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"Man sollte wenige Funktionen haben,
diese aber gut ausfüllen"

Der Krappitzer Landrat und kandidat der deutschen Liste für den Sejm, Joachim Czernek, stellt sich den Fragen von Till Scholz-Knobloch zum Wahlkampf.

Herr Czernek, worin unterscheidet sich die Sejmwahl 2001 von der vorherigen im Jahre 1997 hauptsächlich?

Die Wahlkreise sind anders zugeschnitten als vor vier Jahren - der Wahlkreis Oppeln ist um den Landkreis Rosenberg vergrößert worden und außerdem gibt es keine zentrale Landesliste, sondern alle Mandate werden direkt nach dem Zuspruch für die einzelnen Kandidaten vergeben.

Im Wahlkreis Oppeln holte die Minderheit 1997 nur zwei Mandate. Müßte man seitens der Minderheit aufgrund des um Rosenberg erweiterten Wahlbezirkes und angesichts des enttäuschenden Ergebnisses von 1997 nicht offensiver höhere Ziele stellen?

Selbstverständlich - mit zwei Abgeordneten kann man nicht zufrieden sein. Ich denke fünf oder gar sechs Mandate wären optimal, und das ist auch zu erreichen. Die Deutschen sollten ihre Gelegenheit nutzen und dies nicht zuletzt deswegen, weil wir im Moment in der politischen Landschaft keine starken Parteien haben, die eine Mehrheit der Mandate erringen könnten - die deutsche Minderheit bildet zur Zeit neben der SLD die stärkste Gruppierung in der Woiwodschaft Oppeln.

Haben Sie sich selber im Wahlkampf hohe Ziele gesteckt?

Bei der letzten Wahl 1997 habe ich deutlich mehr Stimmen erhalten als 1993, als ich noch als Abgeordneter in den Sejm eingezogen bin Dieses Vertrauen möchte ich nicht enttäuschen, und deshalb kandidiere ich auch. Ich hoffe, daß der Kreis meiner Wähler noch größer wird beziehungsweise daß alle 26 Kandidaten der deutschen Liste einen Stimmenzuwachs verzeichnen - denn schließlich habe ich vor vier Jahren ein Mandat nur deswegen nicht errungen, weil insgesamt zu wenig Stimmen auf die Liste abgegeben wurden.

Sie haben gerade vom Jahr 1997 gesprochen 1998 war ja dann doch ein sehr entscheidender Einschnitt in ihrer politischen Laufbahn. Sie wurden als Vorsitzender der deutschen Bildungsgesellschaft abgelöst und schieden auch aus dem Oppelner Bezirksvorstand der Minderheit aus. All das stand damit im Zusammenhang, daß Sie den Zentralismus und organisatorische Mängel der Minderheit nach mehrfachen und erfolglosen Interventionen dann auch öffentlich angeprangert hatten. Fühlen Sie sich heute in der Minderheit noch an den Rand gedrängt?

Ich fühle mich überhaupt nicht an den Rand gedrängt, sondern ich nehme eine wichtige Position in der deutschen Minderheit ein nämlich als von der deutschen Liste gewählter Landrat des Kreises Krappitz, in dem die Minderheit zirka 60% der Einwohner stellt. Zudem bin ich Vorsitzender des Konventes der Oppelner Landräte, und das ist, so denke ich, eine sehr wichtige und sehr hohe Position. Daß ich nicht mehr Mitglied des SKGD-Vorstandes bin, hat nicht so eine große Bedeutung für mich, denn letztlich können nicht alle überall sein - im Vorstand der Minderheit, als Landrat oder bei der Bildungsgesellschaft oder vielleicht noch in etlichen anderen Funktionen. Das ist nicht Sinn der Sache; man sollte möglichst wenig Funktionen haben, aber diese dann gut ausfüllen! Deswegen bin ich der Meinung, daß man die Funktionen ohnehin beschränken sollte. Ich bin in der deutschen Minderheit nach wie vor, so denke ich, wichtig genug.

