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Erinnerung an Hindenburg

von Erich Schönfelder

Herbstsonne lag über dem Grubenland und wob in seine sonst so grauen und rußigen Städte lichte Muster. Auch über die jüngste Stadt des dampfenden und pochenden Kohlenreviers, über Hindenburg, hatte die Sonne ihr Strahlennetz gebreitet. Die Menschen gingen beschwingt durch die immer belebten Straßen. Im neuen Skagerrak-Park wie im alten Park der Donnersmarckhütte verströmten die letzten Rosen ihren Duft und prangten schon die Astern. Hinter dem Birkenwäldchen der Redenhütte quollen gewaltige weiße Dampfwolken über Skalley in den blanken Herbsthimmel. Ein Bild, das ein Malerauge entzückt hätte! Ach, es stimmte gar nicht, wie man so oft in den Büchern lesen konnte, daß eine ewige Rauchwolke die Stadt bedeckte und den Himmel verdüsterte.

Auch der Schienenweg blitzte und flimmerte in der Nachmittagssonne, der sich aus dem unübersehbaren Weichengewirr des Gleiwitzer Bahnhofes endlich löste, um über Hindenburg, Ruda, Kattowitz bis nach Myslowitz an die alte Reichsgrenze zu führen. Dieser Schienenstrang nahm seit 1845 seinen Weg mitten durch die Stadt und teilte sie in HindenburgNord und Hindenburg-Süd. Während der Nordteil bevölkerter und verkehrsreicher war und sich im Laufe der Zeit zum Einkaufszentrum entwickelt hatte, war der Südteil in seiner Anlage offener und mehr mit der Natur verbunden. Hier breitete sich .an der Südgrenze der Stadt der Guido-Wald aus, der über Sosnitza bis vor die Tore von Gleiwitz reichte. Er war zu allen Zeiten für die Hindenburger die grüne Insel, die ihnen Erholung und Entspannung schenkte. Die Klammer aber, die beide Ortsteile verband, war die hochgelegene Brücke, die unmittelbar neben dem Hauptbahnhof über das Schienenfeld führte.

Über hundert Jahre steht der Bahnhof an seinem Platz und hat sich bis zur Stunde wenig verändert. Ein schlichter, kastenförmiger Ziegelbau, im Laufe eines Jahrhunderts von Rauch und Ruß geschwärzt, so bietet er sich den Reisenden dar. Nein, dieser Bahnhof war für die aufstrebende Grubenstadt keine Zierde! Nach der Abstimmung am 20. März. 1921 wurde er zum Grenzbahnhof. Für die Züge aus dem Reich war Hindenburg zur letzten deutschen Station in der zerrissenen Südostecke Deutschlands geworden.

Die kleine Verstimmung über den so enttäuschenden Bahnhof zerflattert aber schnell in der milden Herbstsonne, wenn wir unseren Blick über den Bahnhofsplatz schweifen lassen. Neben der Hauptpost steht das 1913 erbaute Cafe Metropol, von dem noch später die Rede sein wird. Eine Augenfreude aber bereiten die zwei Treppenaufgänge zur Bahnüberführung nach Hindenburg-Süd, nach Dorotheendorf. Diese Steintreppen sind in einen Grüngürtel eingelagert, der je nach der Jahreszeit mit frischen Blumen bepflanzt wird. Ein paar alte Linden, die vor der einstigen Dresdner Bank wie aus einem alten Wallgraben lugen, schließen die ganze Anlage nach der Bahnhofstraße hin ab.

Tausende von Hindenburgern steigen täglich diese Stufen von Sold nach Nord und umgekehrt. Wandern wir mit ihnen durch die Bahnhofstraße. Für einen Augenblick schauen auch wir nach den immer verlockenden Auslagen des Kolonialwarengeschäftes Czepan, doch nach wenigen Minuten erreichen wir den Peter-Paul-Platz und stehen im Zentrum der Stadt. Hier kreuzen sich die Straßenbahnlinien Gleiwitz-Königshütte und Klausberg-Hindenburg-Süd, Endstation Guido-Grube. Noch immer steht die alte Kochmann-Ecke mit dem Hotel Monopol beherrschend an der Kronprinzenstraße und schaut dem regen Treiben gelassen zu. Durch die abfallende Peter-Paul-Straße fängt unser Blick ein gewaltiges Hüttenwerk ein, das schwarze und weiße Rauchwolken in den heute so blauen Himmel schickt. Es ist die Donnersmarckhütte mit ihren Hochöfen. Solche Durchblicke sind in dieser Stadt keine Seltenheit und erinnern immer wieder daran, dasa hier die Schwerindustrie zu Hause ist. Es ist doch erregend, sich vorzustellen, daß unter all diesen Straßen und Plätzen eine zweite Stadt liegt, durchzogen von lauter Kanälen und Stollen. in denen elektrische Bahnen eilig die gebrochene Kohle zu den Schächten bringen. Es ist das Reich der Bergleute, die hier fünfhundert, siebenhundert, achthundert Meter in die Tiefe fahren.

