Nachrichten aus Oberschlesien Ausgabe 039/ 07-21-2001 / 15:43:01
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DER SPIEGEL 23. Juli 2001

Warum protestieren gegen den Gipfel?

Die Mehrheit der Gipfel-Demonstranten plädiert nicht für eine Abschaffung der globalen Institutionen, sondern für deren grundlegende demokratische Reform.

Der Massenprotest gegen den Globalkapitalismus scheint die Regierenden so zu verblüffen wie weiland der Aufstand der DDR-Bürger die SED-Größen. Die Bewegung habe "nichts Demokratisches an sich", beklagte der britische Premier Tony Blair und hielt den Demonstranten entgegen, dass "die Globalisierung doch keine Bedrohung" sei. Vielmehr mehre der internationale Handel den Wohlstand und trage zur Lösung vieler Probleme bei. Er verstehe nicht, so Blair, "warum diese Ideen von der Straße angegriffen würden".

Die Erklärung ist einfach: Die Demonstranten glauben Blair und seinen Kollegen nicht mehr. Denn seit Jahren kommen die Regenten der führenden Industrieländer in zentralen Zukunftsfragen der Menschheit nicht voran:

Beispiel Finanzmärkte: Nach "der schlimmsten Finanzkrise seit Ende des Zweiten Weltkrieges" (Bill Clinton), die 1997/98 in den betroffenen Staaten Asiens und Südamerikas viele Millionen Menschen zurück in die absolute Armut stieß, versprachen die politischen Führer der Industrieländer beinahe unisono eine grundlegende Reform zur Stabilisierung der Kapitalflüsse und Devisenkurse. Doch alle wirksamen Vorschläge scheiterten an der Furcht der Regierungen vor dem gut organisierten Widerstand der Finanzindustrie.

Beispiel Steuerflucht: Steueroasen wie die britischen Cayman-Inseln, die Niederländischen Antillen oder Liechtenstein geraten zusehends zu einem schwarzen Loch der Weltwirtschaft, in dem nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) private Vermögen im Umfang von über fünf Billionen Dollar gebucht sind, um die Erträge steuerfrei kassieren zu können. Allein dem deutschen Fiskus entgehen so mindestens zwölf Milliarden Mark jährlich. Doch alle Initiativen, die so genannten Off-shore-Finanzplätze stillzulegen, scheiterten, weil die Regierungen nicht die Kraft aufbringen, dieses Privileg der Reichen anzutasten.

Beispiel Armutsbekämpfung: Seit Jahrzehnten steht die Minderung der Armut in Entwicklungsländern ganz oben auf der Agenda der G-7-Staaten und der von ihnen gelenkten Finanzinstitutionen Weltbank und IWF. Aber bis heute verfehlt die Mehrzahl aller Weltbank- und IWF-Programme dieses Ziel, weil sie auf die Interessen der Exporteure und der Finanzindustrie in den Industrieländern zugeschnitten sind und vielfach undemokratische Regime stützen.
"Verbal- und Realpolitik laufen immer weiter auseinander", beschreibt eine Sprecherin der Umweltorganisation "Urgewald" das Phänomen. Zugleich verfolgen die Aktivisten mit wachem Blick, wie immer mehr Entscheidungsgewalt von den nationalen Parlamenten auf internationale Beamtengremien und die Führungsetagen transnationaler Konzerne übergeht.

Folgerichtig entzündet sich der Widerstand primär an internationalen Institutionen wie Welthandelsorganisation (WTO), IWF oder dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wo Konzernchefs und Politiker hinter verschlossenen Türen Entscheidungen von globaler Reichweite treffen.

Das Urmotiv des Protests, der daraus erwächst, brachte vergangenen September die tschechische Studentin Katerina Liskova zum Ausdruck, als Präsident Václav Havel sie und andere Mitstreiter bei der Konferenz von Währungsfonds und Weltbank zum Dialog in die Prager Burg lud. "Ihr entscheidet über uns und ohne uns", schleuderte sie dem anwesenden Weltbank-Chef James Wolfensohn entgegen.

Genau dieser demokratische Impuls ist es, der die sonst gänzlich heterogene Bewegung antreibt. Dabei führt die Charakterisierung der Gipfel-Demonstranten als "Globalisierungsgegner" jedoch in die Irre. Die meisten nutzen nicht nur die globale elektronische Vernetzung und die Warenwelt, die es ohne die weltweite Arbeitsteilung gar nicht gäbe. Sie planen und denken auch in globalen Kategorien: Ohne weltweit geltende Abkommen und Organisationen zu deren Überwachung wäre es unmöglich, die globalisierte Ökonomie in geregelte Bahnen zu lenken. Darum plädiert die Mehrzahl der beteiligten Organisationen nicht für die Abschaffung der globalen Institutionen, sondern für deren grundlegende demokratische Reform.

