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01 Manch einer wunderte sich,
daß ein Jahr vor der Bundestagswahl ausgerechnet Bundesinnenminister
Schily eingeladen wurde, die Hauptrede beim Schlesiertreffen in
Nürnberg zu halten. Hat nicht diese rot‑grüne Bundesregierung
bislang die Fördermittel für die Nieder‑ und Oberschlesier
in den Bereichen der Kultur, Verständigungs‑ und Volksgruppenarbeit
rigoros gekürzt und allen zentralen heimatpolitischen Anliegen,
von der Regelung offener Vermögensfragen, über die Entschädigung
deutscher Zwangsarbeiter bis hin zur Forderung nach Abschaffung
der Vertreibungsdekrete eine klare Absage erteilt? Eine Folge
dieser Kürzungen ist, daß die Deutschen aus der schlesischen Heimat
anders als in früheren Jahren kaum noch in Nürnberg präsent sind,
weil entsprechende Begegnungsfahrten nur noch minimal gefördert
werden. Was sollte eine Rede Schilys in Nürnberg bewirken? Muß
es immer ein prominenter Bundespolitiker sein, der auf solchen
Großkundgebungen spricht. Hätte man hier Heinrich Kroll oder Hubert
Beier zu Wort kommen lassen, wäre dies angesichts der bevorstehenden
Wahlen eine sinnvolle und wirksame Unterstützung der deutschen
Kandidaten in Oberschlesien gewesen. So lieferten die Buh‑Rufe für Schily
zahlreichen Medien, die in den vergangenen Jahren die Schlesiertreffen
totgeschwiegen hatten, den willkommenen Anlaß, wieder alte Revanchismusparolen
auszugraben. Die Pfiffe für Schily dokumentierten jedoch keine
Nähe der Schlesier zum Rechtsextremismus. Auch Rudi Pawelka geißelte
in seiner Ansprache den Nazi‑Terror, ohne daß dies Unmut
unter den 6000 Kundgebunsgteilnehmern auslöste. Was die Menschen
erregte, waren erstens die von Schily übertragenen scheinheiligen
Grüße von Kanzler Gerhart Schröder, der die Schlesier zu Beginn
der neunziger Jahre als damaliger Ministerpräsident aus dem Patenland
Niedersachsen und dessen Hauptstadt Hannover verbannte. Noch im
vergangenen Jahr ärgerte Schröder die Schlesier, als seine Mitarbeiter
bei einem Görlitzaufenthalt des Kanzlers das Hissen der Schlesierfahne
unterbanden, obwohl die Verfassung des Freistaates Sachsen dem
heute zu diesem Bundesland gehörenden deutschen Landesteil Niederschlesiens
ausdrücklich das Recht dazu einräumt. Zweitens handelte es sich bei den Ausführungen
Schilys zum Nationalsozialismus nicht nur um eine unanfechtbare
Tatsachenbehauptung. In Nürnberg reagierte man sensibel auf die
Instrumentalisierung dieser ausdrücklich zu Beginn der Rede gemachten
Ausführungen, die nach dem Motto "Alles hat mit 1933 angefangen",
den Zuhörern letzten Endes gar weismachen wollen, daß die Deutschen
an der Vertreibung selber schuld seien. Nur Extremisten wollen
den Nationalsozialismus verharmlosen, aber auch das an den Deutschen
zum Ende des Zweiten Weltkrieges begangene Unrecht, der blindwütige
mörderische Bombenterror von Engländern und Amerikanern auf west‑
und mitteldeutsche Großstädte und die gezielt inszenierte Massenvertreibung
der Deutschen aus dem Osten dürfen nicht verharmlost werden. Die
Misshandlung, Ermordung, Vertreibung und Deportation von Millionen
Deutschen können als ebenfalls einzigartige Verbrechen der Menschheitsgeschichte
nicht mit Hitlers Schandtaten aufgerechnet oder entschuldigt werden.
Vielen Nieder‑ und Oberschlesiern, aber auch Pommern, Ostpreußen,
Sudetendeutschen und anderen Angehörigen vertriebener deutscher
Volksstämme, denen durch grausame Verbrechen zum Ende des Zweiten
Weltkrieges und den Heimatverlust lebenslange seelische Wunden
zugefügt wurden, reagieren sensibel, zornig und verbittert auf
diese von manchen Politikern betriebene Instrumentalisierung nationalsozialistischen
Unrechts. Die vertriebenen Deutschen sind keine Täter sondern
Opfer, sie sind keine Nationalisten, Extremisten oder Revanchisten
sondern sie haben größtes Unrecht durch zügellosen Nationalismus,
Extremismus und Revanchismus erlitten. Dies sollten Politiker
beherzigen, wenn sie vor vertriebenen Deutschen vergangenheitsbezogene
Reden halten. |