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01 Keine Selektion beim Erinnern Im Rahmen des Festaktes, anlässlich des diesjährigen Tages der Heimat, zu dem der BDV am 1. September nach Berlin ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt geladen hatte, trat der Bayerische Ministerpräsident, Dr. Edmund Stoiber (CSU), als Festredner auf. Zu Beginn erinnerte Edmund Stoiber an seinen Vorvorgänger im Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten, Franz Josef Strauß, der die Festrede anlässlich des Tages der Heimat dreizehn Jahre zuvor, am 11. September 1988, hielt. Franz Josef Strauß hatte in seiner Rede, im damals noch geteilten Berlin, auf das kommende Ende des "kommunistischen Zeitalters in Osteuropa" hingewiesen. Am 28. September 1988, fünf Tage vor seinem Tod, sicherte Strauß den Vertriebenen erneut seine Solidarität zu. Er schrieb damals: "Die Vertriebenen werden mich bei ihren berechtigten Anliegen auch künftig an ihrer Seite finden." Deutlich stellte Edmund Stoiber sich in seiner Rede in die Tradition seines Vorgängers. Er rühmte die Charta der Heimatvertriebenen von 1950 als ein Dokument des inneren Friedens. In diesem Zusammenhang verwies er darauf, dass es gelungen sei, die Vertriebenen in der Mitte unserer Gesellschaft zu verankern. "Ideologen und Extremisten hatten in Ihren Reihen niemals eine Chance," stellte er gegenüber den Anwesenden fest. Er verwies auf die große Aufbauleistung der Vertriebenen in Bayern und bescheinigte den deutschen Heimatvertriebenen, ein "konstruktiver und friedlicher Faktor beim Bau des europäischen Hauses" zu sein. Deutlich trat der bayerische Ministerpräsident für eine Kultur des Erinnerns bezogen auf die Vertreibung der Deutschen ein. "Leid ist nicht teilbar, Opfer sind nicht teilbar und sollten nicht unterschiedlich qualifiziert werden." Neben einer Aufarbeitung der NS-Diktatur und einem Gedenken an die Opfer der Verbrechen, die im deutschen Namen gelitten haben, fordere die Selbstachtung einer Nation auch die Fähigkeit, um die eigenen Opfer zu trauern. "Es darf keine Selektion beim Erinnern geben", sagte Edmund Stoiber. Es sei aber ebenso bedeutend, die Kultur der Heimatgebiete zu bewahren. Diese Kultur gehöre zum "Gesamtfundus der kollektiven Erinnerung unserer Nation." In diesem Zusammenhang bedauerte der Bayerische Ministerpräsident, dass die Mittel für die Kulturförderung der Heimatvertriebenen, besonders im institutionellen Bereich, stark gekürzt, oder sogar ganz gestrichen worden sind. "Ich hoffe nicht, dass sie [Anmerk. der Red.: die Kürzung] ideologisch begründet ist", sagte Stoiber mit Blick auf den damaligen Entscheider, Staatsminister Michael Naumann, und die Bundesregierung. Ein deutliches Bekenntnis, das Zentrum gegen Vertreibungen in seiner Entstehung zu unterstützen, legte er ab und forderte den Bundeskanzler auf, sich nicht weiter dagegen zu sperren. Indem Edmund Stoiber die Aktivitäten in Polen zur Aufarbeitung der Geschichte der Vertreibungen hervorhob, hier verwies er auf das vierbändige Gemeinschaftswerk von deutschen und polnischen Historikern, stellte er Defizite der Bundesregierung beim Umgang mit dem Thema fest. Edmund Stoiber forderte den unmittelbaren Dialog mit den Vertreiberstaaten ein, denn dies sei der Weg zur Verständigung, so könne der Weg in die Zukunft gebahnt werden. Mit dem Blick auf die Osterweiterung der Europäischen Union forderte er die Einhaltung der Kopenhagener Kriterien ein. Für Vertreibungsdekrete sei kein Platz im gemeinsamen Europa, stellte er fest. "Es ist nicht sinnvoll, wissentlich mit Belastungen in die Zukunft zu gehen," sagte der bayerische Ministerpräsident und machte deutlich, dass er zuversichtlich sei, dass die Vertreibungsdekrete bei einem EU?Beitritt der Vergangenheit angehören werden. Mit dieser Aussage nahm er Bezug auf den österreichischen Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel, der dies beim diesjährigen Sudetendeutschen Tag geäußert hatte. "Das muss auch der deutsche Bundeskanzler sagen," stellte Edmund Stoiber hierzu fest. Das Europa der Zukunft werde ein Europa der Nationen und Regionen sein. Mit dieser Feststellung unterstrich er die Funktion der deutschen Minderheit in Polen für einen Aufbau eines Europa der Regionen. Seine mit viel Beifall bedachte Rede endete mit einem deutlichen Bekenntnis zum Heimatbegriff, dem er gerade im Zeitalter der Globalisierung eine zunehmende Bedeutung beimaß. Thomas Helm (SN) |