Dennoch ist es ja häufig so, daß sich manche gerne mit fremden Federn schmücken. Letztlich kommt das, was Sie einst angestoßen haben, heute anderen zu Gute. Es kommt hinzu, daß Sie bei der letzten Sejmwahl einer der wenigen Kandidaten waren, der die Vorgabe eingehalten hat, nur um Stimmen im eigenen Umfeld zu werben, während andere Kandidaten über ihr Einzugsgebiet hinausgegangen sind. Haben Sie daher Ihre Strategie geändert?

Vor vier Jahren wurden die Gemeinden so aufgeteilt, wie das einigen gepaßt hat. Ich habe mich an die vereinbarten Regeln gehalten auch wenn man dabei voraussehen konnte, daß das entsprechend weniger Stimmen einbringt. Nun gut, das wichtigste ist, daß die Wähler, egal ob sie der deutschen Minderheit oder der polnischen Mehrheit angehören, unsere Kandidaten wählen. Wir sind letztendlich für alle da, die für die deutsche Liste votieren, denn das Programm der deutschen Minderheit ist sehr regional ausgerichtet. Und in der jetzigen politischen Lage Polens ist sehr wichtig, daß die Bedeutung der Regionen zunimmt, und man sollte möglichst viel für die Regionen tun - und das werden wir auch tun. Ob der Wähler sich dann für meinen Namen entscheidet, sollte einzig vom Vertrauen in meipe Person abhängen. Ich stehe jedenfalls für diese große Verantwortung bereit und würde alles tun, den Erwartungen gerecht zu werden. Nochmals vorrangig ist jedoch, daß möglichst viele deutsche Abgeordnete gewählt werden.

Sie haben die regionale Bedeutung der Politik angeführt. Denken Sie, daß die Minderheit sich als Institution zu sehr mit ihren eigenen Leuten beschäftigt. Wäre es nicht sinnvoller, mehr Kompetenz in anderen Politikfeldern zu zeigen, anstatt nur auf dem regionalen Ansatz aufzubauen- Man sieht ja gerade, daß die soziale Frage für sehr viele Menschen eine zunehmende Rolle spielt. Ließe sich nicht zum Beispiel auch Protestwählerpotential ausschöpfen, weil viele den Parteien nicht mehr trauen?

Ich stimme Ihnen zu, daß man, um Protestwähler zu gewinnen, ein Angebot machen sollte, das den Erwartungen der Wähler gerecht wird. Die jetzige Lage in Polen stimmt nicht optimistisch, und wenn man hört, daß die jetzige Regierung Renten und Sozialausgaben kürzen will, wobei man es bereits jetzt mit zunehmender Armut zu tun hat, dann ist das eine falsche Lösung. Hier gilt es also, verstärkt Kompetenz zu zeigen.

Schauen wir einige Jahre in die Zukunft. Bei den Veranstaltungen der deutschen Minderheit ist eine sehr starke Überalterung erkennbar. Parallel besteht die schwierige Frage, wie welche Anliegen zu gewichten sind - sehen wir in der Kulturpolitik den Schwerpunkt oder in der sozialen Frage- Wohin wird in den nächsten Jahren auch angesichts des Generationsumbruchs die Entwicklung laufen?

Das ist eine sehr umfangreiche Frage. Ich denke, sehr wichtig ist nach wie vor die Frage der Existenzgründung für ganze Familien. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß es auch noch so etwas gibt wie Kultur, wie Traditionen. Das müssen wir .pflegen, wenn wir hier als Deutsche überleben wollen. In den Dörfern, in den kleinen Freundschaftskreisen passiert viel, aber es gibt keine institutionelle Initialzündung. Ein Kulturrat, der derzeit in Vorbereitung steht, wäre sehr wichtig, um die Kulturarbeit endlich unter ein Dach zu bringen. Abdr die kommunalen Vertretungen, die Woiwodschaft und der Staat sind verantwortlich für die wirtschaftliche Entwicklung, für die Schaffung von Arbeitsplätzen, für die Ausbildung - also für das Lebenswichtigste. Wir kennen ja die Realität -leider kommt die Kultur nicht an erster Stelle. An der ersten Stelle steht immer die Existenzfrage. In den letzten Jahren hat man aber nicht einfach altes fortgesetzt sondern auch investiert.

