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Infiltration statt Information?
Polens Schulbücher verbreiten altgewohnte nationale Mythen

Vielfach wird behauptet, daß sich nach dem politischen Umbruch in Polen auch zwangsläufig in den Schulbüchern eine ausgewogene schlesische Regional- und deutsch-polnische Geschichte einziehen würde - wenn erst einmal die alten Schulbücher verdrängt seien, dann könne man doch auf einer entmythologisierten Geschichte aufbauen... Wir befinden uns derzeit bereits im Jahre Zwölf nach dem Zerfall des sozialistischen Systems, und längst sind auch neuerarbeitete Schulbücher auf dem Markt. Die Verlage konkurrieren heute, müssen aber ihre Werke einer staatlich-wissenschaftlichen Zulassungskommission zur Genehmigung vorlegen. Werfen wir doch einmal einen genauen Blick in ein in Oberschlesien erhältliches Schulbuch für die 5. Grundschulklasse - Historia i spoleczenstwo (Geschichte und Gesellschaft), 1. Auflage, Warschau 2000 von Maria Dabrowska-Gensler, Bohdan Golebiowski, Ewa Marciniak und Andrzej Syta.

Das untersuchte Schulbuch widmet sich eingangs allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen in kindgerechter Darstellung. Zum Beispiel sollen anhand eines kurzen Textes, in dem es um die Auswahl eines Klassensprechers geht, Führungsqualitäten thematisiert werden. Auf den nächsten drei Seiten werden der Politiker und Diplomat Jan Zamoyski (1542-1605) sowie der polnische König Boleslaus der Tapfere (Boleslaw Chrobry / 967-1025) als Beispiele für Männer mit Führungsqualitäten dargestellt. Auffällig dabei ist, daß ausgerechnet der Herrscher, unter dem Polen seine größte Westausdehnung erreicht hatte, als Vorbild herangezogen wird. Fraglich, ob die Machtpolitik eines mittelalterlichen Königs, dessen Schlachten bekannt, dessen Persönlichkeitsstruktur aber doch wohl eher Legenden unterliegt, heute überhaupt als integrative Komponente eingesetzt werden darf. Nach einem Exkurs zu Inhalten und historischen Entwicklungen des Schulwesens folgt eine Darstellung wichtiger Errungenschaften der Menschheit.

Polen betrieb Feld-, das Reich hingegen Raubzüge

Im Anschluß daran finden wir ein Kapitel, in dem die polnische Geschichte kompakt auf 13 Seiten dargestellt ist. Selbst in umfassenden deutschen Schulbüchern höherer Jahrgangsklassen wird im allgemeinen sehr geizig mit historischen Karten umgegangen - gerade so, als sei es den Autoren peinlich, in welchem Raum sich einst deutsche Geschichte abspielte. In dieser Hinsicht ist es eigentlich erfreulich, daß sich der polnische Schüler in diesen 13 Seiten mit fünf Karten Orientierung verschaffen kann. Dargestellt sind das piastische Polen, die spätmittelalterliche Union Polen-Litauen, die Teilungen Polen-Litauens, Zwischenkriegspolen und das heutige Polen mit seine, seit dem 1.1.1999 bestehenden 16 Woiwodschaften. Das piastische Polen ist dabei nur zur Zeit der Ausbreitung unter Mieszko I. und der größten Ausdehnung unter Boleslaus dem Tapferen zu sehen, wobei fünf Motive in die Karte eingefügt sind. In Niederschlesien ist die Verteidigung von Nimptsch vor kaiserlichen Heeren Heinrichs II. im Jahre 1017 zu sehen. In der Legende sind die Vorstöße von Boleslaus in die Lausitz, nach Böhmen und in das Reichsgebiet harmlos als "Wyprawy (Feldzüge)" gekennzeichnet, während die kaiserlichen Vorstöße gen Osten als "Najazdy (Einfälle/Raubzüge)" firmieren! Es wird also suggeriert, Polen habe bei der Unterwerfung und Sicherung westslawischer, jedoch nicht im heutigen Sinne polnischer. Gebiete andere Rechte gehabt. Während im weiteren zunächst noch von der polnisch-litauischen Union die Rede ist, verliert sich folgend die Berücksichtigung Litauens, da nur noch vom "Rozbior (Zerlegung)" Polens die Rede ist - leider eine Auffassung, die sich auch außerhalb Polens unkritisch durchgesetzt hat, vermittelt Sie doch den Eindruck, Polen und nicht ein Teil des mit diesem Land verbundenen Litauens habe bis vor die Tore Moskaus gereicht! In einer Zeittafel zur neuzeitlichen Geschichte stechen Ereignisse des Kampfes um die Westgrenzen sowie um einen Zugang zum Meer hervor: 1914 Ausbruch des 1. Weltkrieges, 1918 Ausbruch des großpolnischen Aufstandes (damalige Mark Posen) und Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens, 1919 Erster Schlesischer Aufstand, 1920 Zweiter Schlesischer Aufstand, 1921 Dritter Schlesischer Aufstand, 1922 Beginn des Baus der Stadt und des Hafens Gdingen, 1924 Währungsreform, 1937 Beginn des Baus des zentralen Industriereviers (in Kleinpolen). Die Datierung der Unabhängigkeit auf das Jahr 1918 anstatt bei Gründung des Königreiches Polen im November 1915 durch die Mittelmächte geht dabei sicher in Ordnung, da Deutschland und Österreich-Ungarn lediglich einen Köder auswarfen. Beide Länder suchten im Krieg "Kanonenfutter", hätten aber nach gesicherten Forschungsergebnissen nur ein abhängiges Zwergpolen zugelassen.

