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Seite 5 HISTORISCHES
Schlesische Nachrichten 19/2001

Schlesien - eine gesamtdeutsche Verpflichtung

Vor 50 Jahren: Bundestreffen der Schlesier in München

Es war das zweite große Treffen der Schlesier nach der Vertreibung, das erste hatte 1950 in Köln stattgefunden. Die Plakette zeigte die Türme der Münchner Frauenkirche, an diese angelehnt das schlesische Wappen und im Hintergrund die Türme der Breslauer Maria-Magdalenen-Kirche. Es war ein geradezu leichtfertiges Unternehmen des gerade drei Jahre alten Schlesiervereins in München (der Name der Landsmannschaft Schlesien ist bis heute eine Münchner Tradition), nach Bayern einzuladen, denn die beiden Organisatoren dieses Treffens, der Münchner Vorsitzende und der Geschäftsführer der Landsmannschaft Schlesien, der Ratiborer Herbert Hupka und der Breslauer Max Hönsch, hatten bislang nicht die geringste Erfahrung, wie ein derartiges Treffen durchzuführen sei. Es waren dann 150 000 Schlesier, die sich aus Anlass der "Schlesischen Woche" in der bayerischen Landeshauptstadt einfanden.

1951 standen noch keine großen Messehallen zur Verfügung, um die Orte für die Heimatkreistreffen auszumachen. Es klingt wie eine Galerie der Münchner Gastwirtschaften, wenn man die Treffpunkte beim Namen nennt. In dem zehnseitigen Veranstaltungsbogen, der der Festschrift beilag, liest man, ein wenig ausgewählt: Breslau Stadt im Zelt Spatenkeller, Glatz in der Schwabinger Brauerei, Gleiwitz im Salvatorkeller, Hindenburg im Hackerkeller, Lauban im Augustinerkeller, Namslau im Alten Hackerhaus, Neiße im Wagnerbräu Ausschank, Sprottau im Zirngibl, Waldenburg in der Wittelsbacher Bierhalle.

Die von Karl Turley ausgezeichnet zusammengestellte Festschrift enthielt nur zwei Grußworte und war ganz auf das geistige Gesicht Schlesiens abgestimmt. Der Bayerische Ministerpräsident Dr. Hans Ehard schrieb: "Die Bayerische Staatsregierung begrüßt die Absicht der Schlesischen Heimatwoche, das deutsche Volk mit Nachdruck an Schlesien zu erinnern und unterstützt den Kampf der Schlesier gegen die willkürliche Grenzziehung durch die OderNeiße-Linie". Auf der nächsten Seite kam Dr. Walter Rinke als Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und Berlin zu Wort. Es heißt im Grußwort: "Das ganze deutsche Volk muss sich unseren Bestrebungen anschließen und mit uns kämpfen. Es muss geschlossen gegen die widerrechtliche Amputation seiner Ostgebiete protestieren. Die Resonanz unserer Entschließungen wäre erheblich größer, wenn das deutsche Volk in den letzten Jahren am deutschen Osten stärker interessiert gewesen wäre, und nicht nur gelegentlich und zaghaft. Die Schlesische Woche 1951 hat es sich zur Aufgabe gesetzt, das deutsche Volk an seine gesamtdeutsche Pflicht zu erinnern."

Die "Leistungsschau der Schlesischen Wirtschaft" eine Ausstellung am Münchner Lenbachplatz, war keineswegs rückwärts gewandt, sondern zeigte in vielen Ständen, wo wer in diesen ersten Jahren nach der Vertreibung neu begonnen und sich hat durchsetzen können. Die Liste der Aussteller macht in der Festschrift 30 Seiten aus. In einer Anzeige heißt es: "Haselbach Biere seit 80 Jahren bewährt wird jetzt auch in München gebraut`. (Leider wissen wir heute, dass die Brauerei in der Konkurrenz zu den Alteingesessenen nicht hat durchhalten können.) Wir finden auch Christian Dierig AG, Leinenweberei, nunmehr Augsburg, und Joseph Doms, Tabakfabriken, jetzt Orsoy. Es wäre eine Untersuchung wert, wer alles von den damaligen Ausstellern hat bestehen und durchhalten können und wie viele, Gott sei es geklagt, trotz mutigen Beginnens die Segel haben streichen müssen.

