W. I. Juretzko
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Werner by Freesilesia

Werner by RS

This page was established 11-15-2000

Oktoberwinde

 

Eine politische Betrachtung von Werner I. Juretzko

Man muß die Augen schließen, um den Oktoberwind, der die Blätter über den Roten Platz hier in Moskau oder um den Winterpalast in St. Petersburg in alle Himmelsrichtungen herumwirbelt, zuzuhören, was dieser zu berichten hat. Acht Jahrzehnte zurück wurde die ser Wind mit dem Ballern der abgefeuerten Kanonenschüsse des Kreuzers "Aurora" (Morgenröte) auf den Winterpalast, Sitz der Kerenski-Regierung, zum Sturm erhoben.

Der Kreml im Hintergrund

Auf dem Karl Marx Platz in Moskau mit dem Lubjanka Gefaengnis im
Hintergrund.

Vor der Zarenkathedrale in ST- Petersburg

Jetzt, Jahrzehnte später, schaukeln die Wellen der Neva den zum Museum der Oktoberrevolution bestimmten Kreuzer. Nur wenige Meter ist dieser verankert, von der Stelle, wo die Schüsse abgefeuert wurden, die den Sturm auf den Winterpalast einleiteten. Ein Sturm, welcher millonenfaches Leid der Menschheit brachte.

Der Winterpalast ist heute das Hermitage Museum. Es bietet dem Besucher einen Blick auf eine Sammlung von über 65000 Stücken der bedeutensten, weltgeschichtlichen Kulturgüter an.

Außer einer atemberaubenden Modelnachbildung der historischen Erstürmung des Winterpalastes von den Bolschewisten, erinnert nur ein Saal an diese turbulenten Tage. Hier deutet eine kleine Tafel an der Wand, welche kaum dem Besucher auffällt, folgendes:

" Hier in diesem Stuhl wurde am 7 Oktober 1917 um 2:00 Uhr Morgens Kerenski mit seiner Regierung verhaftet."

Was nicht auf dieser Tafel geschrieben steht, ist, daß mit Kerenski über 5000 Anhänger, Menschewikis, Intellektuelle, Zaristen und andere der Revolution nicht positiv Gesinnte in die danebenliegende Peter und Paul Festung getrieben wurden. In der gleichen Woche noch wurden auf Beschluß des Obersten Sowjets, " um die Petrograder Bevölkerung nicht durch das laute Schießen zu beunruhigen", alle Schutzhäftlinge mit Bajonnetten umgebracht.

Die Revolution begann ihre ersten Kinder zu fressen !

( Mit dem Eintritt Rußlands in den ersten Weltkrieg ist das deutschklingende Sankt Petersburg in Petrograd umbenannt worden und verblieb so bis 1924, dann wurde es auf Anweisung Stalins, Leningrad. 1987 entschied die Bevölkerung von Leningrad in einer demokratischen Wahlabstimmung der Stadt ihren originalen Namen zurückzugeben.)

Es ist wie eine Ironie des Schicksals, das hier vor einem Monat erst, die Gebeine des ermordeten Zaren Nickolas II und seiner Familie zur letzten Ruhe gebettet wurden. Im sibirischen Jekaterinenburg in den Kellern eines Jagdschloßes 1917 von den Kommunisten abgeschlachtet, waren die Leichen in einem nahen Wald verscharrt.

1997 wurden sie exhumiert und mittels DNA-Tests sind diese Knochen als die der Zarenfamilie identifiziert worden.

Keine andere Stelle auf dieser Welt wiederspiegelt den Keim, der die wirkliche Tiefe, die gesammte Weite oder das Ganze, was einst der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan, als das "Evil Empire" (das teuflische Reich) bezeichnete, mehr, als der Platz, hier vor dem Bolschoi Theater in Moskau, im Schatten des Kreml.

Gegenüber steht die überdimensionale Büste mit der häßlichen Fratze des Karl Marx ! Die aus dem steinernen Sockel heraustehenden kyrillischen Buchstaben schreien dem vorbeigehenden ins Antlitz : "Proletarier aller Länder vereinigt Euch".

Vor einigen Tagen erst wurden die letzten zwei Worte dieses marxistischen Aufrufes überklebt.

Ein Stück Wellpappe ergänzte einige englische Worte und die marxistische Inschrift lautete für eine kurze Zeit: "Proletarier aller Länder, I am Sorry". Ein ewig linientreuer Genosse riß es zu Boden und stellte das in seinen Augen geschändete Denkmal wieder in seiner Originalität her.

Doch die Hochburg der Tyrannei, welche bis vor kurzen noch die Menschheit, in einem Drittel der Erdoberfläche umspannenden teuflischen Riesenreich in Blut und Tränen ersoff, jegliches Aufbegehren mit dem Genickschuß erstickte, mit Gulags und Arbeitsvernichtungslagern von Archangelsk bis Wladiwoststok bestückte, ist das gelbe Gebäude dort, - die Lubjanka !

Hauptsitz des KGB - Ihr zentrales Gefängnis. In seinem Kellern liegen noch immer in versiegelten Tresoren die Karteikarten mit den Namen der 50-55 Mill. geschätzten Opfern der kommunistischen Einflußphäre und darüber hinaus in strenger Geheimhaltung.

Grosse, ovale Blumenbeete mit herrlichen gelb und braunen Herbstblumen schmücken den Platz vor der "Lubjanka". Vor kurzem erst wurde die wiederum so typisch ins überdimmensionale neigende kommunistisch - architektonische Tendenz des Bauens, das riesige Monument des Schöpfers des KGB Felix Dzierzhinsky abgebaut und in die historische Mottenkiste gelegt.

Es ist diese teuflische Troika Dzierzhinsky, der erste Tschekist, Yezhov, Stalins Bluthund und Beria, Stalins getreuer Henker, welche einst von den Räumen über diesen Blumenbeeten die Regie der Vernichtungsmaschine des Roten Höllenreiches führten. Es ist fast unfaßbar und furchtsam hier zu stehen. Es ist so ruhig hier ! Nur der Wind erzeugt ein Geräusch in den Blättern der Büsche, welcher eiskalt mir mit einem Gefühl des Grauens über den Rücken läuft - Es ist Oktober !!!

Beim Blick auf dieses grauenhafte Gebäude, "Die Lubjanka", kommt der Gedanke auf - ist all das satanisch-teuflische, was hinter dieser Fasade ausgebrütet wurde, tatsächlich vom Winde verweht ?

Die Antwort erfolgt ohne Zögern ! Nein, nicht vollkommen sind die "Roten Winde", die von hieraus über Völker und Staaten wehten, verweht. Da und dort berühren diese noch Teile unserer Welt. Diesen Monat erst wehte ein "Roter Hauch" 36 PDS -Abgeordnete in den neuen deutschen Bundestag. Direkte Nachkommen aus dem Gefolge des Erich Mielke, Armeegeneral und Minister des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) der DDR. Derselbe Mielke, der getreu seines Meisters Felix Dzierzhinsky, eine Kopie der Lubjanka in Berlin-Lichtenberg errichtete.

Seine Mitstreiter nannte er stolz seine "Rostocker Tschekisten", welche bis zum Mauerfall 17 Millionen Deutsche in politischer Knechtschaft hielten. Auch das Ehrenbattalion der Deutschen Volksarmee trug das Ärmelband "Felix Dzierzhinsky" an deren Uniform - den Namen des millionenfachen Mörders, vor dessen Gebäude ich jetzt stehe.

Mit einem Blick auf die Wolken über mir und meinen Gedanken ins Unendliche gerichtet, klage ich: "Herr im Himmel, wo warst Du als angefangen mit dem ersten Opfer hier die 55 Millionste Karteikarte im Keller angelegt wurde"

Doch die Antwort - die Antwort bleibt aus ! Aber der Wind weht ! Der Oktoberwind.

Er scheint in alle Richtungen von hier zu wehen. Und ich bete, er wird sie alle finden, die zum Tode gefolterten. Und wenn er weht, und sie findet, dann, Herr, erbarme dich ihrer armen Seelen !

...Oktoberwind, Oktorberwind...


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Erklärung zu Fotos:

1) Werner & Chrissy Juretzko am Platz vor dem Bolschoi Theater. Im Hintergrund die berüchtigte "Lubjanka", die Zentrale des KGB

2) Blick auf den Kreml und die Kathedrale des Heiligen Vasily

3) Überall zu finden - Denkmäler von Lenin

4) Kloster Novodevichy 60 km von Moskau entfernt, das nationale Heiligtum der russischen Zaren. Es wiederfährt eine religiöse Wiedergeburt. Zu Stalin's Zeiten wurde die Anzahl der Mönche bis auf 5 reduziert, heute sind es wieder 260 Gottesdiener. Die Hauptkirche wurde unter den Kommunisten zur Schiesshalle und die Ikone zu Zielscheiben. Diese Spuren sind heute noch sichtbar.

5) Das "Weisse Haus" in Moskau - Sitz der Duma. In. die unteren Stockwerke feuerten Präsident Boris Yelltsin's Panzer und unterdrückten den von Kommunisten inszenierten Staatssreich.

6) Das imposante Gebäude der Moskauer Universität

7) In dieser Bucht beginnt mit dem ersten Schuss des Kreuzers "Aurora" 1917 die bolschewistische Oktoberrevolution.

8) Der Winterpalast-jetzt das Hermitagemuseum-beherbergt die nach Ende des Krieges aus Deutschland geraubten Kunstschätze, u.a. den von Heinrich Schliemann 1876 entdeckten Schatz von Troja. Präsident Yeltsin versprach Bundeskanzler Helmut Kohl die Rückgabe der Schätze an Deutschland. Die russische DUMA (das Parlament) stimmte gegen seinen Beschluss und deklarierte diese Schätze als rechtliches, russisches Beutegut.

9) Tor der Peter und Paul Festung in Petersburg

10) Individuelle Gedenktafeln der ermordeten Zarenfamille in der Festungskirche. Grabstätte der russischen Zaren seit Peter dem Großen.

11) Der Sarkophag, letzte Ruhestätte der Gebeine des Zaren Nikolaus II. und seiner Familie.

 

Erschienen in der EINTRACHT - USA

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