Inkonsequente Regionalgeschichte

Das untersuchte Buch erfüllt im Anschluß grundsätzlich eine neue Vorgabe der staatlichen Lehrpläne sehr umfassend. 115 der 192 Seiten sind der Darstellung der historischen Regionen gewidmet, deren Konturen einst durch sozialistischen Funktionalismus vollkommen aufgehoben worden waren. Während die neue staatliche Vorgabe im Sinne einer Schaffung regionaler Identifizierung sehr zu begrüßen ist, gelang den Autoren jedoch keinesfalls.ihren an dieser Stelle deplazierten nationalen Ballast abzuwerfen! Unter der einleitenden Frage "Region - was ist das-" wird zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, die sich im Abschnitt Schlesien später wiederholt, der Name Schlesien leite sich vom Stamm der Schlensanen (Slezanie) ab. Das ist zwar nicht völlig falsch, aber unterschlagen wird dabei, das sich der Name der Schlensanen wiederum auf den zuvor hier siedelnden germanischen Wandalenstamm der Silingen zurückführen läßt. Kaschierend lesen wir auf Seite 81: "Während der Jahrhunderte gab es historische Regionen, vor allem Grenzregionen, die wegen Kämpfen und Überfällen oft in fremde Staatsmacht übergingen. Gute Beispiele dafür sind Westpommern (also Hinterpommern), das Danziger Pommern (also Pommerellen bzw. Westpreußen) und Schlesien". Die Geschichte aller ehemaligen deutschen Ostgebiete wird also scheinbar auf kurzeitige Intermezzi degradiert! Desorientiert manövrieren sich die Autoren durch das Unterkapitel "Regionale Symbole", das zur Hälfte von einem übergroßen polnischen Staatswappen und der Landesfahne eingenommen wird. Der Rückfall auf gesamtstaatliche Bezüge kommt auch im Text zum Ausdruck, in dem es heißt, daß auch Denkmäler Symbole seien, so z.B. für "die Warschauer Aufständischen, Kardinal Stefan Wyszynski, Nikolaus Kopernikus, die Schlesischen Aufständischen" oder auch Naturdenkmäler. Eine Karte mit den heutigen Woiwodschaften belegt diese jeweils nach alter Schule mit den Wappen der jeweiligen Hauptstädte und nicht der Regionen. Bei Drucklegung im Jahr 2000 hatten zwar noch nicht alle Regionen offizielle Regionalwappen eingeführt (Niederschlesien und Hinterpommern führen heute wieder die Vorkriegswappen in überarbeiteter Form), die Darstellung in Form eines auch auf die Regionen übertragenen zentralistischen Hauptstadtdenkens dürfte dennoch wenig identitätsstiftend sein!

