Arbeit
im Ausland kann Familie und Glauben schaden Die Veränderungen in unserer Wirtschaft,
die in den letzten 10 Jahren zustande kamen, führten dazu,
daß die Zahl der Arbeitsuchenden gewaltig zugenommen hat.
Die Arbeitslosenquote stieg sehr schnell an. Die Menschen sind
deshalb gezwungen, Arbeit in ganz Europa zu suchen, oft sehr weit
von ihrem Wohnort entfernt. Diese Erscheinung der sogenannten
Erwerbsemigration ist seit Jahrhunderten bekannt. Früher
sind aber nur alleinstehende Menschen oder ganze Familien ausgewandert,
um ein neues, besseres Leben zu beginnen. Im Oppelner Schlesien
beobachtet man in den letzten Jahren eine neue Erscheinung - die
Ehemänner, und seit kurzen auch Frauen, fahren ins Ausland
um zu arbeiten. Glück außerhalb der Heimat- Zuerst will
ich meine Anerkennung für alle jene aussprechen, die solch
ein großes Opfer für ihre Familien aufbringen. Schwere
Arbeit in einem fremden Land - oft fehlen entsprechende Fremdsprachenkenntnisse.
Dazu kommen noch schlechte Unterkunftsbedingungen und das Leben
fern der Familie - dies ist das, was man auf sich nehmen muß.
Im Ausland arbeitet man in der Regel 10-12 Stunden pro Tag, oft
auch am Sonntag. Die Arbeiter sind zu mehreren Personen in einem
Zimmer untergebracht. Sie verbringen die Abende, vor allem am
Sonnabend und Sonntag, oft einsam. Dies wirkt sich auf die Gesundheit
aus und schwächt den Zusammenhalt der Familien oder lockert
Beziehungen zu Freunden. Geographische Ferne wird zur emotionellen Ferne Ehepartner, die ein Leben fern voneinander führen, sind sich nicht bewußt, wie vielen Fallen und Gefahren sie ausgesetzt sind. Zu viel Arbeit und zu viele Sorgen, verbunden mit dem Streben beider Ehepartner nach einer gemeinsamen Zukunft, können dazu führen, daß die Partner sich gegenseitig als weniger attraktiv empfinden. Man kann sich das Miteinandersein abgewöhnen, wenn man zu viele Verpflichtungen hat. Es kann vorkommen, daß man es anfangs gar nicht merkt - wenn der Ehepartner für immer nach Hause zurückkehrt, kann es jedoch zu schmerzlichen Erfahrungen führen. Familien, in denen der Ehemann im Ausland arbeitet, werden oft schon als Familien wahrgenommen, die scheinbar geschieden leben. In oberschlesischen Dörfern waren Scheidungen vor nicht allzu langer Zeit noch etwas Undenkbares. Heutzutage gehören sie zum Alltag und kommen immer häufiger vor. Es steht zu vermuten, daß dieser Zustand der Erwerbsemigrationen zuzuschreiben ist. In einer Oppelner Zeitung las ich die Aussage einer Frau, die von ihrem Ehemann, der im Ausland arbeitete, verlassen wurde, "Wenn ich gewußt hätte, welchen Preis ich für das schöne Haus, für das mein Mann vier Jahre lang in Deutschland gearbeitet hat, zahlen muß, wäre ich mit seiner Ausreise nie einverstanden gewesen. Es wäre besser, wenn wir weiter im Haus unserer Eltern gelebt hätten und mein Mann weiterhin arbeitslos wäre. Jetzt sind wir geschieden. Mein Mann lebt jetzt im Westen mit der Frau zusammen, bei der er während seiner Arbeitszeit zur Miete wohnte". Man könnte noch weitere, ähnliche Beispiele nennen. Ein hoher Preis für vermeintliche Vorteile Ich will noch einmal ausdrücklich betonen, daß die Mehrheit der im Ausland Arbeitenden diesen Weg aus existenziellen Nöten beschreitet. Hier vor Ort können sie keine Arbeit finden. Daraus folgt, daß sie nicht im Stande sind, für den Unterhalt ihrer Familien zu sorgen. Manche jedoch fahren in der Hoffnung ins Ausland, ihre Lebensqualität zu verbessern. Sie fahren gen Westen, obwohl sie auch hierzulande Arbeit haben. Daneben gibt es auch solche, die im Ausland arbeiten, um ihren ohnehin bereits hohen Lebensstandart zu verbessern. Solche i Motive sind eine Art von Habgier oder sogar 1 Flucht vor Verpflichtungen und der Verantwortung