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06 Wie
es in unserer Heimat aussah ! In der Nacht erscheint das Industriegebiet illuminiert. Über alle anderen Lichter strahlen die weißglühenden elektrischen Bogenlampen, die hier und dort jede größere Industriestätte verraten: Jener helle, goldige, weit ausgebreitete Schein in der Hütte wird vom "Abstich" am Hochofen verbreitet, wenn die flüssigen, glühenden Schlacken oder das gare, weißleuchtende Erz herausfließen. Hochtlammen.de, rote Fackeln entquellen den Schloten der Coksöfen. Da bricht plötzlich aus einem Hochofen eine haushohe, mächtige Feuergarbe gen Himmel; es ist das Gichtfeuer, die oben abgelassenen brennenden Gase des mächtigen Ofens. Dieser Vorgang wiederholt sich auch an anderen Punkten des Horizonts mehrmals während der Nacht. Aus dem durchbrochenen Dache des Bessemer?Stahlwerks stürmen unheimlich dunkle, gewaltige Qualmmassen hervor, erst bläulich, dann gräulich, dann braunrot werdend; sie fliehen jetzt, vermischt mit einem flimmernden Funkenmeer,welches zuerst nach der Höhe steigt und dann zur Erde hinabsinkt. Endlich schießt aus derselben Öffnung ein blendend weißer, unendlich langer, schnurgerader, scharf begrenzter Strahl hinauf in den dunklen Himmelsdom; der flüssig gewordene Stahl wird gegossen. Und zwischen den großen Lichtquellen ist der Raum von Tausenden kleiner glühender Punkte ausgefüllt; ganze Reihen gleich Feuerperl-Schnüren leuchtend erblickt man hier und da. Wie ein Zaubermärchen kommt uns alles vor. Dazu das Schnaufen und Rasseln, Blasen und Stampfen, Dröhnen und Hämmern; es ist, als habe ein Vulkan seine Werkstätte hier aufgeschlagen. Denken wir uns nun noch hinabschauend in die Tiefen des Edrinnern. Soweit die Kohle reicht, ist während der Nacht das Innere der Erde belebt. Gleich Tausenden leuchtender Glühwürmchen wandeln die emsigen Bergknappen, ihre "Grubenlichter" in der Hand, in oberen und unteren Gängen, steigen auf den "Fahrten" bis zu einer Tiefe , daß man den höchsten Schornstein des Industriebezirks dreifach übereinander stellen müßte, wollte man den tiefsten Arbeitsplatz erreichen. Überall wird emsig gearbeitet: da hämmern die Häuer; dort dröhnen dumpf die Sprengschüsse; hier füllen und fahren die Schlepper; dort sausen die Förderschalen an ewig langen Ketten, blitzartig von Dampfesmacht getrieben die Schächte hinab und hinauf, beladen mit den aufgespeicherten Schätzen der Urzeit, den "schwarzen Diamanten". Wahrlich, es ist ein großartiges Nachtbild ! Über ihre schwere, gefahrvolle Arbeit waren sie nicht sehr gesprächig, die Bergknappen. Dafür gab es einige Legenden und Sagen über sie und ihre Erlebnisse mit dem Berggeist. Einige Beispiele seien hier angeführt: Weil der Vater gestorben war, mußte ein Junge für den Unterhalt der Mutter und der Geschwister Untertage arbeiten. Das Geld wollte nicht reichen. Deshalb litten sie große Not. Eines Tages fragte ihn ein eleganter Herr, warum er so traurig sei. Da erzählte der Junge von seinem Leid. Der elegante Herr, es war der Berggeist, gab ihm ein Stück Wurst und eine Semmel. Am nächsten Tag versprach der Berggeist täglich etwas Geld, der Junge dürfe nur zu niemandem darüber reden, sonst müsse er mit dem Leben bezahlen. Der Junge hielt nicht Wort und erzählte in fröhlicher Runde von seinem Geheimnis. Am nächsten Morgen wurde er vor Ort von einem herabfallenden Kohlebrocken getötet. Es war vor langer Zeit während der Nachtschicht. Ein Bergmann machte seine wohlverdiente Pause, holte seine Stullen, mit Schmalz und viel Griefen beschmiert, heraus und begann zu essen, als plötzlich eine kleine Maus vor ihm auf den Hinterfüßen stehend um ein Stückchen Brot bat. Der Bergmann brach ein Stück ab, und dann noch ein Stück, und gab es der Maus. So verzehrten sie gemeinsam die Stullen. Die Maus lief fort. Nach einer Weile trat ein alter, grauhaariger Mann an den Bergmann heran und gab ihm einen schäbigen, leeren Sack. Wie staunte dieser nach der Schicht, als sich der Sack mit Gold füllte. So belohnte der Berggeist die Herzlichkeit gegenüber Tieren. Daß Untertage gepfiffen wurde, hatte der Berggeist überhaupt nicht gern. Den Ermahnungen seiner Kumpel, das Pfeifen beim Wagenstoßen zu unterlassen, folgte ein junger Knappe so lange nicht, bis er eines Tages von unbekannter Hand eine kräftige Ohrfeige bekam, die ihn zu Boden warf. Tagelang war die Wange geschwollen. Die fünf Fingerabdrücke konnte man noch lange sehen. Nicht schlecht staunte ein Bergbaupraktikant als er vom Steiger zum Lohnbüro geschickt, statt für eine verfahrene Schicht, den Lohn für vier Wochen bekam. Und das stimmte, denn so lange hatte ihn der Berggeist, in Gestalt eines Steigers, Untertage durch das Bergwerk geführt. Dank der erworbenen Kenntnisse soll der Praktikant später Direktor der Grube geworden sein. Aber auch in Liedern wurde der Bergmann und sein
Los besungen. So im "Tarnowitzer Glöcklein", zu
lesen ebenfalls in: "Bunte Bilder aus dem Schlesierlande".
Leider wird der Dichter der Zeilen nicht genannt: Schon wieder tönt vom Schachte her Leicht fahren wir mit heitrem Sinn Und sollte jetzt im dunklen Schacht Sie sangen gern und viel in den Bergarbeiterkolonien, lustige und traurige Lieder. Im Sommer saßen sie in Gruppen vor dem Haus oder im Hof hinter dem Haus. Wenn Ende Oktober, Anfang November die ersten Fröste den Winter ankündigten, trafen sie sich in der großen Wohnküche beim Scheine der Petroliumlampe oder bei Kerzenlicht; damals, vor 100 Jahren. Elektrischer Strom strömte erstmalig aus dem Elektrizitätswerk neben der "Königin Luise Grube" in unserer Heimatstadt im Dezember 1897. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis alle Haushalte mit "elektrischem Licht" versorgt waren. Sie sangen und erzählten bis in die späten Abendstunden. Als die Kinder längst schliefen, saß sie, die Mutter, immer noch in der Küche und wartete auf ihren Mann, den Bergmann. Wenn draußen die Hautür "ging" atmete sie auf. Er war gesund von der Spätschicht heim gekommen. Horst Grabinski
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