Wann interveniert die Minderheit endlich energisch?

Von besonderem Interesse ist natürlich die Vorstellung der Regionen in Einzelkapiteln. Dabei werden die Regionen übrigens in ihren jahrhundertealten historischen Grenzen und nicht etwa innerhalb der heutigen Woiwodschaftsgrenzen gezeigt, die aufgrund funktioneller Erwägungen teilweise erheblich abweichen. Dennoch lokalisieren die Autoren, in alten Denkschablonen denkend, die im kleinpolnischen Dombrowa (Dabrowa Gornicza) ansässige Hütte in Schlesien (S. 171).

In der historischen Übersicht Schlesien lesen wir nach alter Schule ebenfalls nur vom bloßen Herrschaftswechsel von Polen über Böhmen, die Habsburger zu den Preußen, ohne daß dabei jemals die Zugehörigkeit zum Reich angeführt wird. Eine Vertreibung sucht man nach 1945 ebenfalls vergebens. Dafür lesen wir auf Seite 167: "Anstatt Oberschlesien Polen anzuschließen hat man ein Plebiszit angeordnet".
Das klingt fast so, als solle das heißen: Unverschämtheit! Aber den Autoren gelingt auf den Seiten 172-173 unter der Zwischenüberschrift "Auf wen kann Schlesien stolz sein-" noch eine Steigerung einseitiger nationaler Sicht. Die drei Vorgestellten, auf die die Schüler stolz zu sein haben, sind: Der aus Großpolen stammende Aktivist des Polentums Ligon, der ebenso orientierte "Katolik"-Herausgeber Karol Miarka und natürlich Korfanty - kein Wort von nur einem der schlesischen Nobelpreisträger! Aber nicht allein Schlesiens Geschichte wird einseitig ausgeschlachtet. Dem Kapitel Pommern ist das Zitat Jan Dymitr Solikowskis, einem Publizisten und Sekretär des Königs Sigismund August vorangestellt: "Der Mensch, der einen Staat mit Zugang zum Meer hat und diesen nicht nutzt, wird vom freien Mensch zum Sklaven und vom reichen zum Armen". Auch die Worte' Derdowskis (1852-1902): "Keine Kaschubei ohne Polonia und ohne Kaschuben kein Polen" durften keineswegs fehlen. Ermland-Masuren ist sogar, man höre und staune, 1945 zu Polen "zurückgekehrt" (S. 108), obwohl doch Masuren beziehungsweise (Ost-)Preußen ohne das Ermland in früherer Zeit Polen lediglich lehnsabhängig war. Aber auch an späterer Stelle wird für 1772 der Übergang von Ermland und (natürlich ebenfalls fälschlich) Masuren an Polen postuliert (S. 108). Auf der Folgeseite ist unter der Titelseite der ersten Ausgabe der polnischsprachigen "Gazeta Olsztynska (Allensteiner Zeitung)" eine Einwohnerübersicht masurischer Landkreise des Jahres 1890 abgedruckt. Und obwohl die preußische Statistik damals lediglich nach der Muttersprache und eben nicht nach nationaler Gesinnung gefragt hatte, werden die sich als polnischsprachig Bezeichnenden einschränkungslos als Polen vereinnahmt. Während das Schulbuch für Oberschlesien das Plebiszit an sich in Frage gestellt hatte, folgt in Ermland-Masuren das Eingeständnis der polnischen Niederlage, allerdings ohne Nennung des erdrückenden Abstimmungsverhältnisses. Gedruckt wurde das Schulbuch mit der Zulassungsnummer 111/00 bei einem Verlag in Lodsch, bezeichnenderweise in der ul. Rewolucji (Straße der Revolution) - und eine solche wäre wahrlich nötig, um heute Schüler in Polen zu informieren statt zu infiltrieren. Wieso hat eigentlich die deutsche Minderheit in zwölf Jahren ihrer Tätigkeit nicht nur allgemein sondern durch eigene minuziöse Rezensionen interveniert- Sollte solch eine Aufgabe nicht zentrales Anliegen der Bildungsgesellschaft sein?
Till Scholtz-Knobloch