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03 von Erich Schönfelder Fortsetzung aus Nr. 17/2001 Im Jahre 1854 faßte auch August Borsig im Hindenburger Raum Fuß. Noch kurz vor seinem Tode kaufte der "Geheime Kommerzierrat" von dem Grafen Ballestrem die Kohlenfelder Hedwigwunsch, Berthawunsch und Gute Hedwig bei Biskupitz, um seine Berliner Werke fortan mit eigener Kohle beliefern zu können. 1879 entstand dann das oberschlesische Borsigwerk in Biskupitz-Borsigwerk, zu dem sich 1874 noch die Ludwigsglück- Grube gesellte. Um die Jahrhundertwende war die KöniginLuise-Grube mit ihrem Ost- und Westfeld zu einem ergiebigen Kohlenrevier geworden. Im Ostfeld standen die Paul-Schächte, der Hermann- und der Ruda-Schacht, im Westfeld die Krug-Schächte und der Prinz-von-SchönaichSchacht. Selbst eine Glashütte (Eisner) hatte sich mitten im Ort aufgetan. 1906 rauchten schließlich zum erstenmal die Schornsteine der Delbrückschächte und glühten- die Öfen der neuen Koksanlage vor den Toren Makoschaus. So schloß sich der Kreis der himmelstrebenden Schornsteine und -der stählernen Fördertürme um den Grubenort, in dem es nie eine Arbeitspause gab. Zu all den Gruben, Hütten und Hochöfen zogen täglich Tausende von Arbeitern. Sie kamen aus ihren Siedlungen, aus den Kolonien, die umsichtige und soziale Grubenherren schon seit Jahrzehnten in der Nähe des jeweiligen Kohlenfeldes erbaut hatten. Schmucklose Ziegelbauten, von Staub und Rauch geschwärzt, so standen sie rechts und links der Koloniestraße. Wenn das fahle Frühlicht um die hohen Schornsteine und Stahlgerüste strich, pochte in diesen Straßen bereits die Arbeit an die Tür. Der Kumpel verließ sein Heim und schritt, das Butterbrot in der Rocktasche und die Kaffeekanne in der Hand, seinem Arbeitsplatz zu. Durch das Grubentor aber schob sich schon ein Menschenstrom, lösten die Ankommenden ihre Kameraden von der Nachtschicht ab. Acht Stunden Abschied vom Sonnenschein, acht Stunden harte Arbeit unter Tage, acht Stunden umlauert von Gefahren, die verborgen in der Tiefe geisterten. Wer wollte es den Bergleuten verübeln, daß sie auf dem Heimwege kurz in die Destille an der Ecke einkehrten- Auch ihre Destille war schmucklos, ohne jeden Komfort, eben nur für eine kurze Einkehr gedacht. Wohl standen Stühle und Holzbänke um rohe Tische, doch begehrter war der Platz an der Theke, um für einen Groschen einen Korn durch die trockene und rußige Kehle zu jagen. Es blieb natürlich nicht bei dem einen Glas. Bald wurden die Kumpel gesprächig, blühte der Flachs, wurden ungewollt die bekannten Antek- und Franzek Witze geboren. Beschwingt trat man schließlich den Heimweg an, spuckte den sich lösenden Kohlenstaub auf die Straße und lärmte ein wenig. Das ganze Glück des Kumpels aber war sein Garten. In ihm verbrachte er seine Freizeit, ihn liebte er ebenso wie seine Grube. Ein solcher Garten gehörte auch dem Häuer Paul Scholtissek. An diesem milden Herbsttag war er natürlich in seinem kleinen Paradies. Fast hebevoll wanderte sein Blick von dem Dach seiner Laube, das er mit neuer Dachpappe benagelte, nach der nahen Guido-Grube hinüber. Dort standen jetzt seine Kameraden vor Ort, gingen die Förderschalen in die Tiefe, verließen lange Kohlenzüge die Grube. Vor) der St.Anna Kirche läuteten die Abendglocken, und das goldene Kreuz auf der Turmspitze funkelte im Sonnenschein. Dem biederen Häuer wurde auf einmal so feierlich zumute. Ja, Arbeit und Gebet standen hier dicht nebeneinander. War es in Hindenburg-Süd die St.-Anna-Kirche, so war es in Hindenburg-Nord die St.-Andreas-Kirche und in Zaborze die St.-Franzikus Kirche, die jetzt die Gläubigen zur Abendandacht sammelten. St. Andreas ist nachweislich die älteste Pfarrgemeinde auf Hindenburger Boden. Genau dort, wo sich heute die steinerne St.