Dafür allerdings gibt es gute Gründe. Vor allem der IWF und die Weltbank stehen nicht im Dienst der Menschheit, sondern der USA und ihrer Alliierten. Weil sich die Stimmen in den Vorständen seit Gründung der Institute vor 57 Jahren nach den Kräfteverhältnissen bemessen, verfügt die US-Regierung bis heute über die entscheidende Veto-Macht.

Diese Vorherrschaft haben Amerikas Regenten vielfach skrupellos missbraucht. So setzte etwa der damalige US-Finanzminister Bob Rubin während der Asienkrise durch, dass ein Überbrückungskredit für Südkorea mit einem Programm verknüpft wurde, das die Gläubiger aus den G-7-Staaten aus jeder Mitverantwortung entließ. Obwohl das Land keineswegs überschuldet war, sondern lediglich zu viele kurzfristige und in der Krise kündbare Darlehen aufgenommen hatte, erzwang der IWF ein Sparprogramm, das die Rezession drastisch verschärfte. In deren Verlauf konnten sich transnationale Konzerne aus den USA, Japan und Europa zu Ausverkaufspreisen in Südkorea einkaufen.
Diese Kritik teilt mittlerweile sogar der frühere Chefökonom der Weltbank, Joseph Stiglitz. Die globalen Finanzinstitute, so schrieb Stiglitz in der Zeitschrift "The New Republic", hätten die Asienkrise auf Kosten der Bevölkerung verschärft. Zugleich bestätigte er den Vorwurf, das Finanzregime untergrabe demokratische Prinzipien. "Die Kultur der Leute, welche die internationale Wirtschaftspolitik prägen, ist undemokratisch", stellte Stiglitz fest.


Vor diesem Hintergrund erscheinen die Motive für den Sturm auf Weltwirtschaftstagungen aller Art weit weniger diffus als häufig dargestellt. "Wir sind nicht Gegner, sondern Kritiker der Globalisierung", stellt Barbara Unmüßig klar, Aktivistin der ersten Stunde in der Organisation "Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung" (Weed). Unmüßig und viele ihrer Mitstreiter können präzise benennen, wo die globale Integration schief läuft.

So sind etwa gewerkschaftliche Rechte bis heute keineswegs globalisiert. Anders als die Handelsregeln der WTO werden Verstöße gegen die geltenden Uno-Konventionen zur Gewerkschaftsfreiheit oder zum Verbot von Kinderarbeit nicht mit Sanktionen geahndet. Darum beteiligen sich in den USA viele tausend Aktivisten an Kampagnen gegen die schrankenlose Ausbeutung in den Textilfabriken Mexikos, Nicaraguas und Indonesiens, wo Näherinnen für ein paar Cent pro Stunde teure Markenjeans produzieren, aber jeder Versuch der Selbstorganisation mit Gewalt unterdrückt wird.

Diese direkte Verbindung der Protestkultur in den Metropolen mit Gewerkschaftern in Entwicklungsländern verleiht der Bewegung ihre Wucht. Ermöglicht hat das erst jene Technologie, die zugleich auch den Turbosatz der Globalisierung stellt: das Internet. Mit ihm wurde die globale Vernetzung bezahlbar und damit demokratisch.
Insofern bremst der anschwellende Chor der Kritiker keineswegs den Globalisierungsprozess, sondern treibt ihn voran in eine weitere Dimension. Nicht die globale Verschmelzung ruft den Protest hervor, sondern deren einseitige Gestaltung zu Gunsten der Stärkeren. Nicht die globale Freiheit des Kapitals, sondern die globale Unfreiheit der Opfer dieses Prozesses erzürnt die neuen Protestler.

Darum verfängt auch die stete Beschwörung von Marktgläubigen wie Tony Blair nicht, der wachsende Welthandel mehre aber doch insgesamt den Wohlstand. Denn unbestreitbar ist eben auch, dass diese Zuwächse immer ungleicher verteilt werden, weil die Erwerbsarbeit immer weniger als Medium zur Verteilung dient.
Im harten globalen Standortwettbewerb schrumpft die Macht der Gewerkschaften, auf Löhne und Gehälter entfällt ein immer kleinerer Anteil am Ertrag. Selbst in der Bundesrepublik mit ihren egalitären Traditionen sank ihr Anteil am gesamten Volkseinkommen binnen sieben Jahren von 52 auf knapp 42 Prozent.

Zugleich können die nationalen Regierungen die Steuerpolitik nicht mehr nutzen, um dagegenzuhalten. Längst sind sie in einen weltweiten Steuersenkungswettbewerb für Unternehmen und Kapitalbesitzer verstrickt. Schon 1995 zahlten Kapitalgesellschaften in der EU 40 Prozent weniger Steuern als ein Jahrzehnt zuvor.