Zum Programm des Jahres 1951 gehörten auch die vielen und kaum noch zu zählenden Treffen der Berufsstände. Es trafen sich die schlesischen Ärzte und Rechtsanwälte, die schlesischen Imker und Viehkaufleute, die schlesischen Bäckermeister und der Bund der Gehörlosen, die schlesischen Bücherrevisoren und die katholischen Frauen in großer Zahl.

Ein ausgeprägtes geistiges Gesicht erhielt das Bundestreffen in München durch das große Angebot an Vorträgen, und diese wurden in den Hörsälen der Münchner Universität gehalten. Herausgegriffen seien Professor Günther Grundmann über die Kunstgeschichte Schlesiens, Professor Victor Jungfer über Schlesiens Wirtschaftsräume, Professor Wolfgang Baumgart über Grundzüge der schlesischen Literatur vom Barock bis zur Gegenwart.

Im repräsentativen Sophiensaal lasen Victor Kaluza, Horst Lange, Hans Niekrawietz und Arnold Ulitz (hoffentlich heute zumindest den Schlesiern feste Begriffe!) aus ihren Schriften. Der Bayerische Rundfunk lud zu zwei Veranstaltungen am Nachmittag und am Abend in den Zirkus Krone unter dem Titel "Das Schlesische Jahr" ein. Das Orchester des gebürtigen Pommern Kurt Graunke spielte, Edmund Nick dirigierte, und es wirkten unter vielen anderen mit: Ernst Schenke, Wilhelm Menzel, Victor Kaluza, es sang der durch den Bayerischen Rundfunk bekannt gewordene Schlesierchor Regensburg unter Leitung von Hermann Winkler. Beide Male war der Zirkus Krone überfüllt, und das Programm wurde zeitlich versetzt vom Bayerischen Rundfunk und vom Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlt.

Die Hauptkundgebung fand auf dem Münchner Königsplatz statt, es war der 16. September um 14.30 Uhr. Das Wetter spielte mit, und so war es auch an den Vortagen, was schon deswegen von Bedeutung gewesen ist, weil die Trefflokale die Menschen, die sich wiedersehen wollten, gar nicht fassen konnten, so dass die Zusammenkünfte stets gleich im Freien abgehalten werden mussten und abgehalten werden konnten. Auf der Rednerliste standen Ernst Reuter, Berlins Regierender Bürgermeister, Jakob Kaiser, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen und Dr. Walter Rinke. Am Vortag hatten bereits Dr. Hans Lukaschek, Bundesminister für die Vertriebenen, und Adolf Kaschny, ehemaliger Oberbürgermeister von Ratibor und jetzt Landtagsabgeordneter in NordrheinWestfalen, das Wort genommen. Erschütternd war dann die Nachricht auf der Hauptkundgebung, dass Adolf Kaschny in der Nacht zum 16. September beim Überqueren der Straße überfahren worden war und zu Tode gekommen ist.

In einem dieses Bundestreffen der Schlesier vom 13. bis 17. September 1951 in München begleitenden Text lesen wir: "Zunächst gibt es eine große Wiedersehensfreude. Und dann erschallt der Ruf nach Rückkehr in die Heimat eindringlicher denn je. Freude und Sehnsucht, das Schwelgen in Erinnerungen und das Heimweh, das sind die Grundakkorde dieses Bundestreffens. Aber gleichzeitig schwingt ein bitterer Ton mit, es ist die Sorge um das tägliche Brot, die Forderung nach der gleichen wirtschaftlichen Chance, über die jeder Einheimische verfügt, der nicht das Los der Vertreibung erfahren hat ..."

Dem ersten Bundestreffen in München folgten 1967 und 1971 zwei weitere in der bayerischen Landeshauptstadt, und seit 1991 sechs Deutschlandtreffen der Schlesier in der fränkischen Metropole Nürnberg.
Herbert Hupka (SN)

Schlesien unsere Heimat!
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