-Andreas-Kirche erhebt, riefen schon vor fünfhundert Jahren die Glocken über die weiten Waldungen, die einst den Boden bedekten. Aus dem Holz dieser Wälder war auch die Kirche erbaut worden, eine Schrotholzkirche, die bald für das oberschlesische Land so typisch werden sollte. Dieses Gotteshaus fiel 1530 einer Feuersbrunst zum Opfer. Bald stand eine neue Schrotholzkirche auf diesem Platz, und von dem frei stehenden Glockenturm riefen die Glocken erneut zum Gebet. Viel, viel später, im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts, wurde die jetzige Kirche aus Stein erbaut und kann nun zum hundertjährigen Bestehen rüsten. Durch das Anwachsen der Pfarrgemeinde ergab sich zwangsläufig eine Teilung der Pfarrei. So erhielt Zaborze 1886 seine St.Franziskus Kirche, und elf Jahre später schritt man bereits zur Grundsteinlegung der St..Anna Kirche in Dorotheendorf. Sie wurde 1900 durch den damaligen Kardinal Fürstbischof Kopp geweiht. Das im romanischen Stil erbaute Gotteshaus liegt auf einer sanften Bodenwelle und beherrscht mit seinem weithin sichtbaren Turm das gesamte südliche Stadtbild. Allen alten Hindenburgern wird St. Annas erster Pfarrer, der allseits geachtete und beliebte Erzpriester Johannes Peschka in Erinnerung sein, der ein reges Kirchenleben in Dorotheendorf entfalten konnte. Bald konnten auch diese Kirchen die Gemeindekinder nicht mehr fassen. Heute besitzt Hindenburg zehn katholische Kirchen. Für die evangelische Gemeinde sind die Friedenskirche in der Nähe des Scheche Platzes und die Königin-Luise Gedächtnis Kirche in Zaborze zu nennen. Die größte Pracht zeigten die katholischen Kirchengemeinden Ende Mai oder Anfang Juni zum Fronleichnamsfest und am 4. Dezember, am Barbaratag. In feierlicher Prozession wurden am zweiten Donherstag nach Pfingsten mit Fahnen und Baldachin bei Glockengeläut die Kirchen umzogen. Die Priester, Kapläne und die den Weihrauchkessel schwingenden Ministranten im Festgewand, die Mädchen in strahlendem Weiß, die Frauen noch oft in der schmucken Volkstracht, mit dem bunten Kopftuch, darunter hervorschauend die langen, geflochtenen Zöpfe, der schillernden Schürze und dem farbenfrohen Rock. Über dem bunten Bild aber strahlte meist schon die Sommersonne, und der Gesang der Gläubigen stieg hinauf in den blauen Himmel, wie es schien, bis vor den Thron des Allmächtigen. Das wahre Volksfest der Hindenburger aber war der Ablaß, auf den sich schon wochenlang vorher die Kleinen wie die Großen freuten. Es ging zwar nicht mehr um die Löschung von Sündenstrafen, aber in Verbindung mit dem jeweiligen Kirchspiel wurde auf allen Plätzen das bunte Treiben aus dem Mittelalter wieder wach. Auf den Wochenmarktplätzen schlugen die Schausteller ihre Pfefferkuchen- und Schießbuden, ihre Karussells und die Geisterbahnen auf, die Gastwirte ihre großen Bierzelte, und die Menschen strömten in diesen Tagen zu ihrem Ablaß. Es war eine Pracht von Flitter und Tand für die Kleinen, ein harmloses Vergnügen für die Großen. Weit hallten die Drehorgeln über den Platz, flammten am Abend tausend bunte Glühlampen auf, und bis Mitternacht nahm das fröhliche Treiben kein Ende. Wenn dann der Festtrubel langsam erstarb, die bunten Lichter verlöschten, rötete sich der Nachthimmel im Widerschein der tausend Grubenlichter und flammenden Feuer der Hütten. Ein vernehmbares Pochen klang durch die nächtliche Stille, der ewige Herzschlag Hindenburgs war wieder zu hören, der die Bürger bis an die Schwelle des Schlafes trug. Wenn auf den erstarrten Fluren vor der Stadt die erste Schneedecke lag, feierten die Bergund Hüttenleute ihr Barbarafest, den Tag ihrer Schutzpatronin. An diesem Tag zogen die Bergleute ihren Staatsrock an und prägten das Straßenbild der Stadt. Wenn die Glocken von den Türmen zur Barbarafeier riefen, ruhte für die Kumpel die Arbeit. In ihrer kleidsamen Uniform nahmen die Männer ihren Weg nach dem geschmückten Zechensaal, nach den Kirchen und Kapellen. Wie stolz schritten sie in ihrem schwarzen Ehrenkleid mit den goldenen Knöpfen, den goldenen Borten um den Samtkragen und dem Lederschurz einher. Auf dem Tschako flatterten die schwarzen Federn, bei den Steigern und Fahrsteigern waren es schwarzweiße Federbüsche und an der Seite glänzte der Degen; den Tschako der Kapelle zierte gar ein roter Federbusch. (wird fortgesetzt) |