Wirklich bedrohlich ist jedoch der Abgrund, der sich zwischen den Wohlstandsländern und dem Rest der Welt auftut. Im Jahr 1960 erzielte das reiche Wohlstandsfünftel der Weltbevölkerung ein Pro-Kopf-Einkommen, das 30-mal höher lag als die Wirtschaftskraft der ärmsten 20 Prozent; 1999 erreichte die Differenz das 78fache.

Längst kann sich die Protestbewegung auch auf Kronzeugen aus genau jener Elite berufen, die sie bekämpft. So bekannte jüngst der deutsche IWF-Chef Horst Köhler, "die extremen Ungleichgewichte in der Verteilung der Wohlfahrtsgewinne werden mehr und mehr zu einer Bedrohung der politischen und sozialen Stabilität". Ein weiterer prominenter Sympathisant der Globalisierungskritiker ist ausgerechnet George Soros, der wohl berühmteste aller Spekulanten. Er macht sich für eine strenge Regulierung der Finanzmärkte stark.

Dieser wachsende Reigen der Dissidenten aus der internationalen Politik- und Finanzelite illustriert jedoch zugleich, wie ratlos auch viele derjenigen sind, die den Demonstranten als die Lenker der Globalisierung erscheinen. Selbst die scheinbar übermächtigen Konzernbosse beklagen, sie seien mit den Anliegen ihrer Kritiker überfordert. "Wo Menschen früher die Lösung politischer und ökologischer Probleme von der Regierung erwarteten, fordern sie jetzt Unternehmen direkt dazu auf, die Rolle zu übernehmen", beobachtete der Präsident des Ölgiganten Royal Dutch/Shell, Cornelius Herkströter. Doch "wir haben gar nicht die Befugnis, diese Aufgaben zu übernehmen", weist er die Verantwortung von sich, "wir haben kein Mandat".

Gleichzeitig machen die Mandatsträger jedoch die Erfahrung, dass sie sich besser den Forderungen der Multis beugen, weil sie sonst mit Kapitalflucht und Investitionsstopp bestraft werden. Der milliardenschwere Subventionssegen für Chip- und Autofabriken in Ostdeutschland steht darum politisch gar nicht mehr zur Debatte. So erweist sich bei näherem Hinsehen der massenhafte Widerstand gegen die ungleiche Globalisierung keineswegs als Sturm auf vermeintliche Machtzentralen. Viel eher handelt es sich um einen Protest gegen die Ohnmacht der scheinbar Mächtigen. Blockiert durch die jeweils im Heimatland dominierenden Lobbys der Konzerne, gelingt es ihnen im Wettbewerb um das freie Investitionskapital nicht, das global entfesselte Marktsystem wieder einer demokratischen Steuerung zu unterwerfen.
Ob und in welcher Form die jetzt aufgeflammte Gegenbewegung diese Selbstblockade durchbrechen kann, vermag niemand vorherzusagen. Hält sie an und gewinnt an Stärke, dann könnte sie reformwilligen Politikern die Macht- und Wählerbasis verschaffen, die sie für eine Umsteuerung der Globalisierung brauchten.
Genauso gut könnten sich aber auch viele Regierungen im Gefolge einer großen Rezession gezwungen sehen, wieder Schutzzölle gegen die ausländische Konkurrenz zu erheben und damit die Weltwirtschaft in eine noch tiefere Krise zu stürzen, warnt Robert Samuelson, einer der Großen unter Amerikas Ökonomen. "Wenn zu viele Länder das tun, dann könnte die Globalisierung implodieren."

Um das zu verhindern, so forderte Klaus Schwab, der Gründer und Präsident des World Economic Forum in Davos bereits vor fünf Jahren, gelte es zu demonstrieren, wie der globale Kapitalismus so funktionieren kann, "dass er auch der Mehrheit Nutzen bringt - und nicht nur Konzernmanagern und Investoren".

Für zumindest zwei der G-8-Chefs, Gerhard Schröder und Frankreichs Premier Lionel Jospin, scheint jedoch schon lange klar, dass diese Aufgabe auch ihr Job ist. Modernes Regieren, so erklärten sie nach ihrem Berliner Sommerseminar, das bedeute im 21. Jahrhundert auch, eine "faire Verteilung der Wohlstandsgewinne" herbeizuführen.

Vielleicht sollten Jospin und Schröder beim nächsten Mal auf die andere Seite der Barrikaden wechseln.

C.Emcke, H. Schumann

Lieber Hindenburger Erwin Czmiel in Stuttgart. Nach so viel Politik, wünsche ich Ihnen einen schönes Wochenende und eine erfolgreiche neue Woche,
Glückauf ihr Webmaster OS
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