Arbeit im Ausland kann Familie und Glauben schaden
Im folgenden dokumentieren wir den zur Zeit in Oberschlesien vieldiskutierten Hirtenbrief des Oppelner Erzbischofs Alfons Nossol

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben. Die religiöse und familiäre Atmosphäre der Osterfeiertage erfüllt uns alle mit Freude, weil jeder die Nähe dessen spürt, der über den Tod, die Hölle und den Satan siegte. Deshalb sangen wir in diesen Tagen mit Freude: "Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; / wir wollen jubeln und uns an ihm freuen" (Psalm 118, 24). Freuen wir uns über die Nähe Gottes. Freuen wir uns auch über die Nähe unserer Familienangehörigen. Zu Feiertagen kommen doch alle nach Hause, um familiär, das heißt gemeinsam, diese erfreulichen religiösen Ereignisse zu erleben. In diesem erfreulichen Zusammenhang denken wir, liebe Diözesenangehörige, an die Probleme, die auf die Arbeit im Ausland zurückzuführen sind. Diese Tatsache scheint in vielen Fällen die familiäre Idylle zu bedrohen.

Die Veränderungen in unserer Wirtschaft, die in den letzten 10 Jahren zustande kamen, führten dazu, daß die Zahl der Arbeitsuchenden gewaltig zugenommen hat. Die Arbeitslosenquote stieg sehr schnell an. Die Menschen sind deshalb gezwungen, Arbeit in ganz Europa zu suchen, oft sehr weit von ihrem Wohnort entfernt. Diese Erscheinung der sogenannten Erwerbsemigration ist seit Jahrhunderten bekannt. Früher sind aber nur alleinstehende Menschen oder ganze Familien ausgewandert, um ein neues, besseres Leben zu beginnen. Im Oppelner Schlesien beobachtet man in den letzten Jahren eine neue Erscheinung - die Ehemänner, und seit kurzen auch Frauen, fahren ins Ausland um zu arbeiten.
Es ist eine Tatsache, daß auch Mitglieder aus unserer Diözese im Ausland arbeiten. Dieses Phänomen wird sich in Kürze noch verstärken. Schon heute arbeiten fast 300.000 Menschen aus unserer Region im Ausland.

Glück außerhalb der Heimat-

Zuerst will ich meine Anerkennung für alle jene aussprechen, die solch ein großes Opfer für ihre Familien aufbringen. Schwere Arbeit in einem fremden Land - oft fehlen entsprechende Fremdsprachenkenntnisse. Dazu kommen noch schlechte Unterkunftsbedingungen und das Leben fern der Familie - dies ist das, was man auf sich nehmen muß. Im Ausland arbeitet man in der Regel 10-12 Stunden pro Tag, oft auch am Sonntag. Die Arbeiter sind zu mehreren Personen in einem Zimmer untergebracht. Sie verbringen die Abende, vor allem am Sonnabend und Sonntag, oft einsam. Dies wirkt sich auf die Gesundheit aus und schwächt den Zusammenhalt der Familien oder lockert Beziehungen zu Freunden.
Die langwierige Abwesenheit eines Ehepartners führt dazu, daß die Dinge, die eine Ehe ausmachen, also Nähe, Gefühle zeigen oder gemeinsame Gespräche führen, verloren zu gehen drohen. Dies führt unbemerkt dazu, daß die Liebe immer kühler wird oder sogar erlischt. Das nämlich, was zwei sich liebende Menschen innerhalb der Ehe verbindet, ist das Miteinandersein "in guten wie in schlechten Zeiten".
Der Treueid besagt "und daß ich Dich nicht verlasse, bis daß der Tod uns scheidet", es heißt also, daß die Ehepartner bereit sind, das weitere Leben miteinander zu führen. Es heißt doch, daß sie sich nicht nur nicht scheiden lassen, sondern auch, daß sie das Leben so planen, daß sie ohne zwingende Notwendigkeit über längere Zeit nicht getrennt bleiben und dies sogar dann, wenn eine solche Entscheidung der Familie finanzielle Vorteile verschaffen würde. Die Ehe setzt das Zusammensein voraus - ohne längere Trennung. In Massenmedien erscheinen oft moderne Theorien, nach denen eine Trennung für die Ehe gut sein sollte, diese finden aber im täglichen Leben keine Bestätigung.

