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Seite 8 LANDSLEUTE / HEIMAT SCHLESIEN
Schlesische Nachrichten 21/2001

Georg Heym - dem frühvollendeten Dichter aus Hirschberg/Rsgb.
Zum Gedenken an seinen Todestag am 16. Januar 2002

Diesen unruhigen Georg Heym müssen Ahnungen von einem frühen Tod heimgesucht haben, wenn er bereits am 26.August 1906 in Neuruppin in sein Tagebuch einträgt:"...Fast ist es so, als sollte ich noch verschenken, was ich irgend besitze, damit mein Tod mich nicht unvorbereitet trifft. Ich glaube, ich sterbe bald."

Georg Heym wurde am 30.Oktober 1887 in Hirschberg im Riesengebirge geboren, wo er auch seine Kindheit verlebte. Sein Vater stand im preußischen Justizdienst und wurde im Jahre 1900 Staatsanwalt in Berlin, So kam es zur Übersiedlung der Familie nach dort, wo Heym das Joachimsthalsche Gymnasium besuchte. Dem Heranwachsenden brachte vor allem der Vater wenig Verständnis für seine Neigungen entgegen und sah für ihn nach Ende des Schulbesuches das Jurastudium vor. Das führte schon beizeiten zu ständigen Auseinandersetzungen. Wie äußerte er sich später in eine Tagebuch aufzeichnung v. 3.November 1911: ".Nur eines: Ich wäre einer der größten Dichter geworden, wenn ich nicht so einen schweinernen Vater gehabt hatte. In eher Zeit, wo mir verständige Pflege nötig war, maßte ich alle Kraft aufwenden, um diesen Schuft von mir fern zuhalten. Wenn man mir nicht glaubt, so frage man meine Mutter nach meiner Jugend." Aber auch die Mutter, eine damals schon kränkelnde und sehr sentimentale Frau, fand nicht die rechte Einstellung und äußerte sich zu dem was er schrieb, sie könne so was nicht lesen". Daher mag er der Erwachsenenwelt gegenüber eine feindlich gesinnte Einstellung angenommen haben und er ließ es an abfälligen Äußerungen nicht fehlen.

Der Vater schickte den "schwierigen Jungen" auf ein Internat nach Neuruppin, wo er mit seinen ersten Tagebuchaufzeichnungen begann und zum "Schreibenden" wurde. 1907 trug sich Heym in die juristische Fakultät der Universität in Würzburg ein, wo er auch Corpsstudent war, aber,dieses Leben in der Verbindung als "furchtbar, geisttötend, stumpfsinnig und lächerlich empfand". Es folgten Semester in Berlin und Jena. Im Februar 1911 wurde Heym nach dem juristischen Staatsexamen Referendar am Landgericht ll in Berlin und Ende desselben Jahres promovierte er in Rostock zum Doktor der Rechte.

Im "Neuen Club", wo Hitler, van Hoddis, Ernst Blaß anzutreffen sind, und auch Karl Kraus ihn hört, liest Heym zum erstenmal öffentlich Gedichte, die er mitunter stammelnd vortrug, aber vom Text her aufhorchen ließen. Wie er sich verstanden wissen will, geht aus Aufzeichnungen vom 20.Juli 1909 hervor: "Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner, ich liebe Rimbaud und Marlowe. Ich liebe alle, die nicht von der großen Menge angebetet werden. Ich liebe alle, die oft an sich verzweifeln, wie ich fast täglich an mir verzweifle."

Ernst Rowohlt hatte, wie manchen anderen, auch Georg Heym entdeckt und übernimmt 1911 die Herausgabe seines ersten Gedichtbandes unter dem Titel "DER EWIGE TAG", welcher das einzige zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Werk ist. Nachdem erschienen auch dort die nachgelassenen Gedichte im Band "UMBRA VITAE" im Jahre 1912. Seine Novellen "DER DIEB" u.a. kamen 1913 und die Sonette "MARATHON" 1914 heraus. Im Jahre 1922 wurden seine gesammelten Gedichte und seine Prosa unter "DICHTUNGEN" in München veröffentlicht. Eine vierbändige Gesamtausgabe ist im Verlag Heinrich Eitermann 1960 herausgegeben worden.

