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Die Pfiffe von Nürnberg
von Alfred Theisen

Manch einer wunderte sich, daß ein Jahr vor der Bundestagswahl ausgerechnet Bundesinnenminister Schily eingeladen wurde, die Hauptrede beim Schlesiertreffen in Nürnberg zu halten. Hat nicht diese rot‑grüne Bundesregierung bislang die Fördermittel für die Nieder‑ und Oberschlesier in den Bereichen der Kultur, Verständigungs‑ und Volksgruppenarbeit rigoros gekürzt und allen zentralen heimatpolitischen Anliegen, von der Regelung offener Vermögensfragen, über die Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter bis hin zur Forderung nach Abschaffung der Vertreibungsdekrete eine klare Absage erteilt? Eine Folge dieser Kürzungen ist, daß die Deutschen aus der schlesischen Heimat anders als in früheren Jahren kaum noch in Nürnberg präsent sind, weil entsprechende Begegnungsfahrten nur noch minimal gefördert werden. Was sollte eine Rede Schilys in Nürnberg bewirken? Muß es immer ein prominenter Bundespolitiker sein, der auf solchen Großkundgebungen spricht. Hätte man hier Heinrich Kroll oder Hubert Beier zu Wort kommen lassen, wäre dies angesichts der bevorstehenden Wahlen eine sinnvolle und wirksame Unterstützung der deutschen Kandidaten in Oberschlesien gewesen.

So lieferten die Buh‑Rufe für Schily zahlreichen Medien, die in den vergangenen Jahren die Schlesiertreffen totgeschwiegen hatten, den willkommenen Anlaß, wieder alte Revanchismusparolen auszugraben. Die Pfiffe für Schily dokumentierten jedoch keine Nähe der Schlesier zum Rechtsextremismus. Auch Rudi Pawelka geißelte in seiner Ansprache den Nazi‑Terror, ohne daß dies Unmut unter den 6000 Kundgebunsgteilnehmern auslöste. Was die Menschen erregte, waren erstens die von Schily übertragenen scheinheiligen Grüße von Kanzler Gerhart Schröder, der die Schlesier zu Beginn der neunziger Jahre als damaliger Ministerpräsident aus dem Patenland Niedersachsen und dessen Hauptstadt Hannover verbannte. Noch im vergangenen Jahr ärgerte Schröder die Schlesier, als seine Mitarbeiter bei einem Görlitzaufenthalt des Kanzlers das Hissen der Schlesierfahne unterbanden, obwohl die Verfassung des Freistaates Sachsen dem heute zu diesem Bundesland gehörenden deutschen Landesteil Niederschlesiens ausdrücklich das Recht dazu einräumt.

Zweitens handelte es sich bei den Ausführungen Schilys zum Nationalsozialismus nicht nur um eine unanfechtbare Tatsachenbehauptung. In Nürnberg reagierte man sensibel auf die Instrumentalisierung dieser ausdrücklich zu Beginn der Rede gemachten Ausführungen, die nach dem Motto "Alles hat mit 1933 angefangen", den Zuhörern letzten Endes gar weismachen wollen, daß die Deutschen an der Vertreibung selber schuld seien. Nur Extremisten wollen den Nationalsozialismus verharmlosen, aber auch das an den Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkrieges begangene Unrecht, der blindwütige mörderische Bombenterror von Engländern und Amerikanern auf west‑ und mitteldeutsche Großstädte und die gezielt inszenierte Massenvertreibung der Deutschen aus dem Osten dürfen nicht verharmlost werden. Die Misshandlung, Ermordung, Vertreibung und Deportation von Millionen Deutschen können als ebenfalls einzigartige Verbrechen der Menschheitsgeschichte nicht mit Hitlers Schandtaten aufgerechnet oder entschuldigt werden. Vielen Nieder‑ und Oberschlesiern, aber auch Pommern, Ostpreußen, Sudetendeutschen und anderen Angehörigen vertriebener deutscher Volksstämme, denen durch grausame Verbrechen zum Ende des Zweiten Weltkrieges und den Heimatverlust lebenslange seelische Wunden zugefügt wurden, reagieren sensibel, zornig und verbittert auf diese von manchen Politikern betriebene Instrumentalisierung nationalsozialistischen Unrechts. Die vertriebenen Deutschen sind keine Täter sondern Opfer, sie sind keine Nationalisten, Extremisten oder Revanchisten sondern sie haben größtes Unrecht durch zügellosen Nationalismus, Extremismus und Revanchismus erlitten. Dies sollten Politiker beherzigen, wenn sie vor vertriebenen Deutschen vergangenheitsbezogene Reden halten.