Die Geschichte der "Drahtseilwerke Adolf Deichsel"

Luftbild der Draht und Seilfabrick Deichsel AG

Das rechte Gebäude in der Bildmitte unten die Berufschule
Zur Geschichte

Was der am 25. Juli 1823 in Zülz OS geborene Seilermeister Adolf Deichsel und dessen gleichnamiger Sohn, später Kommerzienrat und Dr.-Ing. E.h schufen, trug den Namen der Stadt Hindenburg OS kennzeichnend in die ganze Welt und gibt ein Beispiel für das Wachsen vom Handwerk zu maschineller Herstellung, vom Kleinbetrieb zur Grossfabrikation allein durch Können und Fleiss.

Ebenso wie Krupp in Essen mit vier Mann, eröffnete Adolf Deichsel am 31. August 1855 in Hindenburg OS (Zabrze) auf einem rd, 2 ha grossen, am Stollenkanal gelegenen Gelände, in einer gemieteten unscheinbaren Arbeitsstätte eine Seilerei. In Anpassung an die wachsenden Bedürfnisse der Bergwerksbetriebe fertigte die junge Firma neben Hanfseilen bald auch Drahtseile. Das erste hergestellte Drahtseil wurde als Förderseil an den Dechenschacht der Königin Luise-Grube in Hindenburg OS geliefert.

Bereits 1859 erwies sich diese Betriebsstätte, in der inzwischen zwei weitere Gehilfen beschäftigt wurden, als unzureichend. An der Koppstrasse wurde ein ausgedehnter Grundstückskomplex erworben, der 1920 rd. 254 175 qm hatte. Die bisher überwiegend auf Handbetrieb eingestellte Fabrikation wurde weitgehend auf Maschinenbetrieb umgestellt.

Die Güte der Produkte und streng reelle Geschäftsgrundsätze erweiterten rasch den Kundenkreis. Die steigende Nachfrage und die damit erhöhte Menge des zur Verarbeitung benötigten Drahtmaterials, wie auch ökonomische Erwägungen führten zur eigenen Drahterzeugung. So wurde um 1899 die Drahtzieherei mit Härterei und Drahtwäsche eingerichtet; hinzu kamen im Jahre 1902 die elektrolytische und Feuerverzinkerei. Grosser Wert wurde auf die Herstellung feiner, hochwertiger Stahldrähte mit höchster Bruchfestigkeit gelegt. Die ersten Stahlseile in Kreuzschlag lieferte Deichsel an die Schächte Skalley, von Krug und Schönaich. Das Dreikantlitzenseil ,,System Deichsel", dessen Litzen, obwohl sämtliche Drähte runden Querschnitt haben, ein Dreieck bilden, wurde patentiert und bald ausserordentlich begehrt.

Um 1907 wurde der Betrieb der Hanfseilerei, der bisher einen Teil der Drahtseilerei einnahm, zu einem besonderen Fabrikationszweig für runde, quadratische und mehrkantige Transmissionsseile ausgebaut. Gleichzeitig wurde eine Spinnerei zur Herstellung von für die Hanfseile benötigten Garne eingerichtet und im Jahre 1910 die Bindfadenfabrikation in grossem Umfange aufgenommen.

Die rasche Entwicklung des Werkes machte neben zahlreichen Neu- und Erweiterungsbauten im Jahre 1914 die Einrichtung einer mechanischen Werkstatt,verbunden mit autogener Schweisserei, Tischlerei, Modelltischlerei und einem Gattersägewerk erforderlich, so dass nunmehr auch neue, auf langjährige Erfahrung basierende zweckmässigere Maschinen selbst hergestellt werden konnten, die z. T. patentiert wurden. Ferner wurden eine eigene Ziegelei mit besonderer Kleinbahn mit Akkumulatorenbetrieb und 1920 zur Deckung des Wasserbedarfs ein eigener Brunnen (500 cbm Wasser in 24 Stunden) angelegt. Die Transportfrage für die Produkte wurde bereits ab 1910 durch einen eigenen Gleisanschluss an die Staatsbahn gelöst.
Während des I. Weltkrieges lieferte die Firma Deichsel rd. 800 km Unterseeboot-und Torpedoschutznetze an die Marine. Die folgende zahlenmässige Übersicht möge die Entwicklung des Hindenburger Deichsel-Werkes verdeutlichen:

Produktion an Draht, Drahtseilen, Hanfseilen und Bindfäden

Jahr  

Arbeiterzahl

Produkte in t
1855 4  
1896 50  
1900 200  
1905 275 325
1910 489 6 701
1914 1160 9 635
1915 1231 8 158
1917   12 129
1918 1511  
1920 1511 10 034
1924   9 789

 

Das Sinken der Zahlen nach dem 1. Weltkrieg ist auf die damals

herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse, aber auch auf technische Verbesserungen zurück zuführen. Die schnelle und gedeihliche Entwicklung des Unternehmens schon in frühen Jahren fuehrte zur Gründung von Schwesterwerken in Sosnowitz (1882), Witkowitz b. Mährisch-Ostrau (1891) und Miskols Ungarn (1912) sowie zum Ankauf der Drahtseilfabrik C. Kohlmann in Zawodzie bei Kattowitz (1900).  Im Jahre 1921 wurde die Firma in die ,,Adolf Deichsel, Drahtwerke und Seilfabriken-Aktiengeselischaft Hindenburg OS" umgewandelt.

Welchen Ruf das Unternehmen verhältnismässig früh erlangt hatte, zeigen am besten die Tatsachen, dass bereits im Jahre 1905 ein
22 km langes Drahtseil für eine Schwebebahn in Norwegen und im Jahre 1910 fünf Stahldrahtseile von je 30 000 kg Eigengewicht und 300 000 kg Tragkraft nach dern Saarbrücker- Kohlenrevier (St. Avoid) geliefert wurden. Die erste Personenschwebebahn Deutschlands auf den Fichtelberg bei Oberwiesenthal im Erzgebirge und die damals modernste und längste Personenschwebebahn Europas auf das Nebelhorn bei Oberstdorf im Allgäu erhielten ihre Seilausrüstungen von Adolf Deichsel aus Hindenburg OS. In ganz Deutschland und in weiten Teilen des Auslandes wurde der Absatzmarkt für Drähte, Drahtseile, Dampfpflugseile, Drahtgeflechte, Hanfseile, Bindfäden und Garne aller Art des anfänglich bescheidenen und kleinen Unternehmens erschlossen, dass sich zuletzt mit Stolz als eines der ersten dieser Art in Deutschland nennen durfte.

Über die Fortentwicklung des Werkes wurde die Sorge um das Wohl der Werksangehörigen nicht vergessen. 56 Wohnhäuser mit 266 Wohnungen und Gartenland, eine Werksverkaufsstelle für Lebensmittel in der Zeit der schweren Not, eine Betriebskrankenkasse, eine Arbeiterunterstützungs- und Pensionskasse sowie ein 500 Personen fassender Saal nebst Garten und Kasino, die auch den Werksvereinen (Gesang-, Turn- und Sportverein) zur Verfügung standen, waren neben einem Erholungsheim in Bad Altheide beispielhafte soziale Einrichtungen.

1945 wurden die wichtigsten Produktionsanlagen demontiert und nach Russland gebracht.