Seite vor Seite zurück
Seite 5 HISTORISCHES
Schlesische Nachrichten 21/2001


Erich Schellhaus und Dr. Konrad Adenauer beim Deutschlandtreffen 1965
Minister und Sprecher der Vertriebenen
Zum 100. Geburtstag von Erich Schellhaus am 4. November 2001

Zu Recht wird immer wieder die Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 05.August 1950 zitiert und gerühmt, aber kaum wird nach denen gefragt und werden auch die gerühmt, die Text und Inhalt dieser Charta mit Leben erfüllt, das heißt in politisches Handeln umgesetzt haben. Darauf aber, dass aus dem Buchstaben politische Realität geworden ist, haben sowohl die Organisationen der aus der Heimat Vertriebenen als auch deren Sprecher einen gar nicht deutlich genug auszusprechenden Anspruch und in gleicher Weise deren verantwortungsvoll handelnde Sprecher. Zwei unter ihnen übten gleichzeitig auch ein Ministeramt aus, und das waren der Bundesverkehrsminister HansChristoph Seebohm als Sprecher der Sudetendeutschen und Erich Schellhaus als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien und Minister der Vertriebenen in den Regierungen des Landes Niedersachsens.

1950 war bundesweit der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) gegründet worden. 1951 gelang dem BHE der Einzug ins niedersächsische Parlament mit 21 Mandaten, und in die vom Sozialdemokraten Hinrich Wilhelm Kopf gebildete Regierung wurde Erich Schellhaus, Mitbegründer des BHE, als Minister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegssachgeschädigte aufgenommen. Von 1951 bis 1957 und von 1959 bis 1963 hat er dieses Amt innegehabt. Dank seiner großen Verdienste wurde er mit der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband geehrt. Anfang der 60er Jahre verließ Erich Schellhaus den BHE, seit 1952 unter dem Namen Gesamtdeutscher Block/ Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten, und wurde 1964 Mitglied der CDU.

Bereits 1955 hatten ihn die Schlesier zum Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) gewählt, ein Ehrenamt, das er 13 Jahre innehatte und 1968 aus eigenem Entschluß aufgab. Die Landsmannschaft Schlesien dankte ihm mit der höchsten Auszeichnung, dem Schlesierschild.

Es ist geboten, sich in die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückzuversetzen, um das Wirken und das Werk eines Erich Schellhaus auf die rechte Weise zu würdigen. Sozialpolitisch betrachtet war es das Ringen um die Eingliederung der Vertriebenen als gleichberechtigte Bürger im Arbeitsprozess. Der Kampf entbrannte um den Lastenausgleich, dem nach seiner gesetzmäßigen Fixierung viele Novellierungen folgten. An der Spitze der zuständigen Landesminister stand in deren Arbeitsgemeinschaft der niedersächsische Staatsminister. Die nur zu berechtigten Forderungen der Vertriebenen mussten auf ihre finanzielle Machbarkeit geprüft und schließlich umgesetzt werden. Minister Erich Schellhaus war in einer Person sowohl Repräsentant des Staates als auch Anwalt der Vertriebenen, denn er hatte den ihm von der Landsmannschaft erteilten Auftrag der Fürsorge für die ihm anvertrauten Menschen auszuführen.

In der Polititk gab es die heftigsten Auseinandersetzungen, zwei Höhepunkte seien herausgegriffen: Erklärung von Charles de Gaulle 1959 in der oberschlesischen Stadt Hindenburg zur französischen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Grenze und 1965 die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland mit einer Vorwegnahme eines Friedensvertrages gleichfalls mit der endgültigen Anerkennung der Oder-NeißeLinie als Grenze. Als "Begleitmusik" dazu viel beachtete Fernsehsendungen, die gegen jeden Rechtsanspruch der Heimatvertriebenen und des deutschen Volkes gerichtet waren.

Auf den Deutschlandtreffen der Schlesier in München, Köln und Hannover sprach Erich Schellhaus in deutlicher und überzeugender Sprache den Rechtsanspruch aus und lud die Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ludwig Erhard und den Vizekanzler Erich Mende, den damaligen Kanzlerkandidaten Willy Brandt und Politiker wie Franz Josef Strauß und Herbert Weher esn. In der deutsches Medien gehörte er zu den immer wieder auf das heftigste Angegriffenen. Selbstverständlich drückten ihm die kommunistischen Regierungen und deren Propagandisten das Etikett des "Revanchisten" auf, obwohl er nie ein Wort des Hasses oder nationalistischer Überheblichkeit gesprochen hatte.

Erich Schellhaus war ein Mann der Besonnenheit und eines friedlichen Ausgleichs, aber gleichzeitig rechtsbewusst und standpunktfest handelnd. Gern zitierte er den berühmten Juristen Rudolf von Ihering mit dem Satz: "Das Ziel des Rechtes ist der Friede. Das Mittel dazu ist der Kampf. Alles Recht in der Welt - sowohl das Recht des Volkes, wie auch eines Einzelnen - setzt die stete Bereitschaft zu seiner Behauptung voraus." Und auch im verbandlichen Geschehen setzt er auf den Ausgleich von Gegensätzen und gehörte zu den stark engagierten Befürwörtern eines Zusammenschlusses der beiden Organisationen Bund der vertriebenen Deutschen in Norddeutschland ( BvD) und Verband der Landsmannschaften im Süden Deutschlands (VdL) zum BdV, Bund der Vertriebenen 1958, und er wurde dessen Vizepräsident.

Es spricht sich leicht und dann immer anerkennend aus, dass die Vertriebenen kein Revolutionsherd in der gerade sich konstituierenden Bundesrepublik geworden sind und dies weder innen- noch außenpolitisch, aber vergessen wird, die Namen derer gleichfalls anerkennend zu nennen, die an vorderster Stelle vorbildlich gehandelt haben. Es waren überzeugte und tapfere Patrioten, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Zu diesen Männern der ersten Stunde gehört der Schlesier Erich Schellhaus, am 04. November 1901 in Bösdorf im oberschlesischen Kreis Neiße geboren, am 19. Februar 1983 in Hannover gestorben. Zu beklagen ist, dass wir zu schnell vergessen, anstatt uns immer wieder der Vergangenheit, des Lebensweges und der Verdienste bedeutender Persönlichkeiten zu vergewissern.
Herbert Hupka (SN)


Beilage
In einem Teil dieser Ausgabe finden Sie einen Überweisungsträger zur "Treuespende-Schlesien".
Wir bitten um freundliche Beachtung
Die Redaktion

Seite vor Seite zurück
Seite 5 HISTORISCHES
Schlesische Nachrichten 21/2001