Ja, Kohle und das immer nachfolgende Eisen bestimmen auch den Weg und die Entwicklung der beiden Ortsteile Hindenburgs. Was ist aus der Gründung von Klein-Zabrze, der Sandkolonie und der mehr ländlichen Siedlung Dorotheendorf zur friderizianischen Zeit durch den etwas eigenwilligen Grund- und Freiherrn Mathias von Wilczek (1718-1790) geworden: Am 1. April 1905 das vereinigte Zabrze, das damals größte Dorf Preußens mit rund 54 000 Einwohnern; am 21. Februar 1915 nach Genehmigung und Änderung des Ortsnamens die Großgemeinde Hindenburg, die am 1. Oktober 1922 das Stadtrecht erhielt und im Januar 1927 durch die Eingliederung der Gemeinden Zaborze, Biskupitz-Borsigwerk, Mathesdorf und des Gutsbezirkes Klausberg die volkreichste Arbeiterstadt Oberschlesiens mit rund 127 000 Einwohnern wurde und damit zugleich hinter Breslau den zweiten Platz unter den schlesischen Städten einnahm. Seit hundert Jahren rauchen über Hindenburg die Schornsteine, drehen sich die Räder auf den Fördertürmen, züngeln die Flammen der ausgestoßenen Koksmassen in den Himmel und verglüht im vorbereiteten Sandbett die rote Erzschlange beim Abstich der Hochöfen. Gar mancher Pionier des Berg- und Hüttenwesens wäre zu nennen, der sich erfolgreich beim industriellen Ausbau der Hindenburger Flur betätigt hat, jedoch will ich mich nur auf drei Namen beschränken, die für alle Zeiten mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Hindenburgs verbunden sind: Die Grafen und späteren Fürsten Henckel von Donnersmarck, der deutsche Lokomotivkönig August Borsig und der Seilermeister aus Zülz, Adolf Deichsel.

Im Jahre 1790 ging der preußische Staat an die Erschließung der Königin-Luise-Grube in Zaborze, die diesen Namen aber erst zwanzig Jahre später führte. Mit dem Arbeitsbeginn auf dieser Grube nahm jedenfalls die Kohlenförderung im Hindenburger Raum ihren staatlich gelenkten Anfang. Niemand ahnte damals, dass gerade sie zu einem der größten Bergwerke der Welt werden sollte.

Schon 1800 hatte der sich regende Ort hoher, Staatsbesuch. In Gegenwart des Staatsministers von Hardenberg wurde der Stollenkanl eröffnet, der in einer Tiefe von fünfzig Metern das gesamte Kohlenrevier bis nach Königshütte hin entwässerte und die Wasser in einer 14 km langen Kanal in die Klodnitz führte, die bei Cosel in die Oder mündet. Für die damalige Zeit eine technische Leistung, die in der Fachwelt Aufsehen erregte. Graf Lazarus Henckel von Donnersmarck kaufte 1848 die schon bestehende Concordia-Grube, die wegen Wassereinbruchs vorübergehend stillgelegt war, und nahm sie wieder in Betrieb. Die vorhin bereits erwähnte und erspähte Donnersmarckhütte im Ortsteil Nord wurde von Graf Guido Henckel von Donnersmarck 185o/51 mit einer Koksanstalt, Schmiede, Gießereien gegründet und durch eine Hochofenanlage 1859, erweitert. Ein Jahr später eröffnete er die Guido-Grube in Dorotheendort, zugleich wurde der Skalley-Schacht in: Betrieb genommen.

1855 öffnete die Redenhütte ihre Tore und wurde die Seilerei Adolf Deichsel am Stollenkanal ins Leben gerufen. Diese Seilerei versuchte neben der Hanfseilerei auch. die Herstellung von Drahtseilen. Bald wurde die Firma "Adolf-Deichsel-Drahtwerke und Seilfabrikation" über Zabrze und die Grenzen Schlesiens hinaus bekannt. Durch den Einsatz: seines Sohnes, des späteren Kommerzienrates Adolf Deichsel, auch seines Enkels, Erwin Deichsel, erlangten die Deichselwerke mit ihren Zweigwerken in Sosnowitz, in Mähren und in Ungarn Weltruf.

(Fortsetzung folgt)