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04 Von besonderer Schönheit war der Barbara Altar in der St.-Josefs-Kirche in Hindenburg Süd. Er war aus Kohle errichtet worden und wurde während der Barbarafeier vom Licht der Grubenlampen der Bergleute angestrahlt. Hier holten sich die Bergleute neue Kraft für ihre schwere Arbeit, erflehten am Barbaratage Schutz und Segen der Heiligen vor Schlagwettern, Stolleneinbruch und Wassersnot. Doch nicht nur Berg- und Hüttenarbeiter bevölkerten die Stadt Hindenburg. Hinter ihnen standen die Techniker und Chemiker, Zeichner und Steiger, Baumeister und Ingenieure, Bergräte und Bergwerksdirektoren, Planer und Unternehmer. Sie alle sorgten unermüdlich für das Wohl und die Sicherheit der Arbeiter, für den modernen Ausbau der Gruben und Hütten. In gewaltigen Bauten hatten sie ihre Arbeitsplätze, ihre Zeichensäle und Konferenzzimmer, in Beamtensiedlungen (Halden- und Hochgesand-Straße) und Villen ihre Wohnungen. Nur zwei dieser nicht zu übersehenden Herzkammern der verborgenen Arbeit seien hier genannt: die Bergwerksdirektion der Preußag in der Kronprinzenstraße und das große Verwaltungsgebäude der Donnersmarckhütte Ecke Peter-Paul-Straße und Neue Beuthener Straße. Neben diese Bürgerschicht, die seit dem ersten preußischen Bergbauminister, Freiherrn von Heinitz, und seinem Neffen, Graf von Reden, hier Fuß gefaßt hatten, traten nun noch Ärzte und Geistlichkeit, Staatsbeamte und Lehrer, Kauf leute und Handwerker. Sie alle formten Jahrzehnt um Jahrzehnt das Bild der wachsenden Stadt. Zwei Schlagadern durchzogen Hindenburg: die Kronprinzenstraße in Nord, die Dorotheenstraße in Süd. Die Kronprinzenstraße führte in 20 km Länge von Gleiwitz über Hindenburg nach Königshütte und hatte in Hindenburg eine Länge von 9 km. Im Jahre 1819 wurde sie von dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV, eröffnet. Sie war zur Hauptgeschäftsstraße der Stadt geworden. An ihr lagen die großen und bekannten Geschäfte: Palluch, Januschowsky, Lewin, Hamburger, Markus, Peschka und der Brennpunkt Kochmann. Bereits 1894 verband die erste Dampfstraßenbahn Gleiwitz und Zabrze und sorgte für einen regen und lässigen Verkehr. Es war schon ein anstrengender Marsch, wenn man einmal zu Fuß die Strecke von Mathesdorf bis zur Königin-Luise-Grube in Zaborze abmessen wollte. Die Dorotheenstraße, die von der Bahnüberführung fast gradlinig bis zur GuidoGrube führte, zeigte mehr ein Amtsgesicht. An ihr lagen das große Knappschaftslazarett, das Landratsamt, das Amtsgericht, zwei Schulen, das städtische Säuglingsheim, eine Zweigstelle der Hauptpost und die Geschäftsstellen der Zeitungen »Zabrzer Anzeiger« und »Oberschlesischer Wanderer«. An der Kreuzung Dorotheen-Gärten-Schillerstraße verdichtete sich noch einmal das Geschäftsviertel. Dominierend aber für ganz Dorotheendorf blieb die schon genannte St.Anna-Kirche im Kranz ihrer gepflegten Anlagen, in denen sogar Palmen ihre langen Fächer ausbreiteten. Eine wichtige Querverbindung zwischen der Dorotheenstraße und der Kronprinzenstraße war die Gartenstraße. Am Ende dieser ansteigenden Straße, dort, wo sie in die Gymnasialstraße übergeht, stehen auch heute noch zwei markante Wahrzeichen dieses Stadtviertels: der hohe Wasserturm und das einst humanistische Königin-LuiseGymnasium. Der gewaltige Ziegelbau glich in seinem um die Jahrhundertwende herrschenden Baustil eher einer Kaserne als einer Schule. Nüchtern, sehr nüchtern, wenn in den Korridoren nicht die Farbenpracht der an den Haken hängenden Mützen die Nüchternheit ein wenig gemildert hätte. Zinnoberrot waren die Mützen der frisch gebackenen Sextaner, grün war die Farbe der Quintaner, und das Blau gehörte den Quartanern, die Tertia hatte ein Zitronengelb gewählt, während die Sekunda das ernste Schwarz trug, die Primaner endlich zeigten den weißen »Stürmer«, für die unteren Jahrgänge der Inbegriff aller Weisheit und ein kaum zu erreichendes Ziel. Es war für die Stadt sicher ein bedeusamer Tag, als 1900 nach eifrigem Bemühen und vielen Eingaben der Bergbeamten das Gymnasium eröffnet werden konnte.
Auch noch ein Wort über Musik und Theater. Das Konzertleben
wurde hauptsächlich von Kapellmeister Fred Humpert mit seiner
"Hindenburger Stadtkapelle" bestritten. Seit 1917 war das
Wirken des leider früh erblindeten Musikdirektors Johannes
Pionczyk, eines treuen Sohnes der Stadt Hindenburg,tonangebend.
In seinem Konservatorium wurde auch Kirchenmusik gelehrt. Er erlebte
noch die Freude, in die neuen Räume an der Neuen Dorotheenstraße
einziehen zu können. Neben diesem Konservatorium wurde 1937
die Orchesterberufsschule ins Leben gerufen. Lange Zeit mangelte
es an einer akustisch einwandfreien und geräumigen Konzerthalle,
bis die Tonhalle, die Aula der Mittelschule an der Florianstraße,
ausgestattet mit einer prächtigen Konzertorgel, hier Abhilfe
schuf. Das Theater wurde immer noch von dem Oberschlesischen Landestheater
bestritten, das im Kasinosaal der Donnersmarckhütte gastierte.
Der langjährige Wunsch der Theaterfreunde, endlich ein eigenes
Stadttheater zu besitzen, wurde durch den Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges vereitelt. |