Auf dem Opfertisch der Staatsraison von
Till Scholtz-Knobloch


Die Einweihung des Friedhofes für die Nachkriegsopfer des Lagers Lamsdorf abgesagt

Es klingt fast so, als sollte man aus deutscher Sicht dankbar sein, daß quasi im letzten Moment eine seit Jahren eingeforderte Würdigung der Nachkriegsopfer des Lagers Lamsdorf durch einen Friedhof aufgrund von vermeintlichen Mängeln gestoppt wurde. So jedenfalls sind Einwände zu verstehen, die doch eigentlich ureigenste Anliegen der Angehörigen der Opfer und der deutschen Minderheit aufgreifen. Hier die Feststellung, man könne den Opfern aufgrund falscher Namensschreibweise Unrecht tun, dort der Hinweis, mit der Ausweisung als Friedhof anstatt lediglich als symbolischer Friedhof erfahre die Aussagekraft eine Aufwertung.
Beides für sich könnte vorbehaltlos unterstrichen werden. Wieso jedoch gewannen nach langjährigen, mühsamen Konsultationen mit schmerzlichen Kompromissen altbekannte, mittlerweile geklärt geglaubte Problemfelder derartige Sprengkraft- Es liegt der Verdacht nahe, daß unter dem Deckmantel scheinbar logischer Argumente ganz andere politische Erwägungen die Oberhand übernommen haben. Noch in diesem Jahr steht die Wahl eines neuen Sejms an, und natürlich ringt man dabei auch um die Gunst der in Polen traditionell .starken Kreise nationalistisch gesinnter Wähler, denen mit dem offiziellen Eingeständnis polnischer Verantwortlichkeit für jüdische Opfer von Jedwabne 1941 bereits scheinbar zu viel zugemutet worden ist. In diesem Kontext sollte auch daran erinnert werden, daß bei den Feierlichkeiten am SG Annaberg zum Konstitutionstag, dem 3. Mai, an dem zugleich den dortigen Ereignissen vor 80 Jahren gedacht wurde, ein eisiger Wind längst vergangen geglaubter national- kommunistischer Zeiten wehte. Selbst die nicht selten ins nationale Horn blasende "Nowa Trybuna Opolska" hatte am 4. Mai satirisch mit dem Titel "Krawalle aus Liebe" aufgemacht, hatten-: doch ultranationale Skinheads kaum minder nationalistische Redner angegriffen, um.: ihre Vormacht in Sachen Geschichtsinterpretation gewaltsam durchzusetzen... Geister, die man selber rief eben! Ein weiterer Aspekt könnte in den Grabenkämpfen zwischen Woiwodschafts- und Marschallamt begründet liegen. Seit der 1999 in Kraft getretenen Verwaltungsreform sind immer wieder gegenseitige Seitenhiebe beider Amtsinhaber zu beobachten, die der Demonstration eigener Vormacht im neuen Staatsaufbau dienen sollen. Nicht unbedingt einfach dürfte vor diesem Hintergrund der Umstand zu beurteilen sein, daß das an der Vorbereitung des Lamsdorfprojektes beteiligte Museum der Kriegsgefangenen dem Marschallamt untersteht. Am Ende ist zu konstatieren, daß ein langer Kampf um eine gute Sache letztlich unerwartet verloren ging, da anderenorts ein "Bauernopfer"politisch vertretbar erschien. Ein Jammer nicht nur für die, die voller Elan in wenigen Tagen das schlimmste noch abzuwenden versuchten. So konnte ein erzwungen hastiger Versuch, der Frage nachzugehen, ob tatsächlich Kriegsverbrecher mit aufgeführt wurden, lediglich vage Vermutungen ergeben. Selbst wenn daneben - angesichts bekannter Befindlichkeiten ungeschickt - die erst nach 1933 eingeführten Ortsnamen auf den Gedenktafeln aufgeführt wurden, so bleiben doch tatsächliche Motive nebulös. Zynische Begründungsversuche der Absage sind daher der eigentliche politische Skandal.