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This page was established 11-15-2000

Die Glocke

 

Die Stimme der Glocke zum Totensonntag

Eine Erinnerung an Rydultau / Rydultowy, den Ort meiner Ahnen.

Von Werner I. Juretzko

Fremde Länder mit ihren lebhaften Städten entzückten oft meine Augen. Steigerten mein Erstaunen und Bewunderung ins Unermeßliche. Nahmen mich gefangen mit ihren historischen und ihren, ihnen so charakteristischen Sehenswürdigkeiten. Ein jedes dieser prägte tiefe Wurzeln in meine Erinnerung. Mögen auch ihre Bauwerke noch so hoch, noch so breit, noch so kolosal sich vor meinen Augen entfaltet haben, vermochten sie doch nicht das kleine Dorf in Oberschlesien mit seinen winkligen, ungepflasterten Gassen, der winzigen Kirche wo ich als kleiner Junge an Mutters Seite meine Hände zum frommen Gebet faltete, verdrängen. Geschweige von dem jetzt so schäbig aussehendem Schulhaus, wo zum ersten Mal ich das ABC über meine Lippen brachte und welches mir damals als das größte Gebäude in der Welt vorkam.

Ja - das ist mein Geburtsort !
Der Ort, der an seinem Rand einen von hohen Bäumen im Schatten verborgenen Friedhof versteckt hält, in dem die Gebeine meiner Vorfahren seit über dreihundert Jahren zur ewigen Ruhe liegen, ja, auch dieses ist ein Teil, welchen die Welt mit ihren gewaltigen Eindrücken auf mich nicht auslöschen vermochte. Von Weiten schon begrüßt der rote Kirchturm über die Gipfel der Tannenwälder hinweg den Reisenden. Das Glockengeläut zeugt vom Leben im Ort. Wenn es nicht gerade die Gläubigen zur Andacht ruft, dann erzählt es von den gewesenen und kommenden Ereignissen im Dorfleben.

Das Bimmeln der Glocke hatte schon stets einen markanten, faszinierenden Ton für mich.

...So ganz anders !

Viel feierlicher, viel trauriger, viel wichtiger, viel ausdrucksvoller als das der großen Dome, Münster und Kathedralen anderswo. Wahrscheinlich schon deshalb, weil es mein Kommen in diese Welt laut mit seinen Schlägen verkündete. Genau so wie seit jeher es das Kommen und Gehen meiner Vorfahren über Generationen und Generationen hinweg in die Gegend hineinläutete. Einen jeden Einzelnen empfing, begleitete und dann verabschiedete es in seinem Leben. Jeder hörte das Glockengeläute in der gleichen Reihenfolge ; einmal freudig, später feierlich und dann ganz zuletzt traurig.

Freudig, jubilierend konnte es man damals vernehmen, als zwei Kinder dieser Gegend Franz und Annastasia sich am Altar die Hände für´s Leben gaben. Es waren mein Vater und meine Mutter. Hell tönte der Klang der Glocke als diese die Taufe der zehn Kinder meiner Eltern weit und tief in die umliegenden Ortschaften hinaus posaunte, und jedes Mal traurig, wenn sie eines ihrer Lieben der Erde übergaben. Am traurigsten jedoch, wie noch nie zuvor, klang sie das letzte Mal als sie Abschied gab der Mutter, bevor die Erde sie für immer zu sich nahm.

Unheil verheissend bellte ihr Klang an dem Morgen als der Zweite Weltkrieg begann welcher uns aus den Betten riss. Von dann an war sie sehr oft zu hören. Jedesmal wenn die Hiobsbotschaft ankam, das Schlachtfeld hat ein weiteres Opfer verlangt, winselte ihr Ton jammernd - klagend in den Himmel hinauf. Es schien als ob die Wolken ihren letzten Gruß hinaus tragen sollten, mit sich forttragen, irgendwo in die Weite der russischen Steppe, Sibirien, dem Wald von Katyn, der lybischen Wüste, zu den Höhen von Narvik oder irgendwo auf den Meeresboden des Atlantik oder des Eismeeres zu dem Jungen hin, der einst übermütig in diesem Dorf spielte.

Niemand weiss wie lange schon die Glocke im Giebel des Kirchturmes hängt. Sicher weiss man jedoch, dass sie im Dreißigjährigen Krieg als einzige den Brand der Kirche überlebte. Sie sah dann die Menschen um sich herum das Gotteshaus neu aufbauen. Teilte von dann an Leid und Freude mit ihnen. Läutete Sturm und Feuer, Krieg und Frieden. Alles zu ihrer bestimmten Zeit. Doch einmal im Jahr erhebt sie ihre eherne Stimme als Gruß für alle die einmal um sie herum Geschichte machten, lebten, liebten und schafften. Den Toten zu Ehren, den noch Lebenden zur Mahnung, dass auch sie, längst nachdem sie gegangen sein werden, die Glocke sie nicht vergessen haben wird. Ganz gleich, wo auf welcher Stelle, unseres Erdballes ein jeder seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Die Stimme Glocke wird sie am Totensonntag überall finden !


Veröffentlicht in den USA in den deutschsprachigen Zeitschriften:
Wächter und Anzeiger Cleveland ,Ohio
Sonntagspost Chicago,Illinois
Eintracht Skokie,Illinois
Die Hausfrau Chicago,Illinois
Der Deutschamerikaner Chicago, Illinois

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