 1946 in Agnetendorf, der erst sieben Wochen später im Dorf Kloster auf Hiddensee beerdigt wurde. Immer wieder mußte ich an die einzigartige Skulptur der "Hannele" denken und daran, wo sie wohl geblieben sein mochte. Stets befürchtete ich, daß sie von Unmenschen zerstört worden ist, wie so viele andere Kunstwerke in dieser unseligen Zeit nach Kriegsende. Es ist schon unverständlich einen Künstler von gegenständlicher Kunst auf Lebzeiten und darüber hinaus zu verurteilen, weil er gerade zur Zeit eines Diktators lebte und eben von ihm auch Aufträge erhielt. Noch unverständlicher ist es, die geschaffene Kunst gleich mitzuverurteilen, die doch nichts für ihren Schöpfer kann? Oder steckt einfach der Neid anderer dahinter, die heut kaum fähig sind solche Meisterwerke zu schaffen? Da kann man nur die Italiener loben, denen solch primitives Denken und Handeln weitgehend fremd ist. Vor meiner erneuten Heimatreise am 9.9.2001 bekam ich von Klaus Prassler einen Hinweiß, der die "Hannele" in Hirschhers gesehen haben will. Ich war gespannt und da ich in Hirschberg fast immer eine Pause einlege, ging ich mit meinem mitreisenden Nachbarn gleich auf die Suche. Das Freibad direkt neben dem Hotel "Jelina Gora" umkreisten wir mehrmals, bis wir hinter einem dichten Bretterzaun versteckt Kopf und Hals dieses Meisterwerkes entdeckten. Ich erkannte sie sofort, trotz ihres jämmerlichen Zustandes. Da das Schwimmbad schon geschlossen war, mußten wir über einen Zaun klettern. Die Statue war von einem dichten Bretterzaun umschlossen. Das feine Gesicht lädiert, die Arme mitsamt den feinen Händen abgeschlagen, bot sie ein Bild des Jammers, was ich immer befürchtete. Erst machte ich ein Bild des sichtbaren Oberteils, doch das genügte nicht. Junge Polen halfen uns schließlich, einige Bretter Ios zu reissen, (die wir anschliessend wieder annagelten) und auch dann gelang nur ein unvollständiges Bild. Ich konnte aber mit Sicherheit feststellen, daß es die "Hannele" war, die in Hauptmanns Garten bis zu seinem Tod gestanden hat. Genau konnte ich sie trotzdem nicht untersuchen und in diesem verwitterten Zustand kamen mir nun Zweifel. War es überhaupt das Original aus blütenweissem Marmor, das ich sehr genau 1943 in München gesehen hatte oder war es etwa eine Kopie (Nachguß) die Hauptmann im Garten stehen hatte? Wo war aber das Original geblieben, von dem in den fast 60 Jahren nie etwas berichtet wurde? Daß es ein überaus wertvolles Kunstwerk ist, konnte jeder Laie erkennen. Unerkannt in einem Hinterhof blieb sie sicher nicht Wurde sie ein Opfer der Beutekunst und nach dem Krieg verschleppt? Wurde sie gar ein Opfer der Bilderstürmer, die sich damals als Nazigegner aufspielten? Wo sind die anderen Kunstwerke geblieben, die Josef Thorak, Arno Broker u.a. im Auftrag der damaligen Machthaber schufen? Ebenfalls von Thorak geschaffen steht in diesem Schwimmbad noch eine Frauengruppe in Zinkguß. Sie ist innen hohl und an vielen Stellen kaputt, aber an dem "Th." am Sockel erkennt man, dass sie sicher von Josef Thorak geschaffen wurde. Die Büste Gerhard Hauptmanns steht Gottlob vor den, "Haus Schlesien" und stammt von Arno Broker. Ein kleines Geheimnis konnte ich lüften, aber es bleiben viele offen. Ich hoffe, dass sich durch diesen Bericht manches aufklärt, auch was noch andere verschollene Kunstschätze angeht. Unser Volk hat wahrlich genug Kunstschätze verloren, leider! J. L. (S N) Wo blieb "Hanneles Himmelfahrt"?
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