Wenn Sie nicht gerade als Landrat unterwegs sind oder im Wahlkampf stehen - womit beschäftigen Sie sich gerne in ihrer Freizeit?

Man muß überhaupt erst einmal Freizeit haben, und die fehlt mir im Moment. Wenn es mir die Zeit erlaubt, bin ich gerne in meinem großen Garten. Sport interessiert mich ebenfalls. Ab und zu jogge ich oder spiele Fußball.


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"Jede Wahl ist wie 1921 eine Abstimmung"

Wer in diesen Tagen den Wahlkampf der Deutschen in Oberschlesien verfolgt, wird sehr gegenätzliche Eindrücke sammeln.

Vor einigen Tagen mußte ich miterleben, wie in Krzanowitz (Langlieben) acht Kandidaten der deutschen Liste auf ebenfalls acht interessierte Gäste trafen, wobei jedoch noch der DFK-Ortsvorsitzende, ein Kollege vom Schlesischen Wochenblatt und meine Person aufgrund dienstlicher Belange abzuziehen wären. Während in der brütenden Nachmittagshitze also nur fünf verbleibende Wähler zu überzeugen waren, drängten sich zwei Stunden später dreißig diskussionsfreudige Gieraltowitzer im Versammlungsraum - unter ihnen sogar sechs Jugendliche. Lag es daran, daß die Arbeit auf dem Feld getan war- Oder nimmt man im abseits der Hauptstraße gelegenen Gieraltowitz (Gerolsdorf) Angebote allgemein gieriger auf? Die Kandidaten des näheren Eibzugsgebietes Dieter Przewdzing (Senat) und die Sejmkandidaten Helmut Pazdzior, Paul Ryborz, Joachim Czernek, Ursula Wasik-Kudla, Bruno Kosak, Martin Gawor und selbst der aus dem über 120 km entfernten Kreuzburg angereiste Hubert Beier, der appellierte, "jede Wahl ist wie 1921 eine Abstimmung" stellten sich zunächst vor - letzterer in Krzanowitz übrigens als einziger ganz auf deutsch: Angesichts der jungen Zuhörer fanden in Gieraltowitz lediglich Beier und auch der vor Energie geradezu explodieren wollende Paul Ryborz nur noch zu einigen "versteckten" Worten. in der vielbeschworenen "Sprache des Herzens". Der Verlauf der Diskussion zeigte, daß nicht allen Wählern bekannt ist, daß sie mit ihrer konkreten Kandidatenwahl und nicht mit der Zustimmung zu einer "fertigen" Liste die Zusammensetzung des Parlamentes bestimmen. Die enttehende Verwirrung konnte letztlich Bruno Kosak beseitigen, als er an der Tafel Rechenbeispiele des möglichen Abstimmungsverhaltens gab und damit bewies, das alle Stimmen für deutsche Kandidaten zwar der ganzen Liste zugute kommen, dies jedoch Spitzenkandidaten deswegen noch lange keine Freifahrtsscheine ausstelle. Ein Zuhörer hatte sich nämlich mit Blick auf den anwesenden Abgeordneten Pazdzior erregt gezeigt:"Sie wollen doch nur wieder an die fetten Futtertröge". Pazdzior ließ sich jedoch nicht provozieren und wies gelassen darauf hin, daß im Bundestag manche Abgeordnete schon seit 40 Jahren vertreten seien. Eines ist jedoch gewiß - zumindest nach der Wahl sollte der Ausschluß von Ämterhäufungen innerhalb der Minderheit auf der , Prioritätenliste ganz oben stehen. Ansonsten droht weiterer Verdruß.
Till Scholtz-Knohloch