Schlesische Nachrichten
Zeitung für Schlesien

Herausgeber: Landsmannschaft Schlesien ‑ Nieder‑ und Oberschlesien

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Nummer 20/2001                                               Einzelpreis 3,50 DM                                                  15. Oktober 2001

Das Versailler Diktat
und seine Folgen
Peter Großpietsch - Stellv. Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Wir kommen aus dem Elsaß", sagte die Leiterin einer Besuchergruppe, die wie ich vor vierzehn Tagen das Reichstagsgebäude in Berlin mit der gelungenen gläsernen Kuppel besuchen wollte.
Elsaß, das ist Straßburg, das ist Frankreich - so ging es mir durch den Kopf! Da sagt also jemand wie selbstverständlich "Elsaß" und nicht Frankreich.
Zur Erinnerung: Im deutsch-französischen Friedensvertrag von 1871 verzichtete Frankreich für immer auf Elsaß-Lothringen, das ja bis zum Ende des 30-jährigen Krieges ohnehin zu Deutschland gehörte.
Nach diesem Friedensvertrag setzte eine außergewöhnlich scharfe Revisionspolitik in Frankreich ein. Dabei musste 1871 Frankreich nur 1/30 seines Gebietes an Deutschland abtreten, während Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu ein Drittel seines durch Versailles schon sehr dezimierten Gebietes "freiwillig" abtreten musste.

Das Stichwort "Versailles" ist für mich Anlass, einmal 80 Jahre zurückzublicken: Den Vorsitz bei den "Friedensverhandlungen" führteder französische Ministerpräsident Georges Clemenceau. Deutschland und Österreich waren von den Verhandlungen ausgeschlossen. Sie waren Beutegut, von dem sich alle ein großes Stück erhofften.
Am 28. April 1919 fuhr die deutsche Delegation unter Leitung Reichsaußenministers, Graf Brockdorff-Rantzau, nach Versailles. Noch setzten die Deutschen auf den amerikanischen Präsidenten Wilson und seine vierzehn Punkte. Doch bereits bei der Ankunft wurde ihnen bewusst, dass Deutschland nichts mehr zu erwarten hatte. Ihre Unterkünfte wurden durch Stacheldrahtverhaue von der Außenwelt abgeschnitten.
Am 7. Mai 1919 erklärte Clemenceau bei der Überreichung desVertrages an die deutsche Delegation u.a. : "Die Stunde der Abrechnung ist da. Wir überreichen Ihnen das Buch, das unsere Forderungen enthält. Eine mündliche Erörterung wird nicht stattfinden."
Das war ein Diktat und keine Friedensverhandlung!
Außenminister Graf Brockdorff-Rantzau hatte nur eine Geste der Verachtung dafür übrig. Reichskanzler Phillip Scheidemann, SPD, also ein ganz unverdächtiger Zeuge, sagte: "Dieses dicke Buch, in dem 100 Absätze beginnen: Deutschland verzichtet, Deutschland verzichtet, Deutschland verzichtet - dieser schauerlichste und schrecklichste Hexenhammer, mit dem einem großen Volk das Bekenntnis der eigenen Unwürdigkeit, die Zustimmung der erbarmungslosen Zerstückelung, das Einverständnis zur Versklavung und Helotentum abgepresst werden soll ..."
Und weiter: "Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar ... weg mit diesem Mordplan!"

Tatsächlich enthält das Diktat in mehr als 440 Artikeln Forderungen, die u.a. wie folgt lauten:
- Deutschland zahlt
- Deutschland gibt ab
- Deutschland verzichtet
- Deutschland erkennt an
- Deutschland räumt ein
- Deutschland verpflichtet sich
- Deutschland führt aus
- Deutschland tritt ab
- Deutschland stellt wieder her
- Deutschland übergibt
- Deutschland liefert ab, leistet Schadenersatz und Unterhaltspflicht, liefert aus, schleift Festungen ...

Den Deutschen wurde eine Frist von 15 Tagen gesetzt, und nach einer Reihe von innenpolitischen Turbulenzen, das Kabinett Scheidemann trat zurück, stimmten am 22. Juni 1919 die Abgeordneten der Deutschen Nationalversammlung über den Vertrag ab. 237 stimmten für und 138 gegen die Annahme, jedoch mit der Einschränkung, dass mit der Annahme die Anerkennung einer Schuld des deutschen Volkes am Ausbruch des Krieges nicht verbunden sei. Zur Erinnerung: Serbische Terroristen ermordeten den österreichisch-ungarischen Thronfolger und seine Frau. Österreich hatte eine feste Zusage der deutschen Regierung, "dass wir in ernster Stunde Österreich-Ungarn nicht verlassen würden ...
Da Serbien die Beteiligung Österreich-Ungarns an der Untersuchung der Ermordung ablehnte, überschlugen sich in Europa die Ereignisse. Das Ergebnis ist bekannt.
Doch es wurde eine bedingungslose Unterzeichnung des Friedensvertrages gefordert. Der neue Außenminister Müller und Justizminister Bell vollzogen letztendlich die Unterzeichnung.


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