Geographische Ferne wird zur emotionellen Ferne

Ehepartner, die ein Leben fern voneinander führen, sind sich nicht bewußt, wie vielen Fallen und Gefahren sie ausgesetzt sind. Zu viel Arbeit und zu viele Sorgen, verbunden mit dem Streben beider Ehepartner nach einer gemeinsamen Zukunft, können dazu führen, daß die Partner sich gegenseitig als weniger attraktiv empfinden. Man kann sich das Miteinandersein abgewöhnen, wenn man zu viele Verpflichtungen hat. Es kann vorkommen, daß man es anfangs gar nicht merkt - wenn der Ehepartner für immer nach Hause zurückkehrt, kann es jedoch zu schmerzlichen Erfahrungen führen.

Familien, in denen der Ehemann im Ausland arbeitet, werden oft schon als Familien wahrgenommen, die scheinbar geschieden leben. In oberschlesischen Dörfern waren Scheidungen vor nicht allzu langer Zeit noch etwas Undenkbares. Heutzutage gehören sie zum Alltag und kommen immer häufiger vor. Es steht zu vermuten, daß dieser Zustand der Erwerbsemigrationen zuzuschreiben ist.

In einer Oppelner Zeitung las ich die Aussage einer Frau, die von ihrem Ehemann, der im Ausland arbeitete, verlassen wurde, "Wenn ich gewußt hätte, welchen Preis ich für das schöne Haus, für das mein Mann vier Jahre lang in Deutschland gearbeitet hat, zahlen muß, wäre ich mit seiner Ausreise nie einverstanden gewesen. Es wäre besser, wenn wir weiter im Haus unserer Eltern gelebt hätten und mein Mann weiterhin arbeitslos wäre. Jetzt sind wir geschieden. Mein Mann lebt jetzt im Westen mit der Frau zusammen, bei der er während seiner Arbeitszeit zur Miete wohnte". Man könnte noch weitere, ähnliche Beispiele nennen.

Ein hoher Preis für vermeintliche Vorteile

Ich will noch einmal ausdrücklich betonen, daß die Mehrheit der im Ausland Arbeitenden diesen Weg aus existenziellen Nöten beschreitet. Hier vor Ort können sie keine Arbeit finden. Daraus folgt, daß sie nicht im Stande sind, für den Unterhalt ihrer Familien zu sorgen. Manche jedoch fahren in der Hoffnung ins Ausland, ihre Lebensqualität zu verbessern. Sie fahren gen Westen, obwohl sie auch hierzulande Arbeit haben. Daneben gibt es auch solche, die im Ausland arbeiten, um ihren ohnehin bereits hohen Lebensstandart zu verbessern. Solche i Motive sind eine Art von Habgier oder sogar 1 Flucht vor Verpflichtungen und der Verantwortung für die Familie.

All jene, die im Ausland arbeiten, sollten sich, unter Berücksichtigung der eben genannten Umstände, die Frage stellen, ob das, was der Familie dienen sollte, nicht anfängt ihr zu schaden- Vielleicht ist der Gewinn für die Familie kleiner als der Schaden- Ob es sich lohnt, Ehe und eine gedeihliche Kindeserziehung weiterhin aufs Spiel zu setzten- Für den Familienzusammenhalt kann es dann besonders gefährlich werden, wenn man eine feste Arbeitsstelle hat und die Besuche zu Hause immer seltener werden - und dies besonders dann, wenn junge Ehepartner, aus diesen Gründen längere Zeit getrennt leben müssen oder dann, wenn zu Hause aufwachsende Kinder zurückbleiben, die doch der Fürsorge beider Eltern bedürfen. Eine Mutter kann nur selten allein ihre Tochter oder ihren Sohn gut auf das Leben vorbereiten. Der Vater fehlt mitsamt seiner Autorität und seiner alltägliche Fürsorge. Wenn der Vater nur zu Besuch kommt, dann verbringt er oft mehr Zeit damit, die Kinder zu verwöhnen, als sie zu erziehen. Das alles kommt den Heranwachsenden nicht zugute. Zu kritisieren ist auch die materialistische Einstellung unserer Jugend, die es häufig bei einer Berufsausbildung belässt, nur um schneller im Westen arbeiten zu können.

In der Heimat investieren

Man muß deutlich sagen, daß solch eine Einstellung, keine gute Zukunftsaussichten bietet - der kurzzeitige Nutzen wiegt den Preis, der lebenslang zu zahlen ist, nicht auf. Liebe Jugend, bei dieser Gelegenheit flehe ich Euch an: Setzt eure Ausbildung fort, studiert nach dem Abitur weiter an unseren Hochschulen - es ist eine hervorragende Investition in Eure Zukunft!

Ich ermutige alle die, die schön länger im Ausland arbeiten, denkt darüber nach, ob es für eure Familien nicht besser wäre, das im Ausland verdiente Geld zuhause, in unserer oberschlesischen Heimat in ein Unternehmen zu investieren. Dann könntet ihr mit euren Familien für immer hier bleiben. Alle diese Menschen sollten sich die Frage stellen, wie lange noch ist es erträglich, fern der Familie zu bleiben-

Die gleiche Frage betrifft auch das religiöse Leben der im Ausland Arbeitenden. Eine lange Erwerbstätigkeit im Ausland lockert nicht nur die Familienbande, sondern auch den Zugang zu Gott. Die Erwerbsemigranten nehmen sehr oft an der Sonntagsmesse
nicht teil. Häufigste Ausrede ist, sie konnten keine polnischsprachige oder katholische Messe finden. In solchen Fällen fühlen sie sich entschuldigt, an den Sonn- und Feiertagen den Gottesdienst nicht besucht zu haben. Dabei bildet gerade das Gebet und die Sonntagsmesse, egal in welcher Sprache, eine Chance, die bedrohten Werte der Ehe und Familie zu bewahren. Ich will euch deshalb ausdrücklich ermutigen, nehmt auch dort am Gottesdienst teil. Vor dem II. Vatikanischen Konzil, also vor wenigen Jahrzehnten, nahmen wir doch alle am lateinischen Gottesdienst teil, wobei für uns auch nicht alles verständlich war. Es ist nicht wichtig, ob man die heilige Messe "versteht". Wichtig ist jedoch, daß man in der Glaubensgemeinschaft individuell die Begegnung mit Gott erlebt. Jesus sagte doch: "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Matthäus 18, 20).
Bei dieser Gelegenheit bitte ich Euch, geehrte Diözesenangehörige, bleibt standhaft gegenüber manchen im Westen gängigen Einstellungen zur Moral. Ihr begegnet dort , oft Menschen, die eure Religiosität und Moral nicht verstehen oder sogar verhöhnen. Macht Euch nichts draus. Schaut kritisch nicht nur auf ihre Worte, sondern auch auf ihren tatsächlichen Lebenswandel. Wir erkennen die Menschen doch an ihren Früchten (Vgl. Matthäus 7,20).
Bei der Gelegenheit richte ich mich nun an all die, die als Arbeitsvermittler tätig sind. Bemüht euch gerecht, bestmögliche Arbeitsbedingungen für all unsere Landsleute zu gewährleisten, ohne dabei eure eigene Position auszunutzen. Versucht auch die Frage zu klären, ob und wo unseren Diözesenangehörigen in der Fremde der Zugang zur Sonntagsmesse ermöglich werden kann.

Bildung ist das A und O

Ich ermutige zudem alle, ob jung oder alt, lernt fremde Sprachen. Im Zusammenhang mit der Auslandsarbeit sehen wir, wie wichtig heutzutage Fremdsprachenkenntnisse sind, um sich arbeitsrechtlich wirkungsvoll vertreten zu können. Die Jugend bitte ich nochmals nachdrücklich, sich intensiv fortzubilden. Laßt Euch nicht von der schlesischen Mentalität tragen - einem Pragmatismus anheim zu fallen, der besagt, die Ausbildung so schnell wie möglich zu beenden, um möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Ein solches Handeln eröffnet keine guten Aussichten für die Zukunft. Das beste "Kapital", der größte Schatz, den Ihr in Euer Leben mitnehmen könnt, ist nicht das Geld, sondern das Wissen. Dieses Wissen kann man sich nur durch langjähriges Lernen aneignen. In der sich immer komplexer darstellenden Welt lohnt es sich, viel zu Wissen, um dadurch sein eigenes und der nächsten Glück zu sichern.

Liebe Diözesenangehörige! Ich hoffe, daß ihr meine Sorgen um die glückliche Zukunft Eurer Familien teilt. Meine Sorge hat mich umtrieben, das Wort in dieser wichtigen und heiklen Angelegenheit zu ergreifen.
Wie aktuell sind doch die Worte Christi noch immer: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt-" (Matthäus 16,26).

Meine Lieben! In diesen Tagen, da wir die Auferstehung Christi feiern, wünsche ich Euch alles gute. Möge Christus, der Sieger den Tod und der Erneuerer des Lebens, euch dabei helfen, alles Böse zu besiegen und eine neue, bessere und glücklichere Zukunft zu bauen.

Gott segne Euch!'

Euer Bischof
Oppeln zu Ostern 2001