01
15. September 2001
Der rote Pass und die deutsche Sprache
Wer als polnischer Staatsbürger von heute über mehrere Generationen seiner Familie den Nachweis erbringen kann, hat einen Anspruch darauf, aufgrund seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum sich diese durch den roten Pass der Bundesrepublik Deutschland bestätigen zu lassen. Das geht selbstverständlich in Ordnung, denn unter kommunistischer Herrschaft wurde jedem Deutschen verweigert, sich als jetzt polnischer Staatsbürger zu seinem Herkommen als Deutscher zu bekennen. Inzwischen dürften es 247 000 Einwohner Polens sein, die außer ihrem polnischen Pass auch den deutschen Pass besitzen. Die Prozedur der Antragstellung und Genehmigung ist meist gar zu bürokratisch und schwer, aber entscheidend ist, dass unsere Landsleute in der Heimat das Recht haben, als Deutsche durch die Bundesrepublik Deutschland auch tatsächlich anerkannt zu werden.

Dieser aus verständlichem Grunde angestrebte deutsche Pass gilt nicht im jetzigen Wohngebiet, in Polen, wohl aber im Geltungsbereich der Bundesrepublik Deutschland. Dies ist mit ein Grund, dass man in Deutschland, neuerdings auch vielfach in Holland, eine ertragreiche Arbeit sucht und diese auch findet. Im Oppelner Schlesien sollen es 70 000 bis 90 000 Bewohner sein, wie kürzlich Richard Donitza, der Geschäftsführer der Deutschen Freundschaftskreise, erklärt hat. Die Zahl derer, die in der Wojewodschaf Schlesien (Bezirk Kattowitz) zu Hause sind, vor allem aus den Kreisen Gleiwitz und Ratibor, soll 30 000 Menschen betragen.

Es wird in Deutschland gutverdient, nicht anders in Holland, darum auch der Weg, der nach Überschreitung der Oder und Görlitzer Neiße eingeschlagen wird. Die polnischen Behörden freuen sich einerseits, dass durch die Arbeitsaufnahme der polnischen Staatsbürger im Ausland die Zahl der Arbeitslosen erheblich sinkt, zum anderen bedauern sie, dass Steuergelder im Ausland bleiben und nicht in die polnischen Kassen fließen. Aber es sind ganz andere Probleme, die sich aus der Arbeitsaufnahme der polnischen Staatsbürger mit dem roten deutschen Pass ergeben. Die Menschen verdienen das Fünf- oder Sechsfache wie daheim, bringen es zu einem eigenen Wagen, können die Familienmitglieder mit guter Garderobe kleiden, schaffen es, sich mit der Zeit ein eigenes Häuschen zu errichten, aber begleitet ist dies alles von der großen Gefahr, dass Ehen zerbrechen, dass die Beheimatung in der Kirche Schaden nimmt. Erzbischof Alfred Nossol hat in seinem offenen Hirtenbrief die Dinge beim Namen genannt.

Aber es soll auch nicht verschwiegen werden, dass der Besitz eines roten deutschen Passes nicht gleichbedeutend ist mit dem treu bleibenden Bekenntnis zum Deutschtum. Zurecht hat der Sejm-Abgeordnete Heinrich Kroll von uns deutschen Oberschlesiern als einem Volk ohne Muttersprache gesprochen. Man könnte nun annehmen, dass die Besitzer eines deutschen Passes ihre mangelnden deutschen Sprachkenntnisse während ihres Aufenthaltes in Deutschland ergänzen, auffrischen, vervollkommnen. Dem ist leider nicht so. Auf dem Arbeitsplatz, etwa auf einer Baustelle oder vor dem Fließband, verständigt man sich leicht radebrechend untereinander. Im sogenannten Arbeiterhotel ist man wieder unter sich, den nicht vollkommen das Deutsche Beherrschenden, weshalb man sich gleich des in den Jahrzehnten bis zur Wende zwangsweise erlernten Polnisch bedient.

Man hatte angenommen, dass die zu Besuch heimkehrenden Arbeiter mit dem roten Pass den deutschen Gottesdienst in der Heimatgemeinde besuchen würden, denn sie beherrschen doch jetzt endlich das Deutsche perfekt. Weit gefehlt. Schon in Deutschland ließ man sich lieber vielerorts in polnischsprachigen Gottesdiensten sehen, und so hält man es jetzt auch in der Heimat.

Außerdem verführt das schnelle Geldverdienen dazu, mit geringen beruflichen Kenntnissen, relativ gesehen, reich zu werden, also nicht für seine berufliche Weiterbildung Sorge zu tragen. Das hat dann zur Folge, wenn man wieder, aus welchen Gründen auch immer, in der Heimat Arbeit aufnehmen muss, dass man als ungelernter Arbeiter an den Schluss der Arbeitssuchenden katapultiert wird. Hier ist unbedingt Aufklärung geboten.

Der rote Pass setzt voraus, dass man sich zu m deutschen Volkstum bekennt. Tut man das aber auch in der Wirklichkeit des politischen Alltags in der Heimat, im polnischen Staat als Deutscher? Die Antworten auf diese Fragen fallen, gesprochen von den Vorsitzenden der Deutschen Freundschaftskreise, nicht nur skeptisch, sondern leider vielfach negativ aus.

Man bekennt sich bis zur Stunde des Erhalts des roten Passes zum Deutschtum der Familie und damit zu dem eigenen, aber dann empfindet man mit dem roten deutschen Pass in der Tasche keine Verpflichtung mehr. Das wird auch bei Wahlen, die anstehen, von den Sprechern der Deutschen mit Besorgnis gesehen. Man müsste seine Besuchsmöglichkeit zu Hause eben so nutzen, dass man sich an den Wahlen beteiligt und seine Stimme für die deutschen Kandidaten oder Kandidatinnen abgibt. Politisches Handeln ist gefordert, nicht nur das Geldverdienen.

Wer immer wieder in der Heimat mit den Führungskräften, Männern und Frauen aus den Freundschaftskreisen, aber auch aus der Kirche spricht, sammelt nicht gerade die besten Erfahrungen, mit denen unsere Landsleute in der Heimat konfrontiert werden. Man sollte immer wieder deutlich machen, das einmalige Bekenntnis zum Deutschtum, um den roten Pass der Bundesrepublik Deutschland zu erwerben und sich die deutsche Staatsangehörigkeit bestätigen zu lassen, ist zu wenig, reicht nicht aus, um sagen zu dürfen, das Deutschtum in der Heimat wird überleben, es hat für die Zukunft eine Chance. Man sollte darüber ehrlich sprechen, denn es führt nichtweiter, nur einen Zustand zu beschreiben und untätig zuzuschauen.

Dr. Herbert Hupka (SN)