für die Familie. All jene, die im Ausland arbeiten, sollten sich, unter Berücksichtigung der eben genannten Umstände, die Frage stellen, ob das, was der Familie dienen sollte, nicht anfängt ihr zu schaden- Vielleicht ist der Gewinn für die Familie kleiner als der Schaden- Ob es sich lohnt, Ehe und eine gedeihliche Kindeserziehung weiterhin aufs Spiel zu setzten- Für den Familienzusammenhalt kann es dann besonders gefährlich werden, wenn man eine feste Arbeitsstelle hat und die Besuche zu Hause immer seltener werden - und dies besonders dann, wenn junge Ehepartner, aus diesen Gründen längere Zeit getrennt leben müssen oder dann, wenn zu Hause aufwachsende Kinder zurückbleiben, die doch der Fürsorge beider Eltern bedürfen. Eine Mutter kann nur selten allein ihre Tochter oder ihren Sohn gut auf das Leben vorbereiten. Der Vater fehlt mitsamt seiner Autorität und seiner alltägliche Fürsorge. Wenn der Vater nur zu Besuch kommt, dann verbringt er oft mehr Zeit damit, die Kinder zu verwöhnen, als sie zu erziehen. Das alles kommt den Heranwachsenden nicht zugute. Zu kritisieren ist auch die materialistische Einstellung unserer Jugend, die es häufig bei einer Berufsausbildung belässt, nur um schneller im Westen arbeiten zu können. In der Heimat investieren Man muß deutlich sagen, daß solch eine Einstellung, keine gute Zukunftsaussichten bietet - der kurzzeitige Nutzen wiegt den Preis, der lebenslang zu zahlen ist, nicht auf. Liebe Jugend, bei dieser Gelegenheit flehe ich Euch an: Setzt eure Ausbildung fort, studiert nach dem Abitur weiter an unseren Hochschulen - es ist eine hervorragende Investition in Eure Zukunft! Ich ermutige alle die, die schön länger im Ausland arbeiten, denkt darüber nach, ob es für eure Familien nicht besser wäre, das im Ausland verdiente Geld zuhause, in unserer oberschlesischen Heimat in ein Unternehmen zu investieren. Dann könntet ihr mit euren Familien für immer hier bleiben. Alle diese Menschen sollten sich die Frage stellen, wie lange noch ist es erträglich, fern der Familie zu bleiben- Die gleiche
Frage betrifft auch das religiöse Leben der im Ausland Arbeitenden.
Eine lange Erwerbstätigkeit im Ausland lockert nicht nur
die Familienbande, sondern auch den Zugang zu Gott. Die Erwerbsemigranten
nehmen sehr oft an der Sonntagsmesse Bildung ist das A und O Ich ermutige zudem alle, ob jung oder alt, lernt fremde Sprachen. Im Zusammenhang mit der Auslandsarbeit sehen wir, wie wichtig heutzutage Fremdsprachenkenntnisse sind, um sich arbeitsrechtlich wirkungsvoll vertreten zu können. Die Jugend bitte ich nochmals nachdrücklich, sich intensiv fortzubilden. Laßt Euch nicht von der schlesischen Mentalität tragen - einem Pragmatismus anheim zu fallen, der besagt, die Ausbildung so schnell wie möglich zu beenden, um möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Ein solches Handeln eröffnet keine guten Aussichten für die Zukunft. Das beste "Kapital", der größte Schatz, den Ihr in Euer Leben mitnehmen könnt, ist nicht das Geld, sondern das Wissen. Dieses Wissen kann man sich nur durch langjähriges Lernen aneignen. In der sich immer komplexer darstellenden Welt lohnt es sich, viel zu Wissen, um dadurch sein eigenes und der nächsten Glück zu sichern. Liebe Diözesenangehörige!
Ich hoffe, daß ihr meine Sorgen um die glückliche Zukunft
Eurer Familien teilt. Meine Sorge hat mich umtrieben, das Wort
in dieser wichtigen und heiklen Angelegenheit zu ergreifen. Meine Lieben! In diesen Tagen, da wir die Auferstehung Christi feiern, wünsche ich Euch alles gute. Möge Christus, der Sieger den Tod und der Erneuerer des Lebens, euch dabei helfen, alles Böse zu besiegen und eine neue, bessere und glücklichere Zukunft zu bauen. Gott segne Euch!' Euer Bischof |