Am 16.Januar 1912 war Georg Heym mit seinem Freund Ernst Balcke zum Schlittschuhlaufen auf die Havel gegangen und als dieser plötzlich in einer nicht vermuteten Fahrrinne versinkt, will er ihm zu Hilfe kommen und ertrinkt dabei schließlich selber. Anderthalb Jahre zuvor hatte Heym einen Traum aufgeschrieben, der dieses Schicksal bereits anzukündigen schien: _Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eine Art gefrorenen Wassers zu sein. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke, ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges schlingpflanzenreiches Wasser. Doch ich gab mich nicht verloren, ich begann zu schwimmen. Wie durch ein Wunder rückte das ferne Land mir näher und näher. Mit wenigen Stößen landete ich in einer sandigen sonnigen Bucht."

Dieser von Ahnungen und Gesichten bedrängte Georg Heym, der, kaum 25jährig, im Alter Büchners sterben mußte, hinterließ uns eine Dichtung, die über Jahrzehnte hinweg kaum etwas von ihrer Faszination einbüßte. So werden wir in Anthologien immer wieder auch einige seiner Gedichte vorfinden, wie u.a. _DER GOTT DER STADT" oder _DER KRIEG". Sein Gedicht _LETZTE WACHE" zählt Gottfried Benn zu den drei überhaupt schönsten Liebesgedichten.

Wie äußerte sich Kurt Pinthus über ihn: _Nachdem ich Heyms ungeheuren Nachlaß durchgesehen habe: Tagebücher, Dramatisches, Prosa, Grotesken und Gedichte, Gedichte, Gedichte auf unzählige Blätter, Fetzen, in viele Hefte fast unleserlich hingehauen und dennoch immer wieder durchgearbeitet und umgeformt, scheue ich mich nicht zu sagen, daß dieser Heym seit Georg Büchner die stärkste dichterische und eruptive Begabung der Deutschen war, und daß er unter den Dichtern seiner Generation an visionärer Seherkraft und sicher packendem Griff, an Fülle der heranströmenden Bilder und Weite des düsterfeurigen Umblicks nicht seinesgleichen hatte."
Konrad Werner (SN)

Der aale Trach'n
De Hielschern - Boas possiert nie uft-
ahaaln an Brief ganz unvahufft.
Dar Pauer reeßt'n ich hostig uff,
dann spricht ar: "Weib, Du kamst nie druff,
satz Dich ock hier, sust heut's dich nieder!
Aus Lomperschdurf die Tante Frieda,
dar aale ticksche, gift'ge Trach'n
will ins partout - was wulln merr mach'n-?
am Sunntignoachmittig besuch'n.
Ei Gottes Noam'n, back haal an Kuch'n
und loss is bluß an nischt nie fahln,
Boas Oas konn duck sei Maul nie haaln,
do weeß am Montig lang und breet
duch glei ganz Lomperschdurf Bescheed.
Dar Sunntig kummt, de Tante oo,
Ihr erschter Weg fiehrt se uffs Klo.
Dach hot ihr Schoarfblick nischt genutzt:
Doas "Häusel" woaar blitz-blank geputzt.
Wie se nu kummt vom "stilln Urt",
stieht schunt dar kleene Kurtet Bart,
dan Hielschern ihr gewitzter Spund,
ihr Jingster haal, ihr kennt'n schunt.
Dar lässt vaschmitzt de Gucket wandern
und tritt vu eem Fuß uff a andern,
weil ihn de Neugier goar su ploagt.
Dann fosst ar sich a Herz und froagt
-ar tutt sich Bobei an se schmieg'n -:
"Du, Tante Frieda, konnste flieg'n?"
De Tante kuckt'n roatlus oan
und weeß nie recht, wos se satt soan.
"Wie, Kurtet, kummst'n do druff bluß?"
Dar schaut se oan a wing konfus
uns soat mit hoffnungsvullm Lach'n:
"Nu, weil dar Voater mennt, du bist'n aaler Trachn."
Hans Werner Jänsch (heute in München)

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