12.11.2001 - Ernsthafte Ermahnung für Polen
EU-Fortschrittsberichte. Die EU-Kommission veröffentlicht
ihren Report über den Stand der Erweiterung.
Von unserem Korrespondenten WOLFGANG BÖHM BRÜSSEL.
Polen muß erneut mit einer ernsten Warnung der EU
rechnen. Am Dienstag werden von der EU-Kommission in Straßburg die Berichte
zu den Fortschritten der Beitrittskandidaten vorgelegt werden. Obwohl die
Berichte noch nicht veröffentlicht sind, ist bereits durchgedrungen, daß
Polen diesmal ein schlechtes Zeugnis ausgestellt werden wird.
Nach der Bildung der neuen Regierung in Warschau will die EU offenbar den
Druck erhöhen, damit auch der größte Beitrittskandidat seine Vorbereitungen
auf die Mitgliedschaft beschleunigt. Brüssel drängt auch darauf, daß Polen
seine kompromißlose Haltung in wichtigen Verhandlungspunkten aufgibt.
Während etwa die meisten Kandidaten bereits maximal siebenjährige Übergangsfristen
für die Freizügigkeit von Arbeitnehmern akzeptiert haben, hat sich Polen
bisher konsequent dagegen gesträubt. Im Gegenzug fordert Warschau für sich
selbst eine möglichst lange Übergangsfrist für den Verkauf von Grund und
Boden an EU-Bürger.
Die Kritik der EU-Kommission konzentrierte sich bereits in den vergangenen
Wochen auf die zahlreichen offenen Verhandlungskapitel und auf die besorgniserregende
Haushaltsentwicklung in Polen. In der EU-Kommission wird befürchtet, daß
die gewaltige Budgetkrise, die eine Erblast der alten Solidarnosc-Regierung
ist, makroökonomische Auswirkungen haben könnte.
Anerkennung findet Warschau hingegen laut kolportierten Details des neuen
Berichts in seinem Bemühen, die Inflation einzudämmen und die Handelsbilanz
zu verbessern. Bereits unmittelbar nach dem letzten EU-Gipfel in Gent war
der amtierende Ratspräsident, Belgiens Premier Guy Verhofstadt, nach Warschau
gereist, um die polnischen Führung von der Besorgnis der EU-15 zu unterrichten.