| |
Sand im Getriebe
von Alfred Theisen
Fremdherrschaft
und Diktatur konnten die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn
zum Ende des vergangenen Jahrhunderts abschütteln. Die Teilung
des Kontinents jedoch dauert an. Ein hartherziger Egoismus wohlhabender
EU-Staaten erschwert den ebenbürtigen östlichen Nachbarvölkern
den Weg in die europäische Wohlstandsgemeinschaft. Vor allem
für die Republik Polen, deren Staatsmänner immer noch
einen EU-Beitritt in zwei Jahren propagieren, verdüstern
sich in diesen Tagen die Beitrittsperspektiven.
Die von Bundeskanzler Schröder geforderten und von der EU-Kommission
beschlossenen Übergangsfristen für die Freizügigkeit
polnischer Arbeitnehmer von fünf bis sieben Jahren waren
eine erste, absehbare kalte Dusche. Es folgte der "Dialog"
der europäischen Finanzminister im schwedischen Malmö
am 21. April, der noch einmal wirtschaftspolitische Eckdaten für
einen EU-Beitritt festlegte, die den östlichen Reformstaaten
und vor allem Polen sehr zu schaffen machen werden. Auf der einen
Seite verweigert die EU den europäischen "Brüdern"
und "Schwestern" im" Osten seit 1989 einen auf
soliden ausreichen den Strukturhilfen aufbauenden "Marshall
Plan", auf der anderen Seite sollen Ungarn, Polen und Tschechen
in wenigen Jahren überwiegend aus eigener Kraft an das EU-Niveau
heranreichende, stabile Volkswirtschaften aufbauen. Die inländischen
Ersparnisse dieser Länder reichen jedoch nicht aus, den hohen
Investitionsbedarf der notwendigen Aufholjagd zu finanzieren.
Einerseits fordern Bundesfinanzminister Eichel und seine EU- .a
Kollegen riesige Investitionen im Infrastruktur-, Umwelt- und
Produktionsbereich, andererseits mahnen die gleichen EU-Minister
die östlichen Nachbarn zur Haushaltsdisziplin und zur Drosselung
der Importe.
Ende April haben die Spanier dann in unverschämter Klarheit
noch einmal in Brüssel darauf hingewiesen, daß sie
auch in Zukunft gar nicht daran denken die maßgeblich von
Deutschland aufgebrachten EU- Strukturgelder mit potentiellen
EU-Beitrittskandidaten und potentiellen deutschen Handelspartnern
im Osten zu teilen. Schon 1991 hat Spanien "sich sein Ja
zum Maastrichter Vertrag teuer mit neuen milliardenschweren Strukturfonds
bezahlen lassen. Es ist zu erwarten, daß Madrid im Verbund
mit weiteren EU- Zahlungsempfängern wie Portugal, Griechenland
und Italien in den kommenden Monaten noch allerhand Sand ins Getriebe
der EU Osterweiterung streuen wird.
Da direkte EU-Hilfen ausbleiben und eine wachsende Auslandsverschuldung
als Finanzierungsquelle des notwendigen Aufschwungs von Brüssel
nicht geduldet wird, bleibt dem armen europäischen Osten
nur der Weg zu versuchen, über Investoren das notwendige
Milliardenkapital ins Land zu holen. Doch gerade in diesem Bereich
tat sich Polen bislang schwer. Vor allem der vor einigen Wochen
i abgelöste Leiter des Schatzamtes Andrzel Chronowski betätigte
sich als Investorenschreck.
Erschwert wird die Situation durch die derzeit- V igen Gewitterwolken
am polnischen Konjunkturhimmel. Das im vergangenen Jahr noch robuste
Wirtschaftswachstum tendiert gegen 'Null, die Arbeitslosigkeit
steigt und die Regierung stabilisiert mit ihrer auswärtige
=' Geldanleger anlockenden Hochzinspolitik zwar den Zloty, was
aber den Export ebenso drosselt, wie das Verschuldungs- und damit
das Investitionspotential der einheimischen . Wirtschaft. Vor
den Wahlen im Herbst sind von der derzeitigen, über keine
solide Machtbasis mehr verfügenden polnischen Regierung,
die wohl noch einige Wahlgeschenke verteilen wird, keine unbedingt
notwendigen, tiefgreifenden Wirtschaftsreformen zu erwarten. Auch
wenn sich nach den Wahlen, die nach 1 derzeitigen Umfragen wahrscheinlich
von den Postkommunisten gewonnen werden, manches zum Besseren
wenden sollte, wird es Jahre dauern, bis die Stabilitätskriterien
für einen EU-Beitritt erfüllt werden können. Man
darf gespannt sein, welche Beitrittsdaten beim EU- Gipfel am 15.
und 16. Juni in Göteborg diskutiert werden.
|
|