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"Wir und Sie"
Deutsche und Polen brauchen
einander
Der heimatpolitische Einsatz der
organisierten Deutschen in Oberschlesien gilt in diesen Tagen
den Vorbereitungen auf die kommenden Sejmwahlen Mitte September.
Der freiheitliche Wandel seit 1989 hat es möglich gemacht,
daß die Deutschen auf allen politischen Ebenen von der Gemeinde
bis hin zum Sejm durch eigene Landsleute repräsentiert werden.
Heinrich Kroll, der inzwischen bereits seit über zehn Jahren
dem Sejm angehört, hat es durch eine kluge und abgewogene
politische Vorgehensweise verstanden, auch unter polnischen Politikern
und der polnischen Bevölkerung Respekt und Anerkennung zu
gewinnen.
Dennoch hat diese politische Mitwirkung der Oberschlesier bislang
keinen durchschlagenden Erfolg hinsichtlich der Selbstbehauptung
der Deutschen in Oberschlesien, der nachhaltigen Stärkung
der deutschen Wurzeln und der Rückkehr der deutschen Muttersprache
bewirken können. Im Gegenteil können Anfangserfolge,
wie das zähe Ringen um deutschen Unterricht an den Schulen,
deutsche Seelsorge, die Gründung deutscher Volkstanzgruppen
und Chöre nicht darüber hinwegtäuschen, daß
mit dem Abtreten der älteren Generation auch die deutsche
Sprache einen entscheidenden Rückschlag erleiden könnte.
Ohne die deutsche Sprache aber wird auf Dauer keine deutsche Kultur
und Volksgruppe in Oberschlesien existieren können.
Probleme in den eigenen Reihen
Zwölf Jahre nach dem legendären Aufbruch der Deutschen
in Oberschlesien bedroht mehr denn je wucherndes Unkraut das in
Freiheit gewachsene deutsche Pflänzlein, bevor es zum Erblühen
gekommen ist. Dieses Unkraut findet seine Nahrung vor allem in
zwei Quellen, die, beide in der Jahrzehnte währenden Unterdrückung
der Deutschen in Oberschlesien ihren Ursprung haben. Zum einen
handelt es sich dabei um die große Schwierigkeit der Deutschen
in Oberschlesien, eine politisch handlungsfähige Elite herauszubilden.
Das Kernproblem liegt darin, daß die vor allem in der Woiwodschaft
Oppeln zahlenmäßig starken pnd mit politischer Machtfülle
ausgestatteten Deutschen erhebliche Probleme haben, die errungenen
politischen Ämter auch mit. qualifizierten Persönlichkeiten
zu besetzen. Erfreulich und erfolgreich ist dabei die Arbeit der
deutschen Landräte und vieler deutscher Bürgermeister.
Erhebliche Schwachstellen sind jedoch beim Agieren der höheren
Verbandsstrukturen der Deutschen Freundschaftskreise wie auch
der deutschen Fraktion im" Oppelner Sejmik zu erkennen. Vor
allem viele Aktiven in deutschen Kultur? und Jugendarbeit, die
Orchester, Chöre und Volkstanzgruppen vermissen dringend
notwendige Anerkennung und Unterstützung ihres für die
Stärkung der deutschen Wurzeln in der Heimat so wichtigen
Einsatzes. Besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang eine zu
beobachten die Resignation vieler Oberschlesier, die aus, Enttäuschung
über das Versagen mancher Verbandsstrukturen gerade in der
Jugend? uni Kulturarbeit resigniert und sich von den deutschen
Organisationen losgesagt haben. Das Fehlverhalten mancher Vorstandsmitglieder
und gewählter Vertreter der Deutschen, die sich wie zu kommunistischen
Zeiten in bequemen Sesseln räkeln, ohne im politischen Alltag
spürbar deutsche Interessen zu vertreten, hat dem Ansehen
des Verbandes der deutschen Minderheit bei zahlreichen Mitgliedern
und Landsleuten sehr geschadet. Die bevorstehenden Sejmwahlen
stellen eine Chance dar, entsprechende Fehlentwicklungen zu korrigieren
und der seit geraumer Zeit zu beobachtenden Selbstlähmung
der deutschen Verbandsstrukturen ein Ende zu setzen. Denn anders
als zu kommunistischen Zeiten sind Wahlen heute keine Farce mehr,
sondern sie bedeuten die Chance, durch eine hohe Wahlbeteiligung
und die Wahl guter Kandidaten die Selbstbestimmung der Oberschlesier
nachhaltig zu stärken. Die jetzt heftig umworbenen deutschen
Wähler in Oberschlesien dürfen daher nicht aus Desinteresse
oder Frustration ihre Wahlpflicht vernachlässigen, sondern
aus Verantwortung für die Heimat sind sie aufgerufen, sich
die deutschen Kandidaten genau anzusehen, um die Geschicke des
Landes nur den am besten geeigneten Persönlichkeiten in die
Hand zu geben.
Anwältin oder Herrin der Deutschen
Bedenklichen Gegenwind erfahren die Deutschen nach wie vor aus
der polnischen Umgebung. Im menschlichen und beruflichen Alltag,
in der wirtschaftliche Kooperation oder auf kommunaler Ebene kann
man eigentlich nur von reibungslosen gutnachbarschaftlichen und
oft genug sogar freundschaftlichen Kontakten sprechen. Im politischen
Bereich jedoch ist eine gewisse Lieblosigkeit bis hin zur Ablehnung
gegenüber den Deutschen zu spüren. Symbolfigur für
diese nach wie vor eher eindämmende als fördernde offizielle
polnische Politik ist die Minderheitenbeauftragte der Woiwodschaft
Oppeln, Danuta Berlinska, die den Deutschen eher als Herrin denn
als deren Anwältin gegenübertritt. Als in der Diskussion
um die deutsche Rundfunksendung Hubert Beier darauf hinwies, daß
die deutsche Volksgruppe ausreichend fähige Journalisten
besitze, um aus eigener Kraft ohne polnische Beteiligung deren
Redaktion wahrzunehmen, wie es übrigens für die Sorben
in der Oberlausitz, die Polen in Litauen oder die Deutschen in
Südtirol selbstverständlich wäre, agitierte ausgerechnet
die Minderheitenbeauftragte Danuta Berlinska heftig gegen den
deutschen Politiker. Unter der Überschrift "Wir und
Sie" warf sie Beier polemisch vor, einen Keil zwischen Deutsche
und Polen in Oberschlesien treiben zu wollen. Dieser völlig
ungerechtfertigte, bedenkliche und fahrlässige Vorwurf vermag
dem insgesamt guten deutsch?polnischen Verhältnis in Oberschlesien
kaum Schaden zuzufügen. Bedenklich ist jedoch, daß
es Danuta Berlinska wie auch der der deutschen Minderheit kaum
wohlwollend gegenüberstehenden Dorata Simonides gelingt,
mit solchen Vorwürfen nach dem Motto "teile und herrsche"
Spannungen in der Minderheit zu tragen. Wenn zum Beispiel der
von deutscher Seite nominierte Oppelner Vizemarschall Ryszarä
Galla solche Extremismus?Verdächtigungen in: der oberschlesischen
Presse global bestätigt, ohne konkrete einzudämmende
Vorkommnisse beim Namen zu nennen, fügt er der deutschen
Volksgruppe erheblichen Schaden zu. Solange auch Ryszard Galla
keine konkreten Angaben; macht oder machen kann, muß ganz
klar festgestellt werden: Es gibt keinen radikalen Oberschlesier,
der gegen seine polnischen Nachbarn agitiert und er kann auch
nicht durch unverantwortliche Äußerungen herbeigeredet
werden. Frau Berlinska aber könnte am Beispiel Südtirols,
eine der zur Zeit prosperierendsten Regionen Europas lernen, zu
welcher wirtschaftlichen Blüte es führen kann, wenn
zwei selbstbewußte Volksgruppen, in diesem Falle Deutsche
und Italiener harmonisch kooperieren.
Moralische und realpolitische Gründe
Wer die nach Stärkung ihrer deutschen Wur; zeln strebenden
Oberschlesier genau deswegeß mit globalen Radikalismusvorwürfen
über= zieht, beraubt die von großen wirtschaftlichen,
Problemen heimgesuchte Region ihrer viel?' leicht wichtigsten
Zukunftsoption, denn nut "Wir und sie" werden Oberschlesien
in eine gemeinsamen Anstrengung voranbringen können. Auch
polnische Stellen müssen daher eine Interesse daran haben,
daß die Deutschen sich in Oberschlesien gleichberechtigt
zuhause fühlen, was auch viele Aussiedler ermutigen könnte,
als qualifizierte Arbeitskräfte oder dringend benötigte
Investoren in die Region zurückzukehren.
Diese Option untergräbt Danuta Berlinska auch, wenn sie zum
Beispiel in öffentlichen Stellungnahmen die starke deutschen
Zivilisation in Oberschlesien vor und nach 1945 ebenso relativiert
wie die Folgen Jahrzehnte währender nationaler Unterdrückung.
Als Minderheitenbeauftragte stößt sie daher bei den
Deutschen auf erhebliche Ablehnung. Entsprechend den Gepflogenheiten
in anderen Politikbereichen täten daher die Verantwortlichen
in der polnischen Politik gut daran, diese Aufgabe in die Hände
einer Persönlichkeit aus der Reihe der Betroffenen selbst
zu legen. Mit Prof. Gerhard Bartadziej, Bruno Kosak oder Frau
Johanna Rostropowicz und anderen verfügt die Minderheit über
genug Persönlichkeiten, die für die Wahrnehmung eines
solchen Amtes infrage kämen. Darübei'hinaus sollten
auch in der Woiwodschaft "Schlesien" (Kattowitz) von
staatlichen und kirchlichen Stellen entsprechende Woiwodschaftsbeauftragte
eingesetzt werden.
Das russische Parlament wird sich Ende diesen Monats in einer
Entschließung bei den Rußlanddeutschen für das
in den vergangenen Jahrzehnten diesen Landsleuten zugefügte
Unrecht entschuldigen. Auch die politischen Repräsentanten
der polnischen Nachbarn in Oberschlesien täten gut daran,
den Umgang mit den Deutschen in Oberschlesien aus moralischen
und realpolitischen Gründen zu überdenken. Im heutigen
Europa sind Deutsche und Polen aufgerufen, nach vorne zu blicken.
In Oberschlesien aber auch mit Blick auf die den gesamten ostmittel?
und osteuropäischen Raum stehen unsere beiden Völker
vor schicksalshaften Herausforderungen, die sie nur gemeinsam
lösen können. Deutsche und Polen, "Wir und sie"
brauchen einander ? im heutigen Europa und im heutigen Oberschlesien
- als ebenbürtige Nachbarn.